Designer-Reifen: W wie Wolfgangsee?

Von Philip Wesselhöft

Rund und schwarz - das reicht Reifenhersteller Vredestein nicht. Nach Sommer-, Sport- und Winterreifen haben die Holländer jetzt auch einen markant gestalteten Geländewagen-Pneu vom italienischen Star-Designer Giugiaro entwerfen lassen.

Die Gäste stehen im Nieselregen auf der Terrasse des Hotels am Wolfgangsee. Im grauen Dunst heben sich die Hänge des Salzkammerguts ins Nichts, ein paar Enten schwimmen träge am Ufer vorbei. Plötzlich wird die Stille des Nachmittags vom dröhnenden Flappflappflapp eines weißen Hubschraubers beendet. Die Maschine fliegt beängstigend knapp über das Dach, dreht bei und zieht noch zwei enge Runden über dem Wasser.

 Vredestein Wintrac 4 Xtreme: Holländischer SUV-Reifen mit italienischem Design
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Vredestein Wintrac 4 Xtreme: Holländischer SUV-Reifen mit italienischem Design

Dann setzt sie zur Landung an, 20 Meter von der Terrasse entfernt auf einem kleinen Rasenstück. Dem Cockpit entsteigt ein groß gewachsener Mann mit lockigem Haar, der den umstehenden Menschen freundlich zuwinkt, ähnlich George W. Bush, wenn der, vom Ferienhaus in Camp David kommend, vor der versammelten Presse auf dem Grün des Weißen Hauses aus seinem Regierungshubschrauber steigt. Hier ist es Fabrizio Giugiaro: Designer, Sohn des berühmten Autogestalters Giorgetto Giugiaro - und Hobby-Pilot, wie er gerade demonstriert hat.

Der 40-jährige Designer-Spross ist aus Turin an den Wolfgangsee gekommen, um ein neues Produkt von Italdesign Giugiaro vorzustellen, der Firma, die sein Vater vor bald 40 Jahren gründete. Genauer gesagt handelt es sich um ein Erzeugnis aus dem Hause Vredestein, doch der holländische Reifenhersteller hatte die Italiener mit der Aufgabe bedacht, ihrem neuen "Wintrac 4 Xtreme" ein markantes Profil zu verpassen. Denn nachdem Giugiaro bereits erfolgreich je einen Sommer-, Sport- und Winterreifen mit eigenwilligen Profilmustern veredelt hatte, wurde jetzt ein Pneu für das stetig wachsende Segment der allradgetriebenen Sport Utililiy Vehicles (SUV) entworfen. "Einen Allwetter-Reifen für First-Class-Autos wie Porsche Cayenne, BMW X5, VW Touareg und Range Rover", sagt Vredestein-Chef Rob Oudshoorn.

Reifenabdruck: W wie Winter - oder M wie Moskau?
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Reifenabdruck: W wie Winter - oder M wie Moskau?

Um sich von anderen Offroad-Reifen abzusetzen, wurde dem "Wintrac"-Reifen ein markantes Profil ins Gummi geschnitzt. Die quer zur Fahrtrichtung liegenden Rillen, die für Grip auf Schnee und Eis sorgen sollen, haben die Form von gespreizten "W" - W wie Winter, oder auch W wie Wolfgangsee. Denn zur Präsentation des Reifens hat Vredestein ein komplettes Design-Hotel im Salzkammergut in Österreich angemietet, inklusive trockeneisumnebelter Showbühne, Feuerwerk über dem See und dem Besuch von Fabrizio Giugiaro. Um dem neuen Reifen den Touch eines Lifestyle-Produkts zu verleihen, ließ man also den Designer aus Turin einfliegen. Dort ist er als Leiter des Styling Centers hauptsächlich verantwortlich für die Entwürfe von Auto-Studien, von schnellen Showcars, die auf Automobilmessen für Aufsehen sorgen - und auf den Autobahnen rund um Turin, wenn Sportwagenfan Fabrizio auf Spritztour geht. Auch hier am Wolfgangsee sind die rasanten Prototypen ausgestellt: der Chevrolet Corvette Moray, der futuristisch-flundernförmige Scighera auf Alfa-Romeo-Basis, der Aston Martin Twenty Twenty.

