Von Tobias Schreiter
Berlin - Ein Sekundengeschäft in der Hauptstadt: Die Ampel springt auf Rot und Fensterputzer Alex auf die Straße. In den nächsten 50 Sekunden wird er - egal ob der Fahrer des roten Kleinwagens das will oder nicht - die Windschutzscheibe einsprühen, den Schaum abwischen und Lohn verlangen. Der Rumäne ist schnell, aber nicht schnell genug. Die Ampel zeigt schon wieder Grün, die zum Kassieren aufgehaltene Hand steckt noch im Kleinwagen, andere Autos hupen. Alex erhält 20 Cent und springt von der Straße.
Die Szene spielt am Kottbusser Tor, ereignet sich aber in ähnlicher Weise jeden Tag an vielen Berliner Kreuzungen. Die Ampeln am Kottbusser Tor sind das Revier von Alex und seiner Verwandtschaft. Zu der zählen vier weitere junge Männer, zwei Frauen und ein Kleinkind. Sie kommen aus der Nähe von Bukarest. In Berlin arbeiten sie als Familienbetrieb am Rande des Erlaubten. Was manche Autofahrer für Nötigung halten, ist für andere eine preiswerte Dienstleistung: Scheibe sauber für lau oder kleines Geld.
Putzen in der Grauzone
Laut Polizeisprecher Andreas Polley haben sich in den letzten Tagen allerdings die Beschwerden gehäuft. Viele Autofahrer fühlen sich genötigt, sie berichten von Pöbeleien und aggressivem Verhalten. Die Polizei könne aber nur dann tätig werden, wenn "die Scheibenputzer Geld einfordern, ohne etwas geleistet zu haben, oder auf der Straße stehen bleiben und den Verkehr behindern". Erst dann würde eine Ordnungswidrigkeit oder eine Straftat vorliegen.
Tatsächlich bewegen sich die Putzer in einer rechtlichen Grauzone. Es gibt keine Berufsbezeichnung, es handelt sich nicht um Schwarzarbeit. Viele von ihnen stammen aus Osteuropa. Schon seit Jahren säubern aber auch Berliner Punks Autoscheiben. Sie sehen sich nun größerer Konkurrenz ausgesetzt. Das Geschäft wird ruppiger, in der Branche gibt es schwarze Schafe. Der Diebstahl von Reinigungsmitteln wurde bereits nachgewiesen. Ein erster Ermittlungserfolg, sagt die Polizei. Wohl aber nur ein Erfolg am Rande des eigentlichen Problems: der auferzwungenen Dienstleistung.
Alex, der weder Deutsch noch Englisch spricht, sondern nur Rumänisch und einige Brocken Spanisch, wird nicht aggressiv. Auch dann nicht, wenn er kein Geld für seine Arbeit bekommt. Er trägt ein blaues Shirt mit der Rückennummer 23 - die Zahl des legendären Basketballstars Michael Jordan. Fahrern, die nicht bezahlen wollen, wirft er einen Handkuss hinterher. In einem Einkaufswagen am Straßenrand sind die Utensilien der rumänischen Fensterputzer verstaut: Putzmittel, Schwämme, Scheibenabzieher. Ein kleines Mädchen, die etwa dreijährige Tochter von Alex, sitzt auf einem Stuhl vor einer Döner-Bude. Ab und zu steht sie auf, rennt auf Passanten zu und hält die Hand auf. Sie bekommt mehr Geld als die Fensterputzer.
Die Politik ist gefragt
Auch in der Nähe des Willy-Brandt-Hauses wird geputzt. Hinter den Mauern der SPD-Bundeszentrale liegen irgendwo die Pläne für den Mindestlohn. Vor der Zentrale, an der Wilhelmstraße, kommen Stundenlöhne zwischen vier und fünf Euro zustande. Die vier polnischen Männer, sie sind alle um die 25 Jahre alt und sehen wie die Besucher eines Rockfestivals aus, arbeiten professioneller als die rumänische Großfamilie am Kottbusser Tor. Schüttelt ein Fahrer den Kopf, dann putzen sie nicht und ziehen zum nächsten Auto. Steht ein Polizeiwagen in der Ampelschlange, pausieren sie. Auch ihnen ist nicht ganz klar, ob sie Verbotenes tun.
Polizeisprecher Polley möchte, dass die Politik für Klarheit sorgt. "Uns ist das Problem bekannt. Wir gehen den Beschwerden nach. Aber die Gesetzeslage muss geklärt werden."
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