Japan-Kopien: Blaupausen auf Rädern

Aus Tokio berichtet Tom Grünweg

Eine Fahrt durch Tokio ist eine Kette von Déjà-vus: Jedes dritte Auto kommt einem bekannt vor - selbst wenn man es noch nie gesehen hat. Zwar besinnen sich japanische Designer gerade auf ihre eigene Identität. Doch im Straßenbild gibt es noch viele Blaupausen.

Für autointeressierte Touristen gibt es in Tokio eine kuriose Beschäftigung: Sie sollten sich nicht nur die Hochhäuser, Brücken oder Tempel betrachten, sondern auch immer wieder mal auf die Straße blicken. Denn dort lassen sich so viele automobile Doppelgänger entdecken, dass sich ein Déja-vu-Erlebnis an das nächste reiht.

Nissan Cima: Ein Doppelgänger der früheren Mercedes S-Klasse
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Tom Grünweg

Nissan Cima: Ein Doppelgänger der früheren Mercedes S-Klasse

Zwar zelebrieren die Designer der japanischen Autohersteller draußen vor der großen Stadt während der Tokio Motor Show einmal mehr die Rückbesinnung auf eigene Tugenden und zieren ihre Studien mit traditionellen Formen, Farben und Materialien. Doch zumindest im Straßenbild ist es mit der formalen Eigenständigkeit noch nicht weit her. Im Gegenteil: So mancher Bestseller auf dem Heimatmarkt ist kaum mehr als eine juristisch wohl einwandfreie, stilistisch aber nur schlecht getarnte Kopie eines Originals, das sonst den Stern, die Niere oder andere europäische Markenspezifika trägt.

Besonders hemmungslos geht es in der Oberklasse zu, wo die japanischen Hersteller nur zu gerne die Nähe zur prestigeträchtigen S-Klasse von Mercedes suchen. Schon der erste Lexus LS 400 war dem vorletzten Top-Modell aus Stuttgart wie aus dem Gesicht geschnitten. Und der vor zwei Jahren vorgestellte Nissan Cima gleicht der gerade abgelösten S-Klasse-Generation aus manchen Perspektiven bis auf die Figur am Kühler, die erst auf den zweiten Blick vom Stern unterschieden werden kann.

Nissan Stagea: Gewisse Ähnlichkeiten mit dem Volvo V 70
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Tom Grünweg

Nissan Stagea: Gewisse Ähnlichkeiten mit dem Volvo V 70

Gerade die vornehme Toyota-Schwester Lexus hat vor diesem Hintergrund angekündigt, dass sie stilistisch eigene Wege gehen möchte. Spätestens seit die Marke ein von Toyota emanzipiertes Entwicklungszentrum hat und nun erstmals offiziell auch in Japan angeboten wird, sollen die Fahrzeuge unverwechselbar werden, hat das Unternehmen immer wieder betont. Und sich mit dem aktuellen Modell IS gleich selbst widerlegt. Denn zumindest mancher deutsche Beobachter fühlten sich vor allem beim Blick auf das Heck verdächtig an einen Alfa 159 erinnert.

Auch bei den Wettbewerbern findet sich manche Ähnlichkeit: So geht der Nissan Stagea mit etwas Phantasie auch als Volvo V 70 durch, und der Minivan Elgrand könnte sogar ein VW-Bus sein. Mazda zeigt mit dem Versia die groß geratene Interpretation eines neuen Mini, der auch für den Suzuki Swift Pate gestanden haben könnte. Und bei Mitsuoka wirkt gleich die ganze Produktpalette wie ein Mix aus alten Jaguar-, Rolls-Royce- oder Lancia-Modellen.

Daihatsu Mira Gino: Da kommt doch ein Mini-Klon um die Ecke...
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Tom Grünweg

Daihatsu Mira Gino: Da kommt doch ein Mini-Klon um die Ecke...

"Ja, ja, es stimmt schon. Früher haben die japanischen Designer stark nach Europa und Amerika geschielt und wild drauflos kopiert", räumt Atsuhiko Yamada ein, der bei Mazda das Designcenter in Yokohama leitet. "Doch damit ist in den Studios längst Schluss." Gerade bei den Entwürfen für künftige Fahrzeugmodelle setzen die Kreativen immer stärker auf landestypische Eigenheiten bei Formen, Farben und Werkstoffen. So verziert Nissan sein Showcar Amenio mit jenem Rosenholz, das sonst in den Suiten japanischer Luxushotels verarbeitet wird. Mazda spielt beim Senku mit Farbkontrasten, die jenen in den Gesichtern der stark geschminkten Kabuki-Schauspieler ähneln. Außerdem erinnern Silhouette und Lackierung des Coupés an die Klinge eines Sushi-Messers.

Allerdings ist das Design mit dem sogenannten J-Faktor, als dem Japan-typischen Einschlag, für die Verantwortlichen eine gefährliche Gratwanderung: "Schließlich wollen wir nicht exotisch wirken, sondern im besten Fall rund um den Globus gut ankommen", sagt Yamada. Für diesen Anspruch aber seien die lokalen Wurzeln des Designs nicht mehr allzu wichtig. "Wenn ein Entwurf schön ist und allen gefällt, spielt es keine Rolle, ob er aus Japan, Europa oder den USA kommt." Dennoch nimmt Yamada für sich und seine japanischen Kollegen eine wachsende Distanz zum globalen Einheitsgeschmack in Anspruch. Auf den Straßen allerdings spiegelt sich das noch nicht wider. "Wir haben zwar längst unseren eigenen Weg gefunden, doch die Kunden orientieren sich weiter am europäischen Vorbild."

Hafeneinfahrt in Tokio: Freiheitsstatue und Brooklyn-Bridge
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Hafeneinfahrt in Tokio: Freiheitsstatue und Brooklyn-Bridge

Dabei ist gerade die Orientierung an Einflüssen von außen ein wichtiger Bestandteil der japanischen Tradition. Der freizügige Umgang mit dem geistigen Eigentum anderer Länder und Kulturen gehört im Land der aufgehenden Sonne zum kulturellen Erbe. Nicht umsonst werden Gäste der Hauptstadt bei der Anreise auf dem Seeweg erst von der New Yorker Freiheitsstatute begrüßt und unterqueren danach die Brooklyn-Bridge, bevor sie im Hafen anlegen. Wer mit dem Zug kommt, der steht am Hauptbahnhof vor der Fassade der Amsterdamer Centraal-Station. Und quasi als Krönung des Ganzen thront über der Stadt ein Eiffelturm. Allerdings ist er - wie so viele japanische Blaupausen - sogar besser als das Original. Der Grund: Der Turm in Tokio ist ein paar Meter höher als sein Vorbild an der Seine.

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  • Datum: Dienstag 01.11.2005 | 12:08 Uhr
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