Illegale IAA-Souvenirs: "Ein wenig hebeln, schon ist der Löwe ab"

Von Tom Grünweg

Die Mehrheit der IAA-Gäste sammelt lediglich Eindrücke und ein paar Prospekte. Einige Messebesucher schnappen sich hingegen alles, was sie in die Finger bekommen. Die Autokonzerne sind vorbereitet - und sichern ihre Ausstellungstücke gegen den Angriff der Langfinger.

Die Internationale Automobilausstellung (IAA) ist ein Dorado für Jäger und Sammler. Schon an den Presse- und Fachbesuchertagen sieht man immer wieder schwer bepackte Menschen, die kiloweise Druckwerk nach Hause schleppen. Doch spätestens seit auch das breite Publikum um die knapp tausend Neuwagen in den Messehallen streift, tobt in Frankfurt eine gewaltige Materialschlacht.

Tonnen von Prospekten und Broschüren sowie Abertausende kleiner Geschenke vom Luftballon bis zum Modellauto bringen die Aussteller unters Volk. Doch nicht in jeder Tüte, die abends vom Messegelände geschleppt wird, sind nur Prospekte, Kugelschreiber oder Bonbons. Immer wieder wird der Souvenir-Begriff weiter gefasst, als es der Gesetzgeber vorsieht.

Die Standmanager, also die bei den Herstellern für den IAA-Auftritt Verantwortlichen, sprechen nicht gern über diese Problematik. Doch das macht die Sache nicht erträglicher. "Die klauen wie die Raben", sagt einer hinter vorgehaltener Hand und beginnt eine Aufzählung der entschwundenen Bauteile, die vom Zigarettenanzünder über die Kopfstützen bis zur kompletten Hutablage reicht.

IAA Trubel: Im Gedränge tummeln sich auch Langfinger
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IAA Trubel: Im Gedränge tummeln sich auch Langfinger

"Geklaut wird auf den Messen alles, was nicht niet- und nagelfest ist", sagt Peugeot-Sprecher Thomas Schalberger. Besonders beliebt seien natürlich lose Teile wie Aschenbecher oder Fußmatten sowie Komponenten, die man mit wenigen Handgriffen entfernen kann: "Den Schaltknauf kann man abdrehen und den Innenspiegel abreißen", sagt Schalberger. Damit sei es aber noch lange nicht genug. Auch vor dem Hersteller-Logo auf dem Lenkrad und dem Markenzeichen an Kühlergrill oder Heckdeckel machten die Messe-Diebe nicht Halt: "Kurz mit einem spitzen Gegenstand drunterfahren, ein wenig hebeln, schon ist der Löwe ab".

Dabei sind es nicht nur Souvenirjäger, die die Gelegenheit zu Dieben macht, sagt Herbert Kunde, der bei Mazda den Messeauftritt und den Stand verantwortet. Er erinnert sich an professionelle Ersatzteildiebe, die als eingespieltes Team auftraten. "Ein paar haben abgelenkt und gedeckt, und einer hat munter abgeschraubt", sagt Kunde und schüttelt noch heute den Kopf, wenn er an den mit Dutzenden von Werkzeugen gespickten Mantel des Haupttäters denkt. Dabei wirkt der Standmanager so, als könne ihn eigentlich nichts mehr erschüttern. Er hat schon Messegäste gesehen, die ganze Stehtische davon geschleppt oder das Ersatzrad aus dem Kofferraum genommen und Richtung Ausgang gerollt haben.

Ratsch - da war das Radio im Dacia herausgerissen

Gerne abgegriffen werden offenbar auch Autoradios – und zwar auch dann, wenn die Messe eigentlich geschlossen hat. Schon in der ersten Nacht habe sich in Frankfurt jemand an zwei ausgestellten Renault Twingos zu schaffen gemacht, plaudert Pressesprecher Thomas May-Englert aus dem Nähkästchen. Das will ihm vielleicht noch in den Kopf. "Aber wer bitte schön klaut – bei aller Liebe - das Radio aus einem Dacia Logan?", fragt er und zeigt auf die ziemlich derangierte Mittelkonsole des Billigautos.

