Interview mit Peter Wippermann: "Umweltschutz interessiert kaum noch"

Warum kaufen die Deutschen keine leichten, kleinen, sparsamen Autos? Trendforscher Peter Wippermann, Professor für Kommunikationsdesign in Essen, erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, wieso gerade die Deutschen Probleme mit Öko-Fahrzeugen haben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wippermann, bei Lebensmitteln, Kleidung oder Kosmetik sind Ökoprodukte populär. Auf dem Automobilmarkt aber funktionieren sie überhaupt nicht. Woran liegt das?

Hybridauto Toyota Prius: Chic bei Prominenten in den USA
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Hybridauto Toyota Prius: Chic bei Prominenten in den USA

Wippermann: Das gilt ja nicht überall. In den USA und Asien sind Hybridfahrzeuge sehr gefragt. Dort ist die Umweltbelastung teilweise so hoch, dass die Regierungen die alternativen Antriebe pushen. Wir jedoch haben überhaupt kein Interesse mehr am Umweltschutz. 1990 waren noch 29 Prozent der Deutschen an Umweltschutz interessiert, jetzt geben das in aktuellen Umfragen nur noch drei Prozent an.

SPIEGEL ONLINE: Aber in manchen Bereichen achten die Leute doch auf "Bio".

Wippermann: Das liegt aber daran, dass wir zum Beispiel den Sinn biologisch vernünftiger Ernährung nicht mehr in der umweltschonenden Landwirtschaft sehen, sondern im Nutzen für den eigenen Körper. Wir finden es gesünder, wenn wir uns biologisch sinnvoll ernähren. Aber uns interessiert nicht das Thema Umweltschutz.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich das wieder ändern?

Wippermann: Davon bin ich überzeugt. Allerdings nicht, weil die Konsumenten das wollen, sondern weil die Gesellschaft weiß, dass die Umweltprobleme zu den wichtigsten Herausforderungen der Zukunft gehören. Und zumindest in den Großstädten ist man sich inzwischen bewusst, dass die Leute beispielsweise durch Autoabgase krank werden können.

SPIEGEL ONLINE: Viele jammern über die hohen Spritkosten, aber kaum einer kauft ein kleines, leichtes, sparsames Auto. Stattdessen boomen Marktsegmente wie SUV oder Vans.

Wippermann: Das liegt daran, dass die Kunden keine Einbußen möchten. Denn oft kosten Autos mit sehr niedrigen Verbrauchswerten mehr als herkömmliche Modelle. Außerdem wollen sie vor allem nicht auf Statussymbole verzichten. Die Drei-Liter-Autos waren zwar klein und vernünftig, sind aber gesellschaftlich nicht auf Akzeptanz gestoßen.

Trendforscher Peter Wippermann: "Wir haben kein Interesse mehr an Umweltschutz"
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DPA

Trendforscher Peter Wippermann: "Wir haben kein Interesse mehr an Umweltschutz"

SPIEGEL ONLINE: Der Toyota Prius ist in den USA zum Prominenten-Auto geworden und damit chic. Wäre das ein Modell für Deutschland?

Wippermann: In den USA gibt es die 'Lohas'-Bewegung (Life of Health and Sustainability, eine Art genießerische Ökologie, d.Red.), der sich annähernd 30 Prozent der Konsumenten anschließen. Sogar Wal-Mart will 'grün' werden. Aber auch bei uns entwickelt sich eine neue Art von Umweltbewusstsein. Es stützt sich auf Genuss plus Nachhaltigkeit. Wir wollen nichts Schlechtes tun, aber wir wollen auf keinen Fall auf etwas verzichten. Und im Zweifelsfall wollen wir auf jeden Fall gesünder werden.

SPIEGEL ONLINE: Woher wird der Impuls zu ökologisch sinnvolleren Autos kommen?

Wippermann: Die Automobilindustrie wird vor allem durch die Exportmärkte dazu angetrieben wird, verbrauchsärmere und vernünftigere Autos und Antriebsformen zu entwickeln. Der Markt wird die deutschen Unternehmen stärker antreiben als in der Vergangenheit, und die Politik wird zusätzlichen Druck ausüben.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann die Autoindustrie vermeiden, dass diese neuen, nachhaltigen Fahrzeuge wieder den offenbar unattraktiven 'Öko-Stempel' aufgedrückt bekommen?

Wippermann: Es gibt in der Branche zwei Entwicklungen in nahezu entgegen gesetzter Richtung. Wir haben einen Drang der Massen zu niedrigen Preisen - aber zugleich gelten 20 Prozent der Umsätze in dem Markt demonstrativem Luxus. Dort wird man das Thema Umwelt als intellektuelle Attitüde verankern können, wenngleich eher beiläufig.

SPIEGEL ONLINE: Was muss passieren, damit auch auf dem preisgetriebenen Massenmarkt umweltfreundliche Fahrzeuge akzeptiert werden?

Wippermann: Das läuft auch über den Preis. Das wichtigste Argument wird sein: Was umweltschonender ist, ist auch günstiger. Entscheidend sind wirtschaftliche Argumente. Und deshalb sieht die Lage im Moment eher düster für umweltfreundliche Autos aus.

SPIEGEL ONLINE: Das war schon einmal anders. In den achtziger Jahren war das Thema Waldsterben überall präsent, und danach fuhren alle Deutschen Autos mit Katalysator.

Wippermann: Ja, die Achtziger waren der Höhepunkt der Industrialisierung. Wir haben Abenteuerurlaube gebucht und Bungee-Jumping gemacht, um nicht umzukommen vor Langeweile. Da war das Thema Umweltschutz auf einmal interessant. Noch heute steht das Thema in den Medien weit oben, auch die Industrie hat es erkannt. Überraschenderweise ist das aber bei den Konsumenten anders – zumindest im Bereich Mobilität. Dinge wie die Kohlendioxidbelastung oder Rußpartikelchen in der Luft sind einfach zu abstrakt.

SPIEGEL ONLINE: Also müssen wir unsere Umwelt erst noch mehr verdrecken, ehe uns der Schutz dieser Umwelt wieder interessiert?

Wippermann: Das glaube ich nicht. Zwar ist derzeit Überholprestige das große Thema in der Autowerbung, doch ich bin absolut nicht pessimistisch. Ich glaube, das Thema Umweltschutz wird sowohl von Politikern als auch von den Verantwortlichen in der Automobilindustrie verstanden. Schon aus eigenem Interesse.

Das Interview führte Jürgen Pander

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  • Datum: Montag 20.11.2006 | 13:59 Uhr
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