Sounddesign: Komponisten des perfekten Klicks

Von Philip Wesselhöft

Manche Autos erkennt man blind – am Sound ihrer Motoren. Doch nicht nur am perfekten Klang von Kolben und Ventilen wird im Akustiklabor gefeilt. Auch die Geräusche von Blinker, Scheibenwischern und Türen sind kleine Kompositionen aus dem Tonstudio. SPIEGEL ONLINE hat hingehört.

Rolf von Sivers gibt Gas, fünfter Gang. Der dunkelgrüne Porsche 911 Carrera S prescht durch eine S-Kurve. Runter in den dritten Gang. Die Drehzahlnadel springt auf 5000, der Motor heult auf. "Hören Sie sich das an", ruft der Chefakustiker von Porsche begeistert. "Dieses Singen! Das ist Leben!" Männer in Porsches werden gern emotional. Dass Rolf von Sivers am Steuer eines 911er noch feuchte Augen bekommt, ist allerdings bemerkenswert, noch dazu auf der Teststrecke im Entwicklungszentrum von Porsche in Weissach nahe Stuttgart. Denn sein täglicher Job ist es, Motoren zum Singen zu bringen. Er ist der Macher des Porsche-Sounds - auf seiner Visitenkarte steht der schöne Titel "General Manager Noise and Vibration Department".

Porsche-Turbo-Sound: Komposition aus den Auspuffrohren
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Porsche-Turbo-Sound: Komposition aus den Auspuffrohren

"Ein Auto muss akustisch leben", sagt der Geräusche-Manager. Wenn es sportlich durch die Kurven geht, soll der Motor Tacheles reden. Der markante Sound ist so wichtig wie das Markenemblem auf der Haube. "Es gibt viele Null-Sound-Autos", sagt Rolf von Sivers. "Da setzen sie sich rein und hören gar nichts." Wer aber in einem Porsche Platz nimmt, soll von einer Klangwolke umgeben sein, die einzigartig ist. Die wahre Enthusiasten begeistert - so wie Turbofahrer Walter Röhrl: "Schnelligkeit muss man hören", sagt die Rennlegende. Und das schon im Stand. "Der schönste Sound kommt beim Anlassen, dieses dunkle Blubbern, unvergleichlich."

Der typische Markensound wird bei Porsche in einem nur zwölf Quadratmeter kleinen Tonstudio auf dem insgesamt 67 Hektar großen Entwicklungsgelände komponiert. Hier laufen alle Daten aus den großen Schallmesslabors zusammen, mit Hilfe eines Computer-Equalizers werden die Frequenzen aller Geräusche im Antrieb aufeinander abgestimmt, bis ein Motor die Porsche-Sprache spricht. Weil aber die modernen Motoren nicht so markant luftgekühlt rasseln wie etwa das Aggregat eines 356er, muss am Computer ein Ziel-Sound entworfen werden. Der wird dann in echte Motorentechnik übersetzt. Damit etwa der Boxster-Motor frecher und trompetender klingt als das 911er-Aggregat, werden die Ansaug- und Abgasschalldämpfer modifiziert. Beim Carrera-GT-Motor wiederum sind die Ventildeckel extrem versteift, um einen extrem sportlichen, fast giftig-aggressiven Sound zu bekommen.

Ein komplexer Job. Denn wird der Zündschlüssel umgedreht, werden im Motor mehr als 1000 Bauteile in Bewegung gesetzt, vom Zylinder bis zum Hydrostößel am Ventil. Der Motor arbeitet, er vibriert - und jede Bewegung erzeugt Schallwellen. So etwa die Keilriemenscheibe, das Problemkind der Akustiker. "Die kann fantastisch abstrahlen", sagt von Sivers. "Wie ein Lautsprecher - das treibt einem die Schweißperlen auf die Stirn."

Beim Komponieren wird dann jedes Motorengeräusch auf den Monitoren als dreidimensionales Geräuschgebirge dargestellt. Jedes Brummeln, Knurren oder Granteln des Motors wird zu einer gelb und rot leuchtenden Alpenlandschaft. Gelbe Gipfel stehen für dominante Geräusche. Der satte Sound eines Gasstoßes beim Boxster etwa schafft einen mächtigen Bergkamm, das Blubbern eines 911er im Stand hingegen einen wie in der Abendsonne schimmernden Landstrich mit sanften Hügeln.

5 Prozent der Entwicklungskosten entfallen auf Sounddesign

Doch längst wird nicht nur der Motorensound im Akustiklabor entwickelt. Die meisten Autohersteller beschäftigen Heerscharen von Physikern und Ingenieuren im Bereich Sound-Engineering, um alle relevanten Geräusche im Auto auf einen charakteristischen Markensound zu trimmen. In Zeiten, in denen Autos immer leiser werden, von Sportwagen einmal abgesehen, werden wohlklingende Töne von Blinkern oder ins Schloss fallenden Türen immer wichtiger. Die Autoindustrie hat erkannt, dass auch scheinbar banale Geräusche mit Gefühlen verbunden sind und sich nicht nur mit prallen Kotflügeln oder schimmernden Lackierungen Emotionen wecken lassen. Rund fünf Prozent der Entwicklungskosten eines Autos entfallen mittlerweile auf das Sounddesign.

So beschäftigt VW 85 Mitarbeiter in der Abteilung Sound-Engineering, in der neben dem Motorenklang auch alle weiteren Geräusche-Quellen ein Feintuning erfahren. Auch das simple Blinker-Klicken. "Man muss unter anderem am Blinker-Geräusch erkennen, dass man in einem Volkswagen sitzt", sagt Rainer Schmidetzki, zuständig für die "Akustik Zusatzaggregate". Er ist verantwortlich, dass in Polo, Touareg oder Phaeton ein Volkswagen-typischer Sound von Blinkern, Scheibenwischern oder elektrisch verstellbaren Sitzen für Kundenbindung sorgt.

Denn Blinker etwa hören sich bei jedem Hersteller anders an. "Da gibt es alles, vom Knackfrosch bis zum nervösen Tickern", sagt Schmidetzki. Der Volkswagen-Blinker wiederum soll an das mechanische Relais erinnern, das in früheren Zeiten für das markante Klick-Klack sorgte. Das wird heute synthetisch hergestellt und über kleine Lautsprecher abgestrahlt. Der Schöpfer dieses zwar recht monotonen, aber weltweit bekannten Erfolgsstücks ist seinem Publikum allerdings nicht bekannt. "Dabei ist das Blinkerklicken", sagt Tonmeister Schmidetzki mit einem Anflug von künstlerischem Stolz in der Stimme, "schon eine richtige kleine Komposition."

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  • Datum: Mittwoch 25.10.2006 | 11:43 Uhr
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