Von Tom Grünweg
Es gibt wahrscheinlich kaum jemanden in Frankfurt, der mehr unterschiedliche Autos zu Gesicht bekommt. Doch bei dieser Limousine muss selbst der Parkwächter am Flughafen zweimal hinschauen, bevor er sie als Lancia erkennt. Und vom Thesis hat er noch nie etwas gehört, gibt er freimütig zu, während er das himmelblaue Stufenheck zwischen all die schwarzen 5er BMW, E-Klasse Mercedes und Audi A6 lotst, die in der Tiefgarage auf den Stammplätzen der Geschäftsflieger stehen.
Diese Momentaufnahme zeigt das Dilemma eines Autos, das mit gerade einmal 71 Zulassungen im vergangenen Jahr zu den exotischsten Fahrzeugen auf dem deutschen Markt zählt. Und dabei spielt der Italiener eben nicht in der Liga der Supersportwagen oder der Luxuslimousinen, sondern in der gehobenen Mittelklasse, die sonst von großen Zahlen lebt. Einerseits ist die Exklusivität ein Segen, weil Lancia so einen Kontrapunkt zur Einheitsware auf den Firmenparkplätzen der Republik setzt und sich als Gesicht in der Menge positioniert. Andererseits kann mit weniger als 100 Zulassungen pro Jahr niemand wirklich leben, und weil auch die anderen Modelle von der Marke im Jahr 101 nach der Firmengründung nicht gerade Bestseller sind, haben es die Händler schwer. Nicht einmal jeder dritte der gut 600 Fiat-Betriebe hierzulande hat auch die Schwestermarke unter Vertrag.
Trotz allem ist es ein erfreuliches Zeichen von Sturheit, Überlebenswillen und Vertrauen in die Kraft der Marke, dass Fiat an Lancia und am Flaggschiff Thesis festhält. Schließlich steht der feudale Italiener mit den barocken Kotflügeln, den diamantförmigen Scheinwerfern, den sanft gerundeten Formen und den messerscharfen LED-Lichtbögen am samtweichen Heck wie kaum ein anderes Modell in der Mittelklasse für automobilen Individualismus und stilistische Eigenständigkeit. Bekennermut ist gefragt, wenn man sich für einen Thesis entscheidet. Wer den hat, beweist darüber hinaus auch Sinn für Sinnlichkeit.
Kommod gleitet die Limousine dahin
Für einen kommoden Eindruck sorgt vor allem der schmeichelhafte Charakter der 4,86 Meter langen Limousine: Nicht nur das elektronisch geregelte Fahrwerk ist so programmiert, dass man sich in einer Sänfte wähnt. Auch das Design des Innenraums setzt auf Wohnqualität. Zwar gibt es auch hier ein paar unschöne Kunststoffkonsolen. Doch die Hölzer wirken so echt, dass man am liebsten ein Herz in den Schaltknauf schnitzen möchte, die großen Lehnsessel sind kuschelig weich und mit feinem Leder bezogen, und die Teppiche schmiegen sich flauschig in den Fußraum.
Auch der einzige Dieselmotor im Modellprogramm passt zu diesem der Welt ein wenig entrückten Gefühl. Der Fünfzylinder-Selbstzünder läuft angenehm ruhig und harmoniert gut mit der fünfstufigen Automatik. Und wenn es sein muss, schließt er mit 185 PS und 330 Nm auch mal eine Lücke im Terminkalender. Mit den Konkurrenten aus Deutschland kann der grundsätzlich Rußpartikel-gefilterte Diesel aber mit maximal 220 km/h nicht mithalten; und auf einer kurvigen Landstraße würden sich sportlichere Fahrer sicher mehr Biss und eine etwas direktere Abstimmung wünschen.
Pralle Ausstattung und verwirrende Armaturen
Die Bella Figura und der gute Geschmack sind noch nicht alles, was der Thesis zu bieten hat. Auch technisch ist der Luxusliner auf der Höhe der Zeit. ESP und immerhin acht Airbags sind ebenso Standard wie die Xenon-Schweinwerfer, das Navigationssystem und jede Menge elektrischer Heinzelmännchen. Zum Teil gegen Aufpreis gibt es temperierte und belüftete Massagesitze vorn und hinten, ein Solardach für die Kühlung im Sommer und im Topmodell sogar einen Tempomat mit Abstandsregelung. Lediglich Kurvenlicht haben die Italiener noch nicht im Programm.
Dafür sind sie an anderer Stelle über das Ziel hinausgeschossen: Die Ergonomen haben nahezu alle Funktionen auf dem zentralen Monitor in der Mittelkonsole zusammengefasst. Das spart zwar ein paar dutzend Schalter, macht aber die Einstellung so kompliziert, dass man an vielen alltäglichen Funktionen schnell die Lust verliert. Dabei ist es doch genau das, was die Italiener laut Pressesprecher Malte Dringenberg mit ihrem Luxusliner vermeiden wollten, von dem seit Sommer 2002 gerade einmal 15.000 Exemplare gebaut und rund 1300 nach Deutschland geliefert wurden: "Ziel dieses Produkts ist nicht Masse, sondern eine hohe Kundenzufriedenheit."
Aber vielleicht gewöhnt man sich an die komplexe Tastatur ja schneller, als zunächst gedacht. Immerhin wird wohl keinem anderen Auto in dieser Preisklasse mehr Aufmerksamkeit zuteil. Und das Problem mit der Wiedererkennung löst sich von selbst. Der Parkwächter in Frankfurt erkennt schon beim zweiten Abflug den Lancia Thesis auf Anhieb.
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