Mitsuoka Orochi Nude Top Roadster: Fischmaul im Tiefflug

Von Tom Grünweg

Für europäische Verhältnisse ist das japanische Modellprogramm von Toyota, Nissan & Co schon ziemlich eigenartig. Doch kein Hersteller treibt es bunter als Mitsuoka. Im Mittelpunkt des skurrilen Panoptikums steht auf der Tokio Motor Show der Orochi Nude Top Roadster.

Die Erkenntnis ist trivial: Japaner haben einen anderen Geschmack, ein anderes Stilempfinden als Europäer. Das gilt für das Essen, die Musik, die Abendunterhaltung und für die Autos. Natürlich schwärmt man auch in Hiroshima oder Yokohama von einer Luxuslimousine aus Deutschland oder einem Sportwagen aus den USA. Doch daneben bleibt genügend Raum für ein paar Automobile, die in Europa bestenfalls Kopfschütteln auslösen würden.

Mitsuoka Orochi Nude Top Roadster: Fischmaul und Elfenbein-Lack
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Tom Grünweg

Mitsuoka Orochi Nude Top Roadster: Fischmaul und Elfenbein-Lack

Befriedigt werden zahlreiche dieser ungewöhnlichen Wünsche von der Firma Mitsuoka aus Tokio, die in den letzten Jahren mit einer ebenso exotischen wie exklusiven Modellpalette vom kleinen Karosserieschneider zum zehnten japanischen Automobilhersteller aufgestiegen ist. Obwohl derzeit nur drei Automodelle angeboten werden, die Fahrzeuge im Straßenbild kaum sichtbar sind und der Stand in der Makuhari-Messe nicht einmal ein Viertel so groß ist wie das Areal von Mazda oder Subaru, zählt das Unternehmen zu den großen Publikumsmagneten der Show.

Das verdanken die Japaner vor allem der Designstudie Orochi, die zwei Jahre nach dem Debüt der Coupé-Version nun als "Nude Top Roadster" auf der Drehbühne steht und den Betrachter mit der Faszination des Furchtbaren in ihren Bann schlägt. Denn schön ist die 4,59 Meter lange und gerade einmal hüfthohe Flunder mit dem verquollenen Fischmaul, den schwülstigen Flanken und dem zerklüfteten Heck ganz sicher nicht.

Trotzdem kann man den Blick kaum von ihr lösen. Zu skurril ist die Mischung, die hier aus stilistischen Zitaten von einem halben Dutzend berühmter Sportwagen zu einem neuen Roadster zusammengerührt wurde. Man muss ihn nur lange genug anschauen, dann findet man genügend Details, die an anderen Fahrzeugen schon einmal auf der Überholspur an einem vorbeigezogen sind.

Lasziv geöffnete Lippen zwischen Scheinwerfern

Die schräg gestellten Doppelscheinwerfer zum Beispiel wurden beim Mercedes SL abgekupfert. Die zum Bug ausgestellten Lufteinlässe unter dem angedeuteten Stoßfänger zitieren den Pontiac GTO, die Hakennase trägt so ähnlich auch der Mercedes SLR, die beinahe perforierte Motorhaube erinnert an einen Lotus, und die tief zerfurchte Flanke mit den riesigen Lufteinlässen für den Mittelmotor hat man so bereits bei Lamborghini und Ferrari gesehen. Und doch hat der Orochi auch etwas Eigenes: Denn die lasziv geöffneten Lippen zwischen den Scheinwerfern, die an das leicht geöffnete Maul eines Fisches erinnern, hat so noch kein anderer Designer eines Sportwagens hinbekommen.

Mitsuoka-Modelle: Die Typen Nouera und Galue zitieren britische Klassiker
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Fast schon gediegen und gewöhnlich geht es dagegen im Innenraum zu. Zwar ist Cremeweiß sicherlich nicht die bevorzugte Farbe europäischer Herrenfahrer. Doch weil in Japan helle Töne hoch im Kurs stehen, wird sich zumindest dort niemand an der komplett mit hellem Leder ausgeschlagenen Kommandozentrale des Zweisitzers stören. Allerdings sollte man den Wagen nicht im Freien Parken: Weil der Nude Top Roadster oben herum wirklich nackt ist und kein Verdeck bekommt, würden die in Tokio sehr häufigen Regenschauer hässliche Wasserflecken auf den Sitzen hinterlassen.