Dass der Karosserie- und PS-verliebte Italiener mit dem Jetset-Image nun vor der versammelten Presse über einen Reifen referieren soll, ist ein interessanter Coup der Holländer - der sich im Verlauf des Abends zum kapitalen Flop wandelt. Denn anstatt die tatsächlich einzigartige Profilgestaltung des "Wintrac" zu preisen, fabuliert Fabrizio Giugiaro über die Herausforderung, schöne Autos zu entwerfen. Das Wort "Reifen" kommt in der Rede nicht vor - was in den Reihen der Vredestein-Manager so manches Lächeln gefrieren lässt. Noch vor dem Nachtisch ist der Designer schon wieder verschwunden und in Richtung Turin unterwegs, obwohl er eigentlich zwei Tage bleiben sollte.

Doch dieses Desinteresse des Geschäftspartners steht symbolisch für das ureigenste Dilemma aller Reifenhersteller: Sie müssen ein Produkt vermarkten, von dem der Großteil der Kunden hauptsächlich erwartet, dass es rund und schwarz ist und möglichst nie die Luft verliert. Für Giugiaro scheint es nur irgendein weiteres Produkt im bunten Firmen-Portfolio zu sein, denn das renommierte Designunternehmen hat schon fast allem Gestalt gegeben: vom Hochgeschwindigkeitszug der finnischen Eisenbahn bis zur neuen Baretta-Pistole. Italdesign Giugiaro entwirft Möbel, Uhren, Busse, Hubschrauber, Computer, Telefone, Waschmaschinen, Rollschuhe, Küchen, Zahnarztstühle - und Autos.

Mit Autos fing die Erfolgsgeschichte des Firmengründers Giorgetto Giugiaro an, und mit Autos ist das Unternehmen berühmt geworden. Mehr als sein halbes Leben hat der heute 67-Jährige damit verbracht, Autos zu entwerfen. Das erste Golf-Modell, den Ur-Passat, den Fiat Panda, den Saab 9000 - seit 40 Jahren bestimmt Giugiaro das Verkehrsbild der Welt. Die Autoabteilung des Designunternehmens hat für nahezu jeden Hersteller gearbeitet, ob BMW oder Bugatti, Audi oder Alfa Romeo, Mazda oder Maserati. Unzähligen Motorhauben, Kotflügeln, Rücklichtern, Türgriffen und Stoßstangen hat Giugiaro Form gegeben. Und nun eben auch Reifen.

Wintrac 4 Xtreme: Auch abseits der Straße greift das markante Profil, wie hier in Schottland
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Wintrac 4 Xtreme: Auch abseits der Straße greift das markante Profil, wie hier in Schottland

Um die Jahrtausendwende herum hatte das holländische Unternehmen Vredestein an die Tür von Giugiaro geklopft. Denn der Reifenhersteller war arg ins Schleudern gekommen, hatte im Geschäftsjahr 2001 mehr als 30 Millionen Euro Verlust eingefahren. Deswegen suchten die Holländer nach einem neuen Imageträger, einem Produkt, das ihnen neuen Grip verleihen sollte im Wettbewerb mit den großen Herstellern wie Continental, Goodyear oder Pirelli.

Giugiaro lieferte ihnen diesen Wunderreifen: Den ersten Designer-Reifen der Welt, den "Sportrac". Und gleich darauf noch einen: Den "Ultrac" mit seinem sogenannten Bio-Profil, bei dem sich die Rillen wie die Adern eines Blattes durch das Gummi schlängelten. Der Reifen sorgte für Aufsehen - und machte den kleinen Hersteller aus Enschede so interessant, dass er diesen Mai von einem großen Unternehmen geschluckt wurde. Dass dies nun ausgerechnet der russische Petrochemie- und Reifenkonzern Amtel sein würde und kein amerikanischer oder asiatischer Hersteller, wie in der Branche gemunkelt worden war, damit hatte niemand gerechnet.

Auf jeden Fall passt der "Wintrac 4 Extreme"-Reifen damit bestens in die Produktpalette des Unternehmens. Denn wenn man sich das Profil-Muster aus anderem Blickwinkel anschaut, wird aus dem "W" ein "M". M wie Moskau.

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  • Datum: Donnerstag 13.10.2005 | 12:10 Uhr
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