Fotoband Vespas und Lambrettas: Mehr als ein Stück Blech

Von Antje Blinda

Mods und Scooter Boys lieben sie, Popper und Vespisti ebenso – die italienischen Roller der Wirtschaftswunderzeit sind immer noch Kult. Mehr als Blech, mehr als bloßes Transportmittel, Vespas und Lambrettas stehen für ein Lebensgefühl. Und sind dabei außerordentlich fotogen.

Am Anfang war pure Begeisterung. Und die Leidenschaft fürs Blech. Dann kam Neugier dazu. Kaum tuckerte ein italienischer Roller an David Einsiedler vorbei, begann er zu grübeln: "Dieser roten Fünziger bin ich schon so oft begegnet, wer sitzt da wohl drauf?" Und wie sieht bloß der Besitzer des frisierten Rollers im Schanzenviertel aus? Da reifte in dem langjährigen Vespa-Fan und Fotografen der Entschluss, eine Art Katalog aller Hamburger Vespa- und Lambretta-Fahrer zu erstellen. Mit einem Handgriff könnte er dann Modell und Fahrer zuordnen - ein Verzeichnis ganz besonderer "Beziehungskisten".

Nicht nur in der Hamburger Rollerszene fand die Idee Anklang. Dank der schnellen Verbreitung der Idee über das GermanScooterForum (GSF), das weltweit größte Internetforum für Rollerfahrer, wurde aus dem räumlich begrenzten Projekt schnell eine bundesweite Aktion. 461 Fahrer und Fahrerinnen in elf Städten posierten vor Einsiedlers Kamera, der damit einen einzigartigen Querschnitt der deutschen Szene vor die Linse bekam: heutige und ehemalige Mods, Scooter Boys oder Popper, für die der Roller zum Image gehört. Dazu "Offizielle", wie die in Vespa-Clubs organisierten, meist älteren Fahrer genannt werden. Aber auch Vespa- und Lambretta-Fans, die an ihrem Zweirad einfach nur das italienische Flair und die eleganten Formen lieben.

Böser Rollerjunge, schnieke Langhaarige

"Die Identifikation geht so weit, dass man schon von weitem sehen konnte, wer zu welchem Roller gehörte", beschreibt Einsiedler das Shooting. Zwar hat der Fotograf in seinem selbst verlegtem Buch "Beziehungskisten - Blech- und Schaltroller mit ihren Fahrern" annähernd alle Modelle und Baureihen der Vespas und Lambrettas seit 1950 zusammengesammelt: getunte und rostige Roller, Oldtimer und Alltagsmodelle. Doch seine Bilder auf immer schwarzem Hintergrund porträtieren nicht das Blech, sondern die Besitzer und den Stolz auf ihr Fahrzeug. Der Spaß am Posieren ist ihnen anzusehen: den "bösen Rollerjungs" mit tiefernster Miene, der Familie auf weißer Lambretta aus den Siebzigern und der schnieken Langhaarigen auf knalloranger Vespa.

Die deutschen Scooterists oder "Rollerjungen" waren in den Achtzigern eine "prügelharte Szene", sagt der 29-jährige Einsiedler, der selber seit zwölf Jahren Vespas fährt und schraubt. Aus der Jugendkultur der britischen Mods entstanden, definierten sich die German Scooterists über ihre getunten Vespas. Ihr typisches Styling bestand - wie das der Skinheads - aus Bomberjacken, enger Jeans, Glatzkopf, Doc-Martens-Stiefeln. Die Clubs bekriegten sich untereinander, drei wurden von der Polizei sogar als kriminelle Vereinigung eingestuft. "Ende der Neunziger wurde den meisten die Szene zu gewalttätig", sagt der Fotograf. "Viele stiegen aus, machten eine Art Schaffenspause, packten ihre Vespas in den Keller oder verkauften sie."

Vereinigung der Roller fahrenden Soldaten Europas

Doch nun sind die Roller aus Italien wieder angesagt. Den Aufschwung der seit über 60 Jahren gebauten Vespa spürt auch Piaggio: Der Hersteller der Kulträder mit Wespentaille hat in den vergangenen drei Jahren seine Produktion auf über 100.000 Stück verdoppeln und sich mit technisch aufgerüsteten Modellen aus schwerer Krise retten können. "Der Boom kommt von den Alten", sagt Einsiedler. Viele der ehemaligen Scooterists entdeckten ihr Hobby wieder, die Szene ist gemäßigter geworden.

Manche der von ihm Porträtierten jedoch haben niemals aufgehört, an ihren Zweirädern zu schrauben. So wie der Hamburger Peter Möller, Mitgründer des Clubs Scytheman SC, der dieses Jahr wie seit 20 Jahren mit dem "Osterrun" die Rollersaison eröffnen wird. Oder Dai "Mod Father" Ransom, der als "Ur-Mod" und Koryphäe unter englischen Rollerfahrern und Soldaten europaweit gilt. Der 51-jährige, in Paderborn stationierte Major bei der britischen Armee ist Sekretär des Armed Forces Scooter Club, der die Roller fahrenden Soldaten Europas vereinigt. Er posierte mit einer Lambretta DL 150 von 1969.

Eine eher unkomplizierte Aufnahme, doch manche Shootings gestalteten sich ungeahnt schwierig. So konnte der Braunschweiger Tom Jolie nur umrahmt von Einzelteilen fotografiert werden: Seine Lambretta GP 200 war nach der neuen Lackierung nicht rechtzeitig fertig geworden. In Kiel wiederum passten zwei Vespa-Gespanne nicht durch die Tür einer zum Studio umfunktionierten Scheune. Kurzerhand demontieren die Besitzer ihre Gefährte, bauten sie wieder zusammen - zurück das gleiche Spiel.

Angespornt durch die begeisterte Resonanz der Szene will David Einsiedler sich weiter mit dem Thema "Mensch und Maschine" beschäftigen und weitere Kultmobile in ähnlichen Aktionen fotografieren. Vielleicht alte Käfer, vielleicht aber auch Oldtimer aus der Motoraver-Bewegung wie Ford Granada oder Opel Commodore. Doch diesmal nicht vor schwarzem Hintergrund - schwarze Modelle und ihre schwarz gekleideten Besitzer heben sich davon einfach zu schlecht ab.


David Einsiedler: "Beziehungskisten - Blech- und Schaltroller mit ihren Fahrern". Eigenverlag; 480 Seiten; 55 Euro. Zu bestellen im Buchhandel oder direkt über www.bildband.einsiedler-fotografie.de.

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Schönes Design, grauenhaftes Fahrverhalten. Vespas sind nett anzusehen und passen gut zu Teenagern, aber nach Erreichen der Volljährigkeit und mit Erwerb eines Einser Führerscheines rate ich zu einem richtigen Motorrad. mehr...

20.03.2007 von beziehungskisten: buch

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  • Datum: Dienstag 20.03.2007 | 11:59 Uhr
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