Autostadt Cotonou
Baaklini hupt zwei Jungen zur Seite. Sie ziehen einen Handkarren mit Autoteilen, Schätze, die sie irgendwo ergattert haben: ein zerbeulter Kotflügel, eine ausgefranste Rückenlehne, eine rostige Felge. Die beiden wollen zu einem der vielen Teilemärkte. Rechts und links der Straße gibt es alles, vom Emblem übers Kassettenradio bis zum Schaltknauf. Was den Händlern abhanden gekommen ist, kaufen sie sich hier zurück. 800.000 Einwohner hat die Stadt, und direkt oder indirekt lebt jeder hier von Autos.
Die Kolonne kämpft sich weiter. Stopp, alle rechts ran, der Audi ist liegen geblieben. Baaklini winkt ein junges Mädchen herbei. Barfuß kommt sie auf den Wagen zu, in der Hand eine Zwei-Liter-Colaflasche. Der Fahrer des Audi schraubt den Tankverschluss ab. Das Mädchen setzt die Flasche an und kippt den Inhalt hinein. "Benzin", sagt Fares Baaklini, "das kommt aus Nigeria, von den großen Pipelines. Nicht die beste Qualität, aber es hilft uns erst einmal weiter." Das Mädchen erhält ein paar Geldscheine, bedankt sich mit einem kurzen Lächeln und geht schnell zurück zu ihrem Stand aus Holzkisten und Brettern. Eine Tankstelle. Dutzende großer und kleiner Flaschen lagern dort. Viele sind offen. " Spritgeruch hängt in der Luft. "Wenn ich hier länger bleibe als fünf Minuten, bekomme ich Kopfschmerzen", sagt Baaklini. Die Benzinmenschen schlafen direkt unter ihren Verkaufsgestellen. Babys krabbeln neben der Tankstelle. Golden leuchtet das Benzin in der Abendsonne. Ein Mann nimmt dem Tankmädchen die Scheine ab.
Hunderte Familien leben in Cotonou vom Verkauf des Treibstoffs aus dem benachbarten Ölland Nigeria. Unter größter Gefahr abgezapft, gestohlen. Manchmal fliegt eine Pipeline dabei in die Luft, und es gibt Tote. Mehr als 100 waren es bei der letzten Explosion. Furchtlose junge Männer auf Mopeds schmuggeln den Treibstoff über die Grenze nach Benin. Bis zu neun Kanister mit je 50 Litern schnallen die Hasardeure auf ihre klapprigen Simsons. Kanister, Kanister, Kanister – auf dem Gepäckträger, über dem Sattel, rechts und links vom Tank und noch einer obenauf. Nur die Augen des Fahrers schauen gerade noch darüber: Benzinbomben auf zwei Rädern. Wenn die Kuriere stürzen, ist alles vorbei. Aber die Autostadt braucht den Treibstoff, der sie am Leben hält, vorwärts bringt, in eine bessere Zukunft, so hoffen alle. Autos schaffen Arbeit, das weiß hier jeder. Nur ganz wenige regen sich auf: "Benin ist der Schrottplatz von Europa", meinen sie.
Autotüren knallen. Baaklini drängt weiter. Es ist spät, bald 21 Uhr, die Wagen müssen auf den Automarkt. Erst dort sind sie sicher.
Blechfestung
Der Muezzin ruft schon zum Mittagsgebet. Eine Gruppe Mechaniker hat die C-Klasse aus Hannover umlagert. Aufgebockt auf Ziegelsteinen, steht der kleine Mercedes ein wenig verloren zwischen Hunderten von Autos. Am Heck fehlt das Typenschild. Baaklini wird ein neues kaufen bei den Teilehändlern. Für 2000 Zentralafrikanische Franc, drei Euro – so viel wie der Tagesverdienst eines Mechanikers. Die Bremsen haben sich festgefressen, und ein paar Beulen sind hinzugekommen, irgendwo auf der langen Reise. Nicht so schlimm, die Reparatur kostet fast nichts in Benin.
Die Männer legen Schraubendreher und Hammer beiseite und holen ihre Gebetsteppiche aus dem Schuppen. Vor einer Reihe mit japanischen Geländewagen ist genug Platz, um die Matten auszubreiten und die Schuhe abzustellen. Die Arbeiter knien nieder und verneigen sich gen Mekka. Sie beten, mitten auf dem Automarkt.
