Gummischmutz: Feinstaubbericht schreckt Reifenindustrie auf

Von Philip Wesselhöft

In der hitzigen Debatte über Feinstaub, kleinste Schmutzteilchen in der Luft, wird meist über Dieselabgase und Rußpartikelfilter diskutiert. Dabei tragen auch Autoreifen ihren Teil zum Problem bei. Die Ausmaße sind noch unklar.

Qualmende Reifen beim Dragster-Rennen: Auch beim normalen Anfahren entsteht Gummischmutz
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Das Umweltbundesamt hat die Reifenindustrie aufgeschreckt: Im März veröffentlichte die Regierungsbehörde ein "Hintergrundpapier zum Thema Staub/Feinstaub (PM)". Auf 23 Seiten wird dort die Bedeutung der viel diskutierten Staubteilchen - in der Wissenschaft Particulate Matter genannt, kurz PM - für die Umwelt erläutert. Und auf Seite 4 ist zu lesen, aus welchen Quellen sich die innerörtliche Belastung mit den mikrobenkleinen Feinstaubpartikeln speise: Zur Hälfte aus der Emission von Dieselfahrzeugen, zu 25 Prozent aus Industriestaub und zu weiteren 25 Prozent aus dem, was der Verkehr aufwirbelt. Und das ist vor allem der Abrieb von Reifen - Gummischmutz also, der sich beim Anfahren, Abbremsen und auch einfach beim Rollen über den Asphalt vom Reifen löst.

Die Reifenhersteller sind überrascht: "Das sind erstaunliche Zahlen", sagt der Sprecher eines großen Pneuproduzenten. "Das kann ich fast nicht glauben." Denn andere Statistiken sehen den Straßenverkehr insgesamt, Abgase und Abriebe zusammengerechnet, nur zu 17 Prozent an der Verschmutzung der Luft mit Feinstaub beteiligt. Den Löwenanteil verursacht demnach die Industrie, zum Beispiel Verbrennungskraftwerke. Wie also kommt es zu den neuen Zahlen?

Auto-Reifen: Hersteller sind darauf bedacht, den Abrieb zu verringern
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Eine Sprecherin des Umweltbundesamt bezeichnete die Darstellung der Zahlen in dem neuen Feinstaubbericht gegenüber SPIEGEL ONLINE als "missverständlich". Die hier skizzierten hohen Belastungen durch Abgase und Reifenabrieb seien Extremwerte, die vielleicht an einzelnen Messstationen zu verzeichnen seien, sagte Sprecherin Annette Rauterberg-Wulff. Keinesfalls handele es sich aber um Durchschnittswerte für innerörtliche Verhältnisse.

Entwarnung will die Sprecherin aber nicht geben. "Die Feinstaub-Belastung ist örtlich sehr unterschiedlich, das hängt unter anderem von Verkehr und Bebauung ab", sagt die Umweltexpertin. Eine hohe, enge Blockbebauung an einer viel befahrenen Straße mit schlechtem Belag in einer Großstadt etwa führe zu wesentlich höheren Feinstaubbelastungen als Verkehrsverhältnisse in Gegenden ohne Straßenschluchten, wo die belastete Luft schneller abziehen kann. Für realistisch halte das Umweltbundesamt eine Beteiligung des Straßenverkehrs von "maximal 50 Prozent" an der Verunreinigung der Luft mit kleinsten Schmutzpartikeln. Fünf Prozent des Feinstaubs insgesamt setze sich aus Partikeln des Reifenabriebs zusammen. Diese Erkenntnisse bestätigt eine Studie der TU Berlin, die bereits 1998 unter dem Titel "Beitrag des Reifen- und Bremsenabriebs für Rußemissionen an Straßen" veröffentlicht wurde.

"Größe der Staubpartikel entscheidend

Fünf Prozent des Feinstaubs in der Luft stammt also von Reifen - wie ist diese Zahl einzuschätzen? "Vor allem ist die Größe der Staubpartikel entscheidend", sagt Rauterberg-Wulff. Immerhin ein bis zwei Kilogramm Gummi verliert ein Pkw-Reifen während seines Lebens durch Abrieb, Lkw-Reifen im Schnitt sogar neun bis zwölf Kilo. Rund neun Prozent davon werden zu Feinstaub. Zu Schwebstoffen also mit einem Durchmesser von maximal zehn Mikrometern - das ist etwa ein Zehntel des Durchmessers eines menschlichen Haares. Für die "PM 10" genannten Teilchen, die eingeatmet werden können, gelten die neuen EU-Richtlinien. Als besonders gefährlich gelten jene Partikel, die kleiner als 2,5 Mikrometer sind. Denn die passieren nicht nur den Kehlkopf und gelangen in die Bronchien, sondern auch in Lungenbläschen und damit sogar in den Blutkreislauf.

Die Feinstaubpartikel, die beim Reifenabrieb entstehen, sind in der Regel nicht ganz so klein, "toxikologisch also nicht so gefährlich wie der Dieselruß", heißt es im Umweltbundesamt. Doch die Reifenteilchen mit einer Größe zwischen fünf und zehn Mikrometern sind trotzdem gesundheitsschädigend. David Groneberg von der Charité Berlin berichtete erst kürzlich in der "Ärzte Zeitung", dass "Feinstaubexposition eindeutig zu einer Zunahme der Krankenhauseinweisungen wegen Asthma bronchiale" führe.

Altreifen: Abriebteilchen sind gesundheitsgefährdend
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Gesellt sich jetzt zum Imageschaden für die Autoindustrie - Dieselfahrzeuge sind plötzlich gar nicht mehr so umweltfreundlich - auch ein Problem für die Reifenzulieferer? Denn immerhin lässt sich die Feinstaub-Emission aus den Auspuffen mittels eines Rußpartikelfilters nahezu vollkommen abstellen. Einen Reifenabriebsfilter aber gibt es nicht. Und die Autofahrer davon zu überzeugen, möglichst vorsichtig zu bremsen und auf den Kavalierstart zu verzichten, wie es einige Umweltschützer bereits gefordert haben, scheint auch eher fragwürdig. "Zurzeit stehen wir relativ hilflos vor dem Problem", sagt Umweltbundesamt-Expertin Annette Rauterberg-Wulff. Denn der Reifen, der ohne Abrieb rollt, ist bislang Zukunftsmusik - auch wenn die Hersteller sich nach eigenen Angaben bemühen, den Gummiverlust ihrer Produkte zu verringern.

"Bei jedem neuen Reifen sind die Hersteller darauf bedacht, den Abrieb zu verringern", sagt Fritz Katzensteiner, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands der deutschen Kautschukindustrie (WDK), der Interessenvertretung der Reifenindustrie. Allerdings nicht wegen der Feinstaub-Problematik: "Der Wettbewerb und die Kundenzufriedenheit verlangen das", so Katzensteiner. "Die Autofahrer wollen ganz einfach, dass ihre Reifen möglichst lange halten."

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  • Datum: Dienstag 19.04.2005 | 15:08 Uhr
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