Formaler Stillstand: Das Zaudern der Autodesigner

Von Jürgen Pander

Es gibt noch immer schöne Autos, sicher. Aber mal ehrlich: Wann standen Sie zuletzt vor einem aktuellen Serien-Pkw und dachten 'Wow'? Eben. Während die Technik sich teils sprunghaft entwickelt, tritt die Formgebung auf der Stelle.

Autos parken selbständig ein, halten automatisch Abstand zum Vorausfahrenden, spähen weit in die Dunkelheit hinaus und halten sich von selbst in der sicheren Spur. Das ist keine Zukunftsvision, das gibt es alles heute schon zu kaufen. Aber zu sehen ist davon nichts. Denn Autos von heute sehen aus wie Autos von gestern, von vorgestern und manchmal gar von vorvorgestern. Gewiss: So riesig wie momentan waren die Scheinwerfer noch nie, und ulkig-klobige Vehikel wie Vans oder SUVs gab es früher auch kaum. Doch im Prinzip gilt, dass auch die technisch ausgefuchstesten Fahrzeuge aussehen wie früher, als Starrachsen, Trommelbremsen und Vergaser normal waren.

"Das Design hinkt der Technik weit hinterher", sagt Lutz Fügener, Professor für Transportation Design an der Fachhochschule Pforzheim. "Was die Formensprache anlangt, sind wir derzeit in einer Extremphase." Und zwar einer extrem rückwärts orientierten. Zwar ist es durchaus normal, dass sich Design und Technik in unterschiedlichen Zyklen entwickeln, doch derzeit erscheint das Auseinanderklaffen beider Disziplinen als besonders krass. Fügener wagt daher eine kühne Prognose: "Der Knoten wird platzen. Womöglich werden wir ab 2010 ganz andere Autos sehen."

US-Hersteller zitieren vor allem die Vergangenheit

Schön wäre das. Etwas wirklich Neues täte der Branche gut, denn mittlerweile werden schon extra große Markenlogos, eine Chromleiste oder ein leicht geblähtes Radhaus als optische Großtaten vermarktet. Doch woher sollen die Impulse kommen? Aus Amerika, wo früher Autos im Raketendesign für Furore sorgten, wo die Heckflosse erfunden wurde und der geschlossene Radkasten? Eher nicht, denn die großen US-Marken haben sich vor allem auf das immer neue Interpretieren der eigenen Vergangenheit verlegt. Ford Superchief, Dodge Challenger, Chrysler Imperial oder Chevrolet Camaro sind Zeugen dieses Trends.

Kommt der neue Designanstoß etwa aus Japan? Das könnte schon eher sein. Zwar sehen beispielsweise die Hybridautos von Lexus und Honda trotz ihrer technischen Ausnahmestellung kein bisschen futuristisch aus, doch es geht auch anders. Mitsubishi EZ MIEV oder Honda FCX Concept sind Beispiele, wie es gehen könnte, wenn Designer den Aufbruch wagen. Aber ob aus den Studien tatsächlich einmal Serienfahrzeuge werden, ist höchst ungewiss.

Nur bei Showcars erwacht der Mut der Designer

Auch die europäischen Hersteller trumpfen immer nur dann gestalterisch auf, wenn es um Showcars geht, die gleich nach ihrem Messeauftritt schon wieder belanglos sind. Manche Einzelstücke wie der Saab Aero X oder der Citroen Sportlounge sehen zwar aufregend aus, doch werden sich in späteren Serienautos allenfalls Spurenelemente ihrer optischen Feinheiten wiederfinden. Und außerdem: Auch diese Fahrzeuge revolutionieren unsere Auto-Sehgewohnheiten nicht, sondern betonen nur einzelne Designelemente besonders stark, wodurch sie origineller wirken als der große Rest.

Warum diese gestalterische Zurückhaltung? Wahrscheinlich deshalb, weil Design immer wichtiger wird, um ein Auto zu verkaufen. Als das noch nicht so war, durften sich die Künstlertypen in den Autofabriken austoben. Heute ist die Optik eines Fahrzeugs Chefsache. Weil eine zu statische Frontpartie oder ein vermurkstes Heck den Vertriebserfolg akut gefährden. Vor zwei Jahren rangierte bei einer Umfrage nach den Entscheidungsgründen beim Autokauf erstmals das Design an erster Stelle - vor Stichworten wie Zuverlässigkeit, Preis oder Sicherheit. Und nun sind formale Experimente erst recht tabu.

Bewährte Formen werden immer wieder variiiert

Wo frische Formen nicht gefragt sind, wird Bewährtes immer wieder variiert - und hinterher wird es als genialer Streich zur Markenbildung gefeiert, wenn sich die einzelnen Typen eines Herstellers ähneln wie Matrioschka-Puppen und auch der Nachfolger einer Baureihe nur schwer vom Vorgänger unterschieden werden kann. Doch eine leicht veränderte Dachlinie oder ein runderer Scheinwerfer können noch so oft als kreative Meisterleistung tituliert werden - sie spiegeln das technische Potenzial, das inzwischen selbst in den meisten Kleinwagen steckt, nicht einmal im Ansatz wieder.

Und wie soll es erst werden, wenn wir in gar nicht mehr ferner Zeit womöglich mit Brennstoffzellen- oder Elektroautos fahren. Wenn die immer wieder beschworene Zukunft des Automobils, die mit dem Ende der Erdölreserven wohl anbrechen muss, tatsächlich beginnt. Werden die Autos dann immer noch so aussehen, als rumorten mit Benzin gefeuerte Explosionsmotoren unter ihren Hauben? Wenn Professor Fügener richtig liegt mit seiner Prophezeiung, dann nicht. Wenn das Zaudern der Designer anhält wohl schon.

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  • Datum: Samstag 11.11.2006 | 10:59 Uhr
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