Die grassierende Schwindsucht in den Ausstellungsfahrzeugen ist für die Hersteller nichts Neues. Deshalb werden die Autos bestmöglich für den Messeeinsatz vorbereitet. "Soweit irgend möglich, werden alle losen Teile entfernt", sagt Ford-Sprecher Hartwig Petersen. Fußmatten oder Zigarettenanzünder sucht man deshalb an den Publikumstagen in vielen Autos vergebens.

"Und alles, was unverzichtbar ist, aber leicht demontiert werden kann, wird gesondert gesichert", erzählt Mazda-Manager Kunde, dessen Mitarbeiter zum Beispiel alle Schaltknaufe mit Spezialkleber befestigen. Weil trotz allem immer wieder etwas verschwindet, haben manche Aussteller eine Art Ersatzteillager hinter den Kulissen eingerichtet, um die Autos schnellstmöglich wieder zu vervollständigen. "Ohne Hutablage oder Kopfstützen können wir die Wagen wohl kaum zeigen", sagt ein Experte. Wer das hört, hält auch fest genietete Radios, verschweißte Motorhauben oder verplombte Handschuhfächer nicht mehr für ein abwegiges Gerücht.

Aufmerksames Personal als Schutz vor Langfingern

Der beste Schutz sei genügend Standpersonal, glaubt Audi-Sprecher Eric Felber. Natürlich werden bei den Bayern ebenso wie bei Porsche, Ferrari, Maybach oder Maserati vor allem die Studien und die besonders exklusiven Fahrzeuge so weiträumig abgesperrt, dass ihnen das Publikum kaum zu nahe kommen kann. Doch auch an den Modellen A3 oder A4 postiert Audi speziell geschulte Mitarbeiter. "In erster Linie sind die natürlich da, um die Messegäste zu informieren und Fragen zu beantworten", sagt Felber. "Doch haben diese Mitarbeiter auch ein Auge darauf, was am und im Fahrzeug so alles passiert."

Mit dem Teileklau hat Audi nach eigenen Angaben keine Probleme. Dafür allerdings sehen die Ingolstädter gelegentlich ihre Ideen in Gefahr. Felber berichtet von vornehmlich asiatischen Messegästen, die Ausstellungsstücke besonders genau unter die Lupe nähmen, jede Fuge protokollierten und nicht selten mit Maßband und Digitalkamera zu Werke gingen. "Dagegen kann man zwar auf einer Messe wenig machen", räumt der Firmensprecher ein. Doch wer es zu toll treibe, riskiere einen freundlichen aber bestimmten Platzverweis.

Ein neuer Sitzbezug - dann wird das Auto verkauft

Die Autos selbst überleben den Messestress den Angaben vieler Aussteller zufolge überraschend gut, selbst wenn in zehn Tagen ein paar hunderttausend Menschen über den Fahrersitz rutschen. "Das sind bei uns beliebte Dienstwagen", sagt Mazda-Manager Kunde. Allenfalls werden ein paar Sitzbezüge ausgetauscht oder ein paar Konsolen poliert, bevor die Autos als günstige Gebrauchte verkauft oder in den Firmenfuhrpark übernommen werden.

Bei VW dagegen kommen die meisten Messefahrzeuge aus einem speziellen Kontingent, das eigens für solche Einsätze umgebaut wurde. "Vor allem die Elektrik wird bei diesen Autos modifiziert", sagt Sprecher Christian Buhlmann. "Damit die Batterie nicht alle paar Stunden leer ist, hängen die Autos am 220-Volt-Netz, und damit hier auf dem Stand nichts passieren kann, ist auch die Zündung stillgelegt", erläutert der VW-Mann.

Kein Wunder also, dass diese Autos zumindest ohne Rückbau so schnell nicht wieder auf die Straße finden. Doch weil bald wieder Messe in Barcelona, Los Angeles, Tokio, Bologna oder Leipzig ist, reisen die VW-Fahrzeuge um die ganze Welt – und haben trotzdem keinen Kilometer auf dem Zähler.

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  • Datum: Mittwoch 19.09.2007 | 09:10 Uhr
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