Von Tom Grünweg
Der Automobildesigner an sich ist ein freisinniger Mensch. Er entwickelt er am liebsten Projekte, die nicht vom engen Korsett der Produktionsbedingungen beschränkt werden. Das zumindest behauptet Barry Toepke, der Sprecher der Los Angeles Auto Show, die diesen Freigeist weiter fördern will. Zu diesem Zweck wurde die "Design Challenge" ins Leben gerufen.
Bei ihr sollen sich pünktlich zur Show Anfang Januar die zahlreichen Kreativen aus den Studios im Großraum Los Angeles messen und dabei unter Beweis stellen, dass Kalifornien zu einem internationalen Brennpunkt des Autodesigns geworden ist und traditionellen Standorten wie Turin in nichts nachsteht. Klar, dass jeder Fahrzeughersteller, der etwas auf sich hält, irgendwo im Sonnenstaat an der US-Westküste ein paar Designer, Trendforscher und Stylisten beschäftigt, die am Auto von übermorgen arbeiten.
Das aktuelle Motto der "Design Challenge" lautet "Ein Abenteuer in L.A." und soll ein Spiegelbild der unzähligen Aktivitäten sein, mit denen man sich in Südkalifornien die Freizeit vertreibt. "Die Designer definieren ihr jeweiliges Abenteuer und schaffen dann ein Fahrzeug, das speziell auf diese Aktivität zugeschnitten ist", sagt Toepke. "Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt." Denn weder dem Rotstift noch dem Baukastensystem ihrer Arbeitgeber müssen sich die Kreativen beugen, selbst die Technik darf frei nach Utopisten wie Jules Verne ohne Bezug zum Machbaren zurechtvisioniert werden.
Bei Honda fielen diese Vorgaben auf besonders fruchtbaren Boden. Die Japaner kokettieren mit Hollywood und zeigen im Stil klassischer Filmplakate gleich sieben Showcars vom Whirlpool auf Rädern bis hin zum Raumkreuzer für die nächste Star-Wars-Folge. Auch das Advanced Designstudio von Mercedes ist mit drei Entwürfen im Rennen. Sie zeigen den Smart unter anderem als offenen Zweisitzer mit Mittelmotor, der am Strand und im Wasser fahren kann und Pamela Andersons Kollegen von Baywatch schnell und sicher durch die Fluten bringt.
Der Maybach wird unter ihrer Hand zum "California Gourmet Tourer", der als großzügig verglastes Dreirad mit eingebauter Küche, Weinregal, Espressomaschine und Esstisch ganz ohne Fahrer durch die Landschaft gleitet. Und als visionäre Weiterentwicklung von M-Klasse, G-Modell und Unimogs tritt der Mojave Runner auf. Ein Dienstwagen für Endzeithelden wie Mad Max, der im richtigen Leben der Zukunft vor allem für Rettungskräfte gedacht ist. Nachtsichtgerät, Sandsturm-Radar und GPS-Sensoren sind an Bord; ebenso eine Brennstoffzelle, die Energie liefert für das Bergungsgerät. Clou am Schuh: Die Reifen passen ihre Profiltiefe automatisch dem jeweiligen Untergrund an.
Durch die Nacht von Los Angeles im Audi Nero
Während die Schwaben in den USA das Abenteuer also eher auswärts suchen, drängt es die Audi-Designer in die Stadt. Sie haben im Stil der stromlinienförmigen Rekordfahrzeuge aus den dreißiger Jahren den "Nero" entworfen, der "jede Nacht in Los Angeles zu einem Abenteuer macht". Das futuristische Coupé, mit dem auch Batman durch seinen nächsten Film preschen könnte, trägt den neuen Kühlergrill aus Ingolstadt. An ihn schließt sich eine schier endlos lange, durchscheinende Motorhaube an, unter der man mehr als zwölf Zylinder erahnen kann. Die Flanke wird geprägt von voll verkleideten Radhäusern und beinahe wollüstigen Kotflügeln, während das Nero-Heck so spitz zuläuft wie eine schwarzsilberne Zigarre.
Der Zukunft des Motorsports widmen sich die Designer der Koreaner. Kia erinnert mit dem Sidewinder an die ersten offiziellen Drift-Rennen, die einstmals in Los Angeles ausgetragen wurden. Der tropfenförmige Zweisitzer wird angetrieben von einer Gasturbine, die den Strom für vier Radnaben-Motoren liefert. So kann der Sidewinder auch dann noch quer über die Rennstrecken schlittern, wenn der allzu freizügige Umgang mit Benzin politisch vollends unkorrekt wird.
Dieser Idee folgt auch Hyundai mit dem Greenspeed Gator, der Vision vom umweltfreundlichen Drag-Racer. Die lange Flunder mit den kleinen Vorder- und den großen Hinterrädern zitiert die Rennraketen aus den Sechzigern und trägt das grüne Feigenblatt nicht nur im Profil der eigenwilligen Reifen. Vielmehr stecken unter der Karosserie zwei Tanks mit Wasserstoff und eine Brennstoffzelle, mit deren Kraft sich die beiden Hinterräder beim Start zur Viertelmeile beinahe in Rauch auflösen.
Eher gewöhnlich wirken dagegen die Skizzen der japanischen Designer, deren Entwürfe zumindest auf den ersten Blick schon in ein oder zwei Jahren in Serie gehen könnten. So zeigt das Team von Scion, dem jugendlichen US-Ableger Toyotas, mit dem Exile ein wenig spektakuläres Sportcoupé. Und von Mitsubishi gibt es ein kleines Roadster-Konzept, das auf Knopfdruck vom Zwei- zum Viersitzer wird und mit 360 PS ins L.A.-Abenteuer startet.
Fährst du noch oder wohnst du schon?
Dass das Fahren auch zur Nebensache werden kann, zeigt die General-Motors-Tochter GMS mit dem "PAD", das den Pendlern den lästigen Weg zur Arbeit abnehmen soll. Denn statt sich jeden Morgen erneut in die Stadt zu stauen, bleibt man mit dem PAD über Nacht einfach dort. Dafür bietet der wie ein Gürteltier geformte Dreiachser den Komfort eines Lofts, das voll gestopft ist mit moderner Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik. Die Energie liefert ein Dieselgenerator, der beim Fahren auch die Elektromotoren antreibt.
Und wenn es am Wochenende auf dem Firmenparkplatz dann doch zu langweilig wird, reist man mit dem Pendlertraum auf Rädern zum Beispiel zum Fischen an den nächsten See. "Denn mit dem PAD bist du genau da zu Hause, wo du willst. Und pendeln können die anderen", schwärmen die Designer.
Beim Antrieb ihrer Studien beweisen die Entwickler bei allem kreativen Weitblick weitgehend Bodenhaftung. Fast immer kommt die Kraft für die Freizeitmodelle von einem Hybridpaket oder einer Brennstoffzelle. Die wahrscheinlich umweltfreundlichste und zugleich kalifornischste Lösung zeigt dabei der Running-Bus, mit dem Honda den Fitness-Wahn auf die Spitze treibt. Denn damit sein Hybrid-Antrieb den Strom zum Fahren erhält, müssen - wie der Hamster in der Tretmühle - zehn Jogger auf ein Laufband steigen.
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