Von Dirk Herrmann
Stuttgart - Am Schaft des Stuttgarter Fernsehturms hatte Trabers Crew zwei 16 Millimeter dicke Stahlseile befestigt, 200 Meter entfernt wurden die Enden an einem zwölf Meter hohen Mast fixiert. Tonnenschwere Lastwagen am Boden bildeten das Gegengewicht. "Die Seile exakt zu spannen, das ist die Schwierigkeit", sagte Johann Traber.
Am Donnerstag stieg der Hochseilartist in einen Smart und fuhr mit Schwung die schräg gespannten Seilen hinauf. Oben angekommen, zog der 51-Jährige die Handbremse, balancierte aus dem Fenster und machte einen Handstand auf dem Autodach.
"Es war sehr einsam", sagte Traber nach der 32 Sekunden dauernden Fahrt. "Aber ich wusste, dass ich es schaffe." Mehrmals habe er vor dem Start gebetet. Oben angekommen sei das Auto etwas zurückgerutscht. Aber der Trip habe sich für ihn gelohnt: "Stuttgart sieht von oben richtig schön aus."
Johann Traber gehört mit seinen Brüdern zur Weltelite der Hochseilartisten und war als Stuntman schon in dem James Bond-Klassiker "Moonraker" zu sehen. Nach Polizeiangaben waren rund 6000 Menschen Zeugen des Spektakels. Ursprünglich hatten die Veranstalter, das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart, geplant, dass Traber bis zur Turmkanzel in rund 100 Meter Höhe fahren sollte. Das Bauordnungsamt stoppte diese Idee, da es Probleme mit der Statik des 217 Meter hohen Turms befürchtete. Für einen Weltrekord reichten jedoch auch 53 Meter aus.
Trabers Weltrekord-Auto ist ein herkömmliches Serienfahrzeug mit 60 kW (82 PS). Nur wenige technische Modifizierungen mussten an dem Fahrzeug vorgenommen werden: "An Stelle der Räder haben wir Reibrollen angebracht, mit ungefähr dem gleichen Durchmesser wie unsere Standardräder, aber nur 16 Millimeter breit und mit einer schmalen Rille, in der das Seil läuft", beschreibt Hubert Kogel vom Hersteller Smart die Umbauten. Zusätzlich wurde am Unterboden ein Gegengewicht befestigt, ähnlich der Balancierstange eines Seiltänzers.
"Das Auto wiegt mit den Spezialfelgen fast 1200 Kilogramm. Wenn das angefangen hätte zu trudeln, wäre alles aus gewesen", erzählt Traber. Deshalb durfte die Aktion auch nur bis Windstärke vier stattfinden. Der Drahtseilakt bei 38 Grad Steigung war nicht ungefährlich, auch wenn sich der Artist nach eigenen Angaben gut vorbereitet hatte. Er übte auf einer DaimlerChrysler-Teststrecke in Stuttgart-Untertürkheim, ihm stand eine Betonrampe zur Verfügung. Hier werden sonst Lkw auf Motorleistung und Bremsverhalten bei Steigungen getestet.
Traber beschrieb das Gefühl vor dem großen Auftritt so: "Das ist wie ein Rendezvous mit einem schönen Mädchen, auf das man schon lange scharf ist. Da muss man auch richtig vorbereitet rangehen."
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