Von Jürgen Pander
Das Einfamilienhaus in Bebensee nahe Bad Segeberg schien unverkäuflich. Grundstück, Grundriss, Grünflächen waren zwar prima, doch die Garageneinfahrt runter in den Keller viel zu steil. Die Autos aller Interessenten setzten vorn oder hinten auf – damit war das Thema Eigenheim erledigt. Bis Anja und Guido Freyer kamen, sahen und kauften. "Das Haus und besonders die große Garage waren ideal", sagt Guido Freyer und geht voran ins Souterrain. Dort parken vier Autos, und zwar vier Fiat 500. Die stark geneigte Auffahrt ist für die 2,97 Meter kurzen Knirpse kein Problem, und in der Garage bleibt trotz des bunten Quartetts sogar noch Platz für Werkzeug und Ersatzteile.
Die Freyers sind, das kann man wohl ohne Übertreibung sagen, eine "Fiat-500-Familie". 1988 lernten sie sich kennen, und zwar nicht in einer Disco irgendwo zwischen Bad Segeberg und Ratzeburg, sondern im italienischen Garlenda auf dem dortigen Fiat-500-Treffen. Beide waren mit ihren Autozwergen von Schleswig-Holstein in die Toskana geknattert. Sie in einem roten Modell mit dem Spitznamen "Daisy" aus dem Baujahr '72, er in einem hellblauen, mit Kotflügelverbreiterungen und Eigenbau-Cockpit aufgemotztem Typ aus dem Baujahr '63. Im Süden, irgendwo zwischen den 200 bis 300 Fiat-Knutschkugeln im Hinterland der Riviera funkte es – und bei der Hochzeit einige Jahre darauf standen natürlich etliche Fiat 500 Spalier.
Jedes Auto ein Unikat
Cinquecento-Fahrer sind ein munteres Völkchen, unkompliziert und individuell wie ihre Autos. Denn unter den kleinen Italo-Wägelchen gibt es heute wohl keine zwei gleichen Typen mehr. Der von Anja Freyer zum Beispiel hat zwar noch die Original-Blumenvase im Cockpit, aber andere Zuziehgriffe an den Türen, sportliche "Mille Miglia"-Alufelgen und im Motorraum einen 650-Kubik-Zweizylinder aus dem Fiat 126 mit zirka 34 PS Leistung sowie ein Fünfganggetriebe. Die allerersten Fiat-500-Modelle, die im Juli 1957 ausgeliefert wurden, mussten mit 480 Kubikzentimetern Hubraum und 13 PS auskommen – allerdings wog das Auto auch nur 370 Kilogramm.
Guido Freyer hat neben seinem blauen 500er mit den vorne angeschlagenen Türen noch einen orangefarbenen Buggy auf Cinquecento-Basis namens "Steinwinter Amigo", der in den siebziger Jahren bei der italienischen Firma Automirage gebaut wurde. Und einen "Ferves Ranger"-Geländewagen mit Allradantrieb, der sich ebenfalls der schier unverwüstlichen Fiat-Technik bedient. Für das Treffen mit SPIEGEL ONLINE hat Anja Freyer einige 500-Tifosi aus dem "Fiat Exklusiv Club Kiel" aktiviert – sie ist schließlich die Vorsitzende des Vereins.
Werbung für die Eisdiele
Frauke Weidner zum Beispiel kommt mit einem wunderschönen Exemplar im Farbton aquamarin angetuckert. Das Auto stammt aus dem Baujahr 1966, gibt sich äußerlich herrlich nostalgisch und legt, sobald die Türen geschlossen sind, mit 30 PS los. Der Trick: Das Maschinchen im Heck wurde mit einem Zylinderkopf aus dem Fiat Panda frisiert. Ehe der Wagen in den Norden kam, hatte er unter anderem schon eine Karriere als Werbemobil für eine Eisdiele in Saarbrücken hinter sich. Kfz-Mechaniker Jürgen Loch reist in einem exquisiten Fiat 500 Giardinera an, einem Kombimodell, unter dessen Ladefläche im Heck der Motor liegend installiert ist. In dem Fall übrigens handelt es sich um die penibel restaurierte Originalmaschine mit rund 20 PS.
Kay Ohmsen schließlich, ein Gast vom Fiat-500-Club Baltico, fährt einen dunkelblauen Typ R aus dem Baujahr 1974 mit 600-Kubik-Motor, 23 PS und Vierganggetriebe. "Das Auto war ein typischer Scheunenfund", erzählt Ohmsen. Mehr als 200.000 Kilometer hat der Wagen bereits auf dem rundlichen Buckel. "Mit dem bin ich alles gefahren, was Rang und Namen hat", berichtet Ohmsen, "den Großglockner, den Bernina und fast ums halbe Mittelmeer." Wenn er reist, dann stets mit Anhänger, in dem die Campingsachen verstaut sind.
Boom zum 50. Geburtstag
Jetzt, wo sich der 50. Geburtstag des ehemaligen Kleine-Leute-Autos und heutigen Kultknirpses nähert, und zudem Fiat just zum Jubeldatum am 4. Juli einen neuen 500er vorstellen wird, wächst das Interesse an dem Italo-Zwerg enorm. Gut erhaltene Exemplare werden kaum unter 5000 Euro gehandelt. Wer ein aufwendig restauriertes Modell sucht, zahlt deutlich mehr. Versierte Autoschrauber dagegen können bereits ab 2000 Euro einen Fiat 500 ergattern, müssen sich dann aber auf etliche Stunden in der Werkstatt einstellen.
"Der Charme des Selbermachens verschwindet allmählich", trauert Guido Freyer den alten Tagen nach, als er sein Selfmade-Cockpit noch mit Pappmaché formte und hernach mit einer Glasfasermatte fixierte. "Inzwischen gibt es fast alle Teile für den 500er wieder zu kaufen, was bei Verschleißteilen praktisch ist, aber die Kreativität lähmt." Wo die bisweilen hinführt, lässt sich beim weltweit größten Fiat-500-Treffen in Garlenda bestaunen, zu dem in diesem Jahre wegen des runden Geburtstags eine Rekordzahl an kleinen Italienern mit ihren großen Fans erwartet wird. Auch aus dem Kreis Bad Segeberg wird eine Delegation anzuckeln - mit kleinen Autos, aber großem Herz.
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