Egal ob man vom Design des Orochi nun fasziniert oder irritiert ist - auf jeden Fall nimmt man Mitsuoka die Aussage ab, der Roadster sei ein Renner. Viel mehr als den Glauben daran gibt es derzeit allerdings noch nicht. Denn "noch ist der Orochi Nude Top Roadster ein reines Showcar", entschuldigt sich ein Vertreter des Herstellers auf der Motor Show in Tokio, "deshalb haben wir für den Wagen noch kein Spezifikationen und technischen Daten."

Welcher Motor und welches Getriebe die japanische Stilblüte dereinst einmal in Fahrt bringen sollen, sei bislang noch offen, so die offizielle Sprachregelung. Im Umfeld der Messe allerdings wurde kolportiert, dass der Zweisitzer das technische Grundgerüst des Honda NSX nutzen könnte und demnach einen 280 PS (207 kW) starken V6-Motor bekäme. Im Original hat die 2,8 Liter große Maschine immerhin 270 km/h ermöglicht - mehr als genug, um damit im Nachtleben von Tokio das Fischmaul gewaltig aufzureißen.

Eigenentwicklungen mit hoher Dosis Skurrilität

Wer angesichts des gewöhnungsbedürftigen Designs darauf hofft, dass der Orochi das Schicksal vieler Studien teilt und nach der Messe eingemottet wird, der hat sich möglicherweise zu früh gefreut. Denn das Gegenteil beweisen die Japaner bereits seit mehr als 20 Jahren. Schon 1982 hat Mitsuoka das erste Auto auf die Räder gestellt und sich bereits damals munter bei internationalen Designklassikern bedient. So zeigte der Katalog der Anfangsjahre einen modernisierten Nachbau des Mercedes SSK, eine Neuinterpretation des Porsche 356 sowie eine Art Evolution des Lotus Super Seven.

Während diese Fahrzeuge noch als sehr freimütig interpretierte Nachbauten bekannter Klassiker durchgehen konnten, startete Mitsuoka 1995 mit einer Reihe von Eigenentwicklungen, deren Gemeinsamkeit eine hohe Dosis Skurrilität sind. Das kleinste Modell im Programm ist der gerade überarbeitete Viewt, von dem seit 1993 knapp 10.000 Exemplare gebaut worden sind. Der 4,40 Meter lange Viertürer mit dem runden Buckel trägt das Gesicht alter Jaguar-Limousinen und wird zu Preisen ab umgerechnet etwa 17.000 Euro angeboten.

Ebenfalls deutliche Anleihen bei Jaguar nimmt die Mittelklasse-Limousine Nouera, die immerhin 4,86 Meter misst und mit bis zu 200 PS (147 kW) sowie optionalem Allradantrieb für umgerechnet etwas mehr als 20.000 Euro verkauft wird. Die Krönung beim Ideenklau markiert die Chauffeurslimousine Galue, die aussieht, als hätte man sie um den Kühlergrill eines Rolls Royce herumgebaut. Auch wenn die übliche Kühlerfigur fehlt, lässt sich mit dem Retro-Klon Eindruck schinden - zumal unter der Haube des etwa 32.000 Euro teuren Wagens ein 3,5-Liter-Sechszylinder mit 280 PS (207 kW) bollert.

Natürlich kann man dieses Trio ebenso wie den Orochi, den Bonsai-Roadster Type F und ein paar andere nicht weniger ungewöhnliche Autos aus der Geschichte von Mitsuoka als japanische Eigenheit abtun, die für den Rest der Welt keine große Bedeutung hat. Doch macht man damit vielleicht einen Fehler. Denn schon jetzt verkaufen die Karosseriebauer ihre Kreationen auch in andere asiatische Staaten und den Mittleren Osten. Und auf der Tokio Motor Show suchen sie sogar nach Partnern für den Aufbau einer Europa-Dependance.

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  • Datum: Donnerstag 27.10.2005 | 05:53 Uhr
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