Von Sebastian Knauer
Pushpito Ghosh verzieht höflicherweise keine Miene. "Schmeckt sehr gut", sagt er in der Lobby des Magdeburger Maritim-Hotels bei einer Verkostung des örtlichen Saale-Ustrut-Weißweins. Der indische Biotreibstoff-Experte hat vor dem Environmental Forum von DaimlerChrysler und der United Nations sein Projekt nachwachsener Rohstoffe für den Automobilantrieb präsentiert: Sundiesel aus der Jatropha-Pflanze von nordindischen Plantagen.
Partner von Ghosh, Direktor des Central Salt and Marine Chemicals Research Institute (CSMCRI) im nordindischen Bhavnagar, sind die Agrarforscher der Universität Hohenheim in Stuttgart. Dort wird am Institut für Tierproduktion in den Tropen und Subtropen an Alternativen zu den Treibstoffen aus Erdöl gearbeitet, deren Preise an den Tankstellen immer weiter nach oben klettern. "Wir können jetzt mit dem herkömmlichen Diesel gleichziehen, die Sache rechnet sich", sagt Projektleiter Klaus Becker. Damit könnte die Mineralölindustrie, die den Treibstoff der Industriegesellschaften bislang aus knapper werdenden Erdölreserven raffiniert, erstmals ernsthafte Konkurrenz bekommen. "Viel versprechend", urteilt auch Rolf Gerber von der staatlichen Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) über den Pflanzensprit und bewilligte entsprechende Fördergelder. Im Bhavnagar präsentiert Ghosch Anfang Oktober die ersten Ergebnisse der Sundiesel-Forschung.
Potenzmittel für Südamerikaner
Zur Spritpflanze der Zukunft hat Becker nach mühsamen Recherchen das Wolfsmilchgewächs Jatropha bestimmt. Die Forscher konzentrieren sich auf die Art Jatropha curcas. Der bis zu drei Meter hohe Strauch mit efeuähnlichen Blättern wächst bereits seit über einem Jahr in deutschem Auftrag auf indischen Plantagen heran. Die bohnengroßen Früchte der Pflanze, als Brech- oder Purgiernüsse unter Heilkundigen bekannt, enthalten ein giftiges Toxalbumin, gut geeignet, um einen ordentlichen Durchfall zu erzeugen. Ein naher Verwandter, die Jatropha macrantha, ist in Südamerika als besonders starkes Potenzmittel bekannt.
Vor allem das fette Öl der Brechnuss, das von indischen Bauern traditionell als Brennmaterial genutzt wird, begeistert die Motorenexperten von Projektpartner DaimlerChrysler, der dem schwäbischen Tüftlergeist für einen sauberen Tank folgte. Ähnlich wie die Holzreste oder anderes Grünzeug im sächsischen Freiberg kann die bräunlich-träge Flüssigkeit in einem einfachen chemischen Prozess der Veresterung zu dem begehrten Sundiesel umgewandelt werden.
In den Labors des CSMCRI optimieren die Chemiker die Zusammensetzung des Treibstoffes, um möglichst wenige Verbrennungsrückstände und eine hohe so genannte Zündwilligkeit zu bekommen. Dann springt der Diesel auch im deutschen Winter auf eisigen Straßen zügig an. "Solche Wetterverhältnisse sind bei uns ja nicht so häufig", sagt Forschungsleiter Ghosh.
Subtropische Wärme und hohe Luftfeuchtigkeit sind das ideale Klima, um die Jatropha-Zöglinge zu erntefähige Sträucher hochzuziehen. Auf zwei Musterflächen mit insgesamt 30 Hektar wächst der Sprit von Acker zügig heran. Jeder Hektar kann jährlich rund 500 bis 750 Kilogramm Biodiesel erzeugen - zehn Tankfüllungen.
Die indischen Rohstoffplantagen dienen den DEG-Experten gleichzeitig als Pilotprojekt für Landschaftsschutz in Schwellenländern wie China, Brasilien oder afrikanischen Staaten. Denn die Versuchspflanzungen stehen auf steinigen und ausgelaugten Brachflächen, die für eine normale Landwirtschaft als verloren galten. Jetzt soll das Ödland mit den genügsamen Jathropa-Pflanzen wieder fruchtbar gemacht werden. "Wir versprechen uns, auch für andere ökologische Krisenregionen wichtige Erfahrungen zu sammeln", sagt DEG-Fachmann Rolf Gerber.
Geld verdienen mit Jatropha im Tank
Auch der Direktor des Uno-Umweltprogramms Klaus Töpfer verfolgt die Forschungsprojekte der Schwaben mit Wohlwollen. Zwar sieht er die "Gefahr neuer Monokulturen" in der tropischen Landwirtschaft und weitere "Klimabelastungen durch die globale Motorisierung". Aber jeden Beitrag zur Entwicklung von "umweltfreundlicheren Treibstoffen" hält Töpfer für "absolut notwendig". So können auch moderne Motoren wie ein in Indien gebauter Common-Rail-Diesel C-Klasse von DaimlerChrysler den Pflanzenstoff verbrennen. Aus dem Auspuff kommt ein leicht süßlicher Geruch, nicht vergleichbar dem Fritten-Gestank deutscher Rapsöl-Taxis.
Sundiesel soll als "sauberer und schwefelfreier Kraftstoff eine Alternative zum Rapsdiesel für den Massenmarkt werden", so Herbert Kohler, DaimlerChrysler-Umweltbeauftrager. Anders als in Europa stehen in den Schwellenländern ausreichend Ödland-Flächen zur Verfügung, um bei geringen Arbeitskosten den Sprit zu ernten. Insgesamt steckt der Konzern, einschließlich der Forschungsarbeiten an der Universität Hohenheim und in Ulm sowie der Flottentests, rund 400.000 Euro in den Sundiesel made in India, weitere 200.000 Euro kommen via DEG vom deutschen Steuerzahler. Für Kohler ein überschaubarer Betrag, da der Forschungs- und Umweltschutzetat des Konzerns bei rund 1,4 Milliarden Euro liegt.
Dass sich mit Jatropha im Tank auch Geld verdienen lässt, zeichnet sich bereits in der indischen Metropole Neu-Delhi ab. Auf Grund der katastrophalen Luftverschmutzung, an der die Autokonzerne ihren Anteil haben, erließ die Stadtverwaltung der 9,8-Millionen-Stadt kürzlich ein Fahrverbot für alle Dieselfahrzeuge, nur noch gasbetriebene Trucks dürfen in der Metropole verkehren. Schon verhandeln die DaimlerChrysler-Verkäufer über eine Sonderregelung für Fahrzeuge mit reduziertem Schadstoffausstoß - beispielsweise Sundiesel.
Zu hohe Erwartungen dämpfen allerdings die schwäbischen Forscher an der Universität Hohenheim selbst. Nach der Euphorie um die möglicherweise erst 2010 marktfähige Brennstoffzelle und nach der ökologischen Negativbilanz des deutschen Raps-Anbaus mit hohem Pestizid- und Energieeinsatz soll der Sundiesel "ganz seriös" entwickelt werden. "Einen Schnellschuss wollen wir nicht machen", sagt Pflanzenexperte Klaus Becker.
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