Hannover - Was heute als Gespann bezeichnet wird, hat mit den simplen Urahnen kaum mehr etwas gemein. Die aktuellen Motorräder mit "Beiboot" sind sehr aufwendige Konstruktionen geworden, für die viel Geld verlangt und auch bezahlt wird.
"Für Motorradgespanne gibt es eine vergleichsweise kleine, aber feine Kundengruppe", sagt Roger Eggers, Motorradexperte des TÜV Nord in Hannover. Und so klein, wie sie auf den ersten Blick erscheint, ist die Schar der Anhänger gar nicht: "Als wir vor mehr als 20 Jahren mit dem Gespannbau anfingen, gab es in Deutschland vielleicht vier oder fünf andere Unternehmen. Heute sind es mehr als 80", sagt der Unternehmer Peter Sauer aus Brodersby (Schleswig-Holstein).
Konstruktionen sind aufwendiger geworden
Weiter entwickelt hat sich in dieser Zeit aber auch die Technik, mit der die Gespanne heute ausgestattet werden. Die simple Idee, einen Beiwagen mit dem Motorrad zu verschrauben, hat längst ausgedient - was auch an der Konstruktion der modernen Zweiräder liegt. "In den Papieren steht in der Regel, dass die Motorräder für den Seitenwagenbetrieb nicht geprüft sind", erläutert der Experte Manfred Stahmer aus Rantrum(Schleswig-Holstein).
Das hat zur Folge, dass die Dreiräder vor ihrer Zulassung ausgiebigen Prüfungen unterzogen werden müssen. Umgerüstet werden vor allem Hubraum- und PS-starke Maschinen, die auch mit dem dritten Rad zu eindrucksvollen Fahrleistungen im Stande sind. "Meist handelt es sich um Motorräder mit gut 100 PS", sagt Eggers.
Von der Vorderradführung bleibt dann in der Regel nichts übrig: "Die Teleskopgabel wird durch eine Vorderradschwinge ersetzt", erklärt Peter Horn von Orion-Gespannbau in Iserlohn. Immerhin hat das Rad bei Kurvenfahrten ganz andere Kräfte als sonst auszuhalten. Ein Gespann stemmt sich nicht in Schräglage gegen die Fliehkräfte.
Räder mit herkömmlichen Autoreifen
Die typischen großen Räder des Motorrades inklusive der Reifen mit abgerundeter Lauffläche sind bei den hochwertigen Umbauten ebenfalls Ausschussware. "Stattdessen werden Räder im Format 13 bis 15 Zoll mit herkömmlichen Autoreifen eingebaut. Damit lässt sich das Gespann besser fahren. Außerdem halten die Reifen länger", erklärt Horn. Weil das Gespann eben keine Schräglagen fährt, ist die abgerundete Lauffläche der Motorradreifen kaum sinnvoll.
Laut TÜV-Experte Eggers haben die neuen, kleineren Räder aber auch noch andere Funktionen: Zum einen sorgen sie für einen niedrigeren Schwerpunkt des Gefährts. Außerdem steigt durch den Beiwagen das Gewicht des Fahrzeugs. Daher werde eine kürzere Übersetzung gebraucht, um ein ordentliches Beschleunigungsvermögen zu erzielen. Eben das wird durch den Einsatz des kleinen Rades erreicht.
Der wohl größte Aufwand ist aber die Verbindung der Seiten von Motorrad und Beiwagen. "Am Rahmen des Motorrads darf nicht geschweißt werden", sagt Achim Kuppinger von der Sachverständigen-Organisation Dekra in Stuttgart. In der Regel konstruieren die Gespannbauer daher einen Hilfsrahmen, der mit dem Motorradrahmen verschraubt wird und an dem sich der Beiwagen befestigen lässt. "Im Grunde bauen wir ein Korsett, in das wir dann das Motorrad hineinstellen", erläutert Peter Sauer.Der Umbau dauert mindestens eine Woche
Ein so aufwendiger Umbau braucht seine Zeit. "Bei ganz einfachen Geschichten dauert der Umbau eine Woche, bei aufwendigeren und schwierigeren Aufträgen auch ein viertel oder ein halbes Jahr", so Sauer.
Das hat seinen Preis: Die Preisliste für Umbauten fängt bei 7500 bis 8000 Euro an, nach oben gibt es keine Grenze. Horn nennt 25 000 bis 30 000 Euro als Preis für hochklassige Modelle. Die Beweggründe der Kundschaft, so viel Geld auszugeben, sind ganz verschieden: "Oft handelt es sich um Leute, die in der Vergangenheit mit einer Solo-Maschine unterwegs waren", sagt Peter Horn. "Dann haben sie eine Familie gegründet, wollen ihr Hobby aber nicht aufgeben und trotzdem mit der Familie unterwegs sein."
Doch gerade diejenigen Käufer, die frisch vom Zwei- aufs Dreirad umsteigen, haben erfahrungsgemäß die größten Probleme sich an das neue Fahrzeug zu gewöhnen. "Der Fahrstil mit dem Gespann ist ganz anders", erklärt TÜV-Experte Roger Eggers. "Man muss wirklich mit Körpereinsatz fahren." Wird ein Motorrad mit leichten Bewegungen in die Kurve gelenkt, so muss beim Dreirad beherzt am Lenker gezogen werden. Laut Experten kommen deshalb gerade jene Menschen mit einem Gespann am schnellsten zurecht, die noch nie oder schon lange nicht mehr Motorrad gefahren sind.
Heiko Haupt, gmsAuf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Auto | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH