Von Tom Grünweg
Gegen dieses Motorrad sieht sogar eine Fat Boy von Harley-Davidson ziemlich schlank aus. Denn was Gregory Dunham aus Stockton im US-Staat Kalifornien auf die Räder gestellt hat, ist das größte fahrbare Motorrad der Welt: 3,35 Meter hoch, 6,20 Meter lang und am Lenker 3,20 Meter breit, stellt Goliaths Feuerstuhl alles in den Schatten, was unter Easy Ridern bislang als cool und oversized galt.
Passend zur Entstehungsgeschichte ist der Name des gerade im Guinness-Buch eingetragenen Monsterbikes: "Dream Big!" Den hat Dunham auf den mit einem Flame-Job verzierten Tank gesprayt, weil er als guter Amerikaner natürlich daran glaubt, dass jeder seinen Traum verwirklichen kann. Und Dunham träumt schon ziemlich lange von Motorrädern. Bereits im Alter von neun Jahren sei er auf zwei Rädern über die heimische Farm gefegt, sagt der Tüftler. Während allerdings seine Spielkameraden in diesem Alter noch in die Pedale treten mussten, sei er schon damals mit dem Motorrad unterwegs gewesen.
Nach seinem elften Geburtstag fing Dunham nach der Schule und an den Wochenenden mit den Basteleien in der Werkstatt an, und als seine Klassenkameraden ab etwa 14 Jahren den Reizen des weiblichen Geschlechts nachforschten, stand er in der Garage, um dort das Motorrad zu tunen, mit dem er jedes Wochenende beim Moto-Cross antrat. "Wenn er ohne Unfall ins Ziel kam, stand er danach meist auf dem Podium", erinnert sich heute einer seiner Mitarbeiter. Dass aus "cross" irgendwann "groß" geworden ist, verdankt Dunham dem Besuch einer Monster-Truck-Show, wo gewaltige Geländewagen auf mannshohen Rädern meist auf dem Parkplatz eines Supermarktes so selbstverständlich über ein Schrottautos hinwegwalzen wie ein VW Beetle über eine leere Cola-Dose.
Wie ein Traum dann doch noch Realität wurde
"Bei so einer Veranstaltung kam mir vor 15 Jahren die Idee, so etwas auch einmal zu versuchen – aber auf zwei statt auf vier Rädern", erzählt der Tüftler auf seiner Website www.monster-cycles.com. Die ersten Skizzen waren rasch fertig, doch ihm fehlte damals die Zeit für das Projekt. Vor fünf Jahren fiel ihm der alte Plan wieder in die Finger. "Fast schon angeekelt habe ich es noch einmal angeschaut und prompt zerrissen", sagt Dunham. "Das wird ja doch nix, denn Träume bleiben eben Träume", so seine erste Reaktion. Doch ein paar Tage später schlich sich die Frage in sein Gehirn: "Warum sollte dieser Traum eigentlich nicht wahr werden." Also marschierte Dunham schnurstracks wieder in seine Werkstatt, um die herum er zwischenzeitlich einen eigenen Kfz- und Motorradbetrieb aufgebaut hatte. Als drei Jahre vergangen und etwa 300.000 Dollar investiert waren, rollte endlich zum ersten Mal jenes gewaltige Motorrad aus der Halle, das nach einigen weiteren Modifikationen nun zum Weltrekordler gekürt wurde.
Mit einem gewöhnlichen Motorrad hat "Dream Big!" außer der Grundform nicht mehr viel gemein. Der Rahmen besteht aus mehr als armdicken Rohren, die beiden Räder sind größer und breiter als bei mancher Dampfwalze und der Scheinwerfer kann es mit dem Spiegel eines mittleren Leuchtturms aufnehmen. Auch der Motor sprengt die Vorstellungskraft vieler Biker. Denn der Koloss fährt mit einem 8,2 Liter großen V8-Motor, der 500 PS und über 800 Newtonmeter ans Hinterrad bringt. Diese Kraft ist allerdings auch nötig. Schließlich bringt das Ungetüm drei Tonnen auf die Waage.
Mit Hosenträgergurten hinterm Autolenkrad
Nicht nur Beobachter müssen sich ob der Dimensionen ein wenig umgewöhnen. Auch der Biker selbst lernt das Fahren neu. Wenn er nicht gerade im Schritttempo vor Publikum rollt und dann im Cockpit steht, sitzt Gregory Dunham hinter dem Tank in einer Rennschale mit Hosenträgergurten, greift in ein konventionelles, rundes Lenkrad mit Servolenkung und bedient Motor und Getriebe mit Pedalen wie in einem Auto. Geschaltet wird mit einer Automatik, die zwei Vorwärts- und zwei Rückwärtsgänge kennt.
Zwar kann man das "größte fahrbare Motorrad der Welt" tatsächlich fahren, doch braucht das Unikum dafür riesige Stützräder, die beim örtlichen Bikertreff wahrscheinlich ziemlich uncool wären. Erst bei Geschwindigkeiten von mehr als 30 km/h läuft das Gebirge auf Rädern so stabil, dass Dunham mit einer Hydraulik den vierrädrigen Hilfsrahmen einklappen kann, den er als Ständer beim Parken und Stütze beim Anfahren um die Hinterachse gebaut hat. Doch sonderlich oft kommt er nicht dazu, weil er - wegen der Gefahr für die Zuschauer und für sein Firmenkonto - das Risiko eines Unfalls scheut. Denn so viel scheint sicher: Wenn dieser Gigant fällt, zerbricht der große Traum in tausend Stücke.
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