Neuer Sprit ab 2007: Biokraftstoff ist kein Allheilmittel für die Umwelt

Von Thomas Harms

Schon im nächsten Jahr gelten verbindliche Biokraftstoffquoten für Benzin und Diesel. Ob das die Umwelt entlastet oder den Treibhauseffekt sogar beschleunigen kann, ist umstritten.

Ab 1. Januar 2007 fahren Deutschlands Autos mit neuartigem Sprit: Jeder Liter Benzin und Diesel muss dann einen Mindestanteil Biokraftstoff enthalten, bei Benzin zunächst 1,2 Prozent. Ein entsprechendes Gesetz wurde im November vom Bundesrat endgültig verabschiedet. Der Gesamtanteil von Biokraftstoff bei Benzin und Diesel soll bis zum Jahr 2015 auf 8 Prozent steigen. Ähnliche Gesetze werden zurzeit in zahlreichen anderen EU-Staaten verabschiedet. Der Tiger im Tank bekommt grüne Pfoten. Hilft Biokraftstoff, Pkw sparsamer und umweltschonender zu machen?

Bioethanol-Destillerie: Im sächsischen Zeitz betreibt die Südzucker-Tochter Cropenergies AG die größte Anlage Europas
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Cropenergies / Südzucker AG / jehnichen.de

Bioethanol-Destillerie: Im sächsischen Zeitz betreibt die Südzucker-Tochter Cropenergies AG die größte Anlage Europas

Pflanzliche Kraftstoffe könnten theoretisch zu bedeutenden Emissionsminderungen führen, weil bei ihrer Verbrennung nur soviel CO2 freigesetzt wird, wie die Pflanze selbst während ihres Wachstums aufgenommen hat. Schon jetzt hat Deutschland mit einem Anteil von 3,4 Prozent Biosprit an der gesamten Kraftstoffversorgung einen Platz in der EU-Spitzengruppe. In die Tanks kommt bevorzugt der aus Raps gewonnene Biodiesel. Fast 1,5 der insgesamt 12 Millionen Hektar Ackerfläche werden zurzeit in Deutschland mit Energiepflanzen bebaut; auf zwei Drittel dieser Fläche wächst Raps.

Aber der Raps-Boom hat Grenzen. "Wegen der beschränkten Ackerflächen kann mit in Deutschland angebautem Raps maximal etwa fünf Prozent des im Verkehrssektor benötigten Dieselkraftstoffs ersetzt werden", schätzt das Umweltbundesamt. Auch die CO2-Bilanz von Biodiesel ist problematisch. Zu seiner Produktion werden massenhaft fossile Energieträger eingesetzt; Rapsfelder werden intensiv mit Stickstoff gedüngt, was Lachgas (N2O) in die Atmosphäre freisetzt. Laut Umweltbundesamt ist Lachgas "ein sehr starkes Klimagas mit etwa 300-mal größerer Klimawirksamkeit als CO2". Der Klimaschutzeffekt von Biodiesel ist deshalb wohl nur gering.

Zweiter in zahlreichen Ländern eingesetzter Alternativkraftstoff ist das Bioethanol. Der Alkohol-Sprit kann aus Zuckerrüben, Kartoffeln oder Getreide hergestellt werden, Brasilien verwendet heimisches Zuckerrohr, Schweden Holzabfälle zur Produktion. Brasilien hat den Ethanolanteil bereits auf mehr als 44 Prozent des gesamten Treibstoffverbrauchs gesteigert.

In Deutschland werden zurzeit pro Jahr etwa 120.000 Tonnen Bioethanol erzeugt. Das reicht gerade mal für 0,5 Prozent des Benzin-Gesamtverbrauchs. Gleichzeitig ist der Energiegehalt von Bioethanol um ein Drittel geringer als der von Benzin, was den Kraftstoffverbrauch in die Höhe treibt. Hauptproblem auch hier: Für Anbau und Transport der agrarischen Grundstoffe des Biosprits muss soviel fossiler Brennstoff eingesetzt werden, dass insgesamt kaum CO2-Einsparungen erreicht werden.

Biomasse-Importe gefährden Regenwälder

Kritiker des neuen Biokraftstoffgesetzes, wie die Umweltorganisation "Rettet den Regenwald", weisen darauf hin, dass die höheren Beimischungsquoten in Deutschland und anderen EU-Staaten zu stark ansteigenden Importen von Biomasse aus der ganzen Welt führen werden. Zum Beispiel von Palmöl-Einfuhren für die geplante Biodiesel-Raffinerie bei Emden. In Asien gehen schon jetzt jedes Jahr durch die Anlage von Palmöl-Plantagen mehr als eine halbe Million Hektar Regenwald verloren. Fatal, denn Regenwald gehört zu den wichtigsten CO2-Speichern auf der Erde.

Mögliches Resultat des europäischen Biosprit-Hungers: Jedes Prozent Palmöl-Sprit im Tank reduziert zwar den CO2-Ausstoß von Pkw hierzulande, heizt aber gleichzeitig den Treibhausgas-Ausstoß auf der anderen Seite des Planeten weiter an. Zwar hat der Gesetzgeber im Biokraftstoffgesetz für Importe pflanzlicher Öle ein "Nachhaltigkeitszertifikat" nach sozioökonomischen und ökologischen Kriterien vorgesehen. Doch ein exakter Nachhaltigkeitsnachweis ist oft unmöglich: Im November verzichtete die britische RWE-Tochter Npower deshalb darauf, als erster britischer Energiekonzern Strom aus Palmöl zu produzieren.

Synthetische Biokraftstoffe sind Zukunftsmusik

Umweltminister Gabriel, der Verband der Automobilindustrie und Teile der Mineralölwirtschaft setzen daher auf Biosprit der nächsten Generation, sogenannte synthetische Biokraftstoffe. Sie werden nicht nur aus Pflanzenfrüchten, sondern aus Pflanzenmaterial jeder Art gewonnen, zum Beispiel aus Stroh oder Restholz. Der Mineralölkonzern BP hat im Sommer den neuen Geschäftsbereich "Biofuels Business" gegründet, zu dem ein mit 500 Millionen US-Dollar ausgestattetes Forschungsinstiut gehört. Und Forschungsbedarf gibt es reichlich, denn die Entwicklung synthetischer Biokraftstoffe steckt zurzeit noch in den Kinderschuhen. Die neue Generation von Biosprit wird vermutlich erst Mitte des nächsten Jahrzehnts in relevanter Größenordnung zur Verfügung stehen.

Fazit: Biosprit ist bis auf weiteres keine Wunderwaffe gegen Klimawandel und Umweltzerstörung. Am meisten freut sich der aufgeheizte Planet über sparsamere Motoren und drastisch verringerten Benzinverbrauch.

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  • Datum: Mittwoch 06.12.2006 | 09:35 Uhr
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