Von Jürgen Pander
1600 Kilometer Staub, Vollgas, Risiko, Wahnsinn – die "Mille Miglia" verkörpert wie kein anderes Autorennen den Reiz und die Absurdität dieser Sportart zugleich. Die Teilnehmer heizen durch schönste Landschaften, die aber nur vorbeifliegen wie grün-braun-rote Schlieren, um am Ende wieder da anzukommen, wo man gestartet ist.
1927 wurde die Raserei zum ersten Mal gestartet. Die ersten Sieger, Ferdinando Minoja und Giuseppe Morandi in einem Auto der Marke O.M., benötigten für die tausend Meilen gut 21 Stunden, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 77 km/h entsprach. Ein Irrwitz auf unbefestigten Straßen, durch enge Dörfer, wo Pferdekarren dahinzockelten, Leute schwatzend auf der Piazza standen und es keinerlei Absperrungen gab.
Das Rennen wurde rasch zur Prestige-Angelegenheit. 1931 siegte erstmals ein Nicht-Italiener. Rudolf Caracciola und sein Beifahrer Wilhelm Sebastian pfeilten in einem Mercedes-Benz SSKL mit 340 PS und einem Durchschnittstempo von 101,1 km/h über die große Schleife. Sieben Jahre später ereignete sich die Katastrophe, die buchstäblich in der benzingesättigten Luft lag. Bei einem Unfall wuerden zehn Menschen getötet und 23 verletzt – prompt verbot Italiens Regierung Autorennen auf öffentlichen Straßen.
Doch 1947 wurde erneut gestartet. Es begann die Phase der großen Heldengeschichten. Der zweimalige Formel-1-Weltmeister Alberto Ascari gewann 1954 als erster "Mille Miglia"-Pilot ohne Beifahrer. Im Jahr darauf stellte der damals 24 Jahre alte Stirling Moss die bis heute unübertroffene Rekordzeit von 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden auf – ein Schnitt von 157,55 km/h. Auf dem Beifahrerplatz des Mercedes 300 SLR saß Denis Jenkinson und las die vorher akribisch aufgezeichneten Notizen zur Strecke ab. Es war der Beginn einer neuen Renntechnik, die bis heute bei Rallyes gepflegt wird.
Endgültig gestoppt wird das Rennen 1957, nachdem sich vom Ferrari von Alfonso Cabeza de Vaca bei mehr als 250 km/h ein Rad löste, das Auto sich überschlug und in eine Zuschauergruppe raste. Das Rennfahrerteam und zehn Schaulustige werden getötet, und das folgende Verbot von Straßenrennen in Italien hatte Bestand. Jedenfalls bis 1977, als erstmals die "Mille Miglia" als Gleichmäßigkeitsfahrt für klassische Rennautos gestartet wurde.
Spektakel für Wirtschaftsbosse, Promis und Adelige
Aus dem nostalgischen Erinnerungsrennen ist inzwischen ein Großspektakel geworden, bei dem sich vor allem reiche Geschäftsleute, Showgrößen, Ex-Rennfahrer und Adelige in sündteuren Auto-Raritäten auf die inzwischen in drei Tagesetappen aufgeteilte Schlaufe Brecia-Rom-Brescia machen. Allein die 375 klassischen Autos, die für den Start zugelassen werden, sollen rund 200 Millionen Euro wert sein, hat ein Fachmann vor kurzem ausgerechnet. Erlaubt sind übrigens nur Fahrzeugtypen, die bereits bei der echten "Mille Miglia" zwischen 1927 und 1957 angetreten sind.
Peter Kraus etwa geht in diesem Jahr in einem Jaguar SS 100 aus dem Jahre 1936 an den Start. Außerdem treten Karl Scheufele an, Prinz Anton von Liechtenstein, Leopold Prinz von Bayern und Prinz Bernhard von Oranje. Doch auch wenn einige über manche Millionäre und Möchtegern-Racer, die sich den Mythos inzwischen angeeignet haben, die Nase rümpfen: Der spezielle Zauber dieses Rennens quer durch halb Italien und retour ist noch immer spürbar.
Dokumentarfilm über das Rennen der Rennen
"Ich bin alles andere als ein Autofreak, aber die 'Mille Miglia' hat mich gepackt", sagt Filmemacher Philp Selkirk, der mit dem Fotografen Stephan Heimann jetzt zum 80. Jubiläum der Wettfahrt den ersten abendfüllenden Dokumentarfilm über das Rennen fertiggestellt hat. "Schon Roberto Rossellini wollte in den Fünfzigern einen 'Mille Miglia'-Film drehen, doch er scheiterte damals an der aufwendigen Logistik für ein solches Projekt." Mit der modernen Videotechnik wurde die Sache einfacher, und im vergangenen Jahr ließ Selkirk während des Oldie-Rennens insgesamt 28 Leute in sechs Kamerateams ausschwärmen, die knapp 150 Stunden Filmmaterial mitbrachten.
Daraus entstand "Mille Miglia – Spirit of a Legend". Selkirk beschreibt das Werk so: "Es ist ein Dokumentarfilm mit Spielfilmcharakter. In den 92 Minuten treten 42 Charaktere auf, darunter Stirling Moss, Jacky Ickxs und Prinz Poldi von Bayern. Dazu gibt es historische Szenen und viele Geschichten am Rande." Die Uraufführung des Films wird heute in Brescia stattfinden; in Deutschland wird das Renn-Epos erstmals am 24. Mai auf Schloss Johannisberg im Rheingau gezeigt. Über eine TV-Fassung wird derzeit verhandelt. Selkirk kennt das Metier, seine Produktionsfirma arbeitet regelmäßig fürs Fernsehen. Bis ein Sendetermin feststeht, gibt es die Hommage an die "Mille Miglia" zumindest schon einmal auf DVD.
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