40 solcher Verkaufsstationen gibt es am Rand von Benins Hauptstadt. Die Regierung hat Platz geschaffen für 70.000 Gebrauchte. Mit seinem Stahltor, dem hohen Zaun und den Wachtürmen, die gleichmäßig über das zwölf Hektar große Gelände verteilt sind, wirkt der RoRo-Trans-Automarkt wie ein Fort.
Knallrot in die Savanne gewälzt
Oben auf dem Turm zählt Baaklini seine Zündschlüssel. Er betet nicht, er arbeitet durch. Der Händler ist Christ, wie beinahe alle Autohändler aus dem Libanon. Seit 21 Jahren ist er nun schon im Gebrauchtwagengeschäft. Er hat in Cotonou geheiratet. Seine beiden Kinder gehen aufs Gymnasium. Das Autogeschäft zermürbt ihn. Die Gewinnmargen sinken und sinken. Immer mehr Autos muss Fares’ Firma importieren, um über die Runden zu kommen. Und Nachbarstaaten wie Nigeria, in das 60 Prozent aller Autos aus Benin weiterverkauft werden, akzeptieren keine Fahrzeuge mehr, die älter sind als acht Jahre. Offiziell jedenfalls. "Mit entsprechendem Handgeld für Zöllner kriegen wir natürlich auch uralte Modelle über die Grenze", sagt Baaklini beiläufig.
Fünf junge Männer aus Nigeria wollen eine Probefahrt machen. Nigerianer kommen immer in Gruppen. Das ist sicherer. Denn Autokäufer haben bündelweise Bargeld bei sich, und das wissen auch die Räuber. Die fünf interessieren sich für den Audi 100. Baaklini wirft einem Helfer die Schlüssel zu. 100 Meter sind es bis zu dem bejahrten Modell aus Ingolstadt, vorbei an den Lackierern, die gerade einem Honda einen neuen Look verpassen. Knallrot strahlt der Wagen jetzt. Frisch lackiert auf dem staubigen Boden, den die Automarktbetreiber in die Savanne von Benin gewalzt haben. Der Staat hat ihnen das eigentlich wertlose Gelände teuer verkauft.
Baaklinis Helfer schließt den Wagen auf und öffnet die Motorhaube. Vier Nigerianer beugen sich über die Zweilitermaschine. Der Fünfte im Bund startet und gibt kräftig Gas. Im Leerlauf lässt er den Wagen aufheulen, rhythmisch, minutenlang. Das Horchteam zieht die Köpfe unter der Haube hervor und diskutiert. Kurbelwelle? Ventile? Irgendwie läuft der Wagen nicht rund.
Die Audi-Haube knallt zu. Die Gruppe tritt den Rückweg an zum Verkaufsturm. Es soll nun doch ein Mercedes werden. "Demain, tomorrow. Morgen könnt ihr wieder kommen, da ist die C-Klasse fertig, ihr werdet begeistert sein. Ein Traum, climatisée, air-condition, AC", schwärmt Baaklini. Die Männer aus Nigeria haben Appetit bekommen. Am Ausgang der Autofestung hat sich der Fruchtsalatmann postiert. "Jolie, jolie, salade de fruit", ruft er seinen Werbeslogan über die Autodächer. Baaklini setzt die Sonnenbrille auf und wirft wieder einen Schlüssel vom Turm. Sein Handy klingelt: "Die Jungs aus Hannover."
Der Autohändler bleibt cool. Bestimmt wird der Mercedes morgen verkauft. Er hat ja Klima.
Thomas Seekamp, Jahrgang 1962, lebt als Fernsehjournalist in Hamburg und gehört zum erweiterten Kreis der mare-Familie. Sein Unternehmen nonfictionplanet produziert für das NDR Fernsehen mareTV. Er hat schon einmal eine Reportage über den Gebrauchtwagenexport realisiert, für die Sendereihe "ARD-exclusiv".
Stefan Kröger, geboren 1970, gelernter Architekt, fotografierte für mare No. 56 das Meeresforschungsinstitut in Woods Hole.
Auch der 1962 in Johnannesburg geborene Guy Tillim hat bereits für mare gearbeitet. In der "Kapstadt"-Ausgabe nahm er sich eines leichtfüßigeren Themas an: Er fotografierte surfende Weinbauern.
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