Von Ansbert Kneip
Die Jagd auf Raser beginnt schon vor der Grenze: Beim niederländischen Städtchen Hengelo auf der E3, das ist die Autobahn, die in Deutschland A 30 heißen wird, beginnt das Revier von Michael Pieper und Klaus Matschke, beide 44 Jahre alt, Kommissare bei der Autobahnpolizei.
Sie schwimmen mit im Verkehr, hier gilt Tempo 120, gleich hinter der deutsch-holländischen Grenze wird die Fahrt frei sein. Und wer jetzt schon zappelig fährt, 140, 150, der wird in Deutschland richtig aufs Gas treten – das ist erlaubt. Und sehr wahrscheinlich wird er dicht auffahren, drängeln und die Kleinwagen von der linken Spur jagen – das ist verboten und ein Fall für Pieper und Matschke.
Die Polizisten sitzen in einem zivilen, bieder-blauen Opel Omega, ein noch unauffälligeres Auto kann man wohl gar nicht fahren. Doch in Wahrheit ist der Polizei-Opel eine hochgerüstete Kiste: Kameras zeichnen den Verkehr vor und hinter dem Opel auf, eine Elektronik misst Tempo und Abstand. Der Opel hat 240 PS, er nimmt es mit jedem BMW auf.
Die beiden fahren regelmäßig die A 30 ab, biegen auf der A 31 nach Norden, auch hier gilt kein Tempolimit, jeder darf so schnell fahren wie er kann – wenn die Strecke denn frei ist.
Leider ist sie nicht frei.
Pieper fährt in der linken Spur, 130, 140, 150. Rechts fahren ein paar Lkw, die meisten Pkw haben sich links zum Überholen eingereiht, wer jetzt noch schneller fahren will, müsste drängeln. Das sind die Leute, auf die Pieper und Matschke warten.
"In Wirklichkeit gibt es ein Tempolimit"
"Wissen Sie, " sagt Matschke, "in Wirklichkeit gibt es in Deutschland ja bereits ein Tempolimit: Die Leute denken zwar, weil hier kein Schild steht, hätten sie das Recht auf 200. Aber laut Straßenverkehrsordnung muss man sein Fahrverhalten an die Verkehrslage anpassen."
Auf dem Monitor der hinteren Kamera erscheint jetzt ein grauer Audi, er liegt ein paar Wagen hinter dem Omega der Polizei, drängelt sich rasch nach vorn. Pieper beschleunigt den Polizeiwagen ein wenig, der Audi bleibt dicht auf, er weiß nicht, dass er gerade gefilmt wird. Als das Beweismaterial reicht, lässt Pieper ihn vorbei, beim Überholen touchiert der Audi den Mittelstreifen.
An der nächsten Ausfahrt lotsen die Polizisten ihn raus, Papiere, Führerschein bitte, "Haben Sie eine Ahnung, weshalb wir Sie anhalten?" Der Audifahrer schüttelt den Kopf, die Polizisten führen ihm den Videofilm vor. Etwa 70 Meter Abstand hätte der halten müssen, etwa zehn dürften es gewesen sein. "Oh, das sieht aber gar nicht gut aus", sagt der Fahrer, "und was machen Sie jetzt mit mir?"
Termindruck statt Geschwindigkeitsrausch
Pieper wird eine Anzeige schreiben, das kostet zwischen 60 und 150 Euro und tut dem Audi-Fahrer nicht weh. Aber er wird seien Führerschein abgeben müssen, für mindestens einen Monat. "Saublöd", sagt er. "Geschäftsreisender", sagt Polizist Matschke, "klar." Termindruck. Die meisten Raser, so seine Erfahrung, fahren nicht deshalb schnell, weil sie die Geschwindigkeit lieben, nicht aus Freude am Fahren. "Sie haben es schlicht eilig."
In einer Schweizer Kriminalzeitschrift erschien neulich eine Untersuchung darüber, welche Autotypen am häufigsten geblitzt werden. Die Untersuchung ist nicht repräsentativ, weil die Daten nicht landesweit erhoben wurden, demnächst soll das nachgeholt werden, aber einen Hinweis bieten die Ergebnisse schon jetzt: 30 Prozent der Temposünder fuhren Audi, BMW und Mercedes.
Ihr Anteil an den zugelassenen Autos liegt aber nur bei knapp 15 Prozent. Mit anderen Worten: Wer eine deutsche Nobelmarke fährt, wird sehr viel wahrscheinlicher die Geschwindigkeitsbegrenzung überschreiten als ein Fahrer japanischer oder koreanischer Marken. Das Vorurteil über den typischen Drängler und Raser scheint zu stimmen.
Und noch eines legt die Studie nahe: Mehr als alle anderen neigen die Fahrer von Geländewagen und Limousinen dazu, nicht nur ein bisschen zu schnell zu fahren, sondern – wenn schon, denn schon – das Limit deutlich zu überschreiten.
Erstaunlich ist das vor allem bei den Limousinen. Diese Autotypen gibt es häufig auch in der Familienversion, als Kombi – gleiche Ausstattung, gleicher Motor, aber offenbar anderer Fahrertyp. Kombifahrer überschreiten das Tempo zwar auch, in der Regel aber mäßiger.
Während die Polizisten Matschke und Pieper den Audi-Fahrer belehren, rasen auf der Autobahn mindestens ein Dutzend weitere Drängler an der Polizei vorbei. Glück für sie, dass die Polizei gerade beschäftigt ist. Ein generelles Tempolimit, meint Matschke, sei zwar sinnvoll. "Aber kaum zu kontrollieren."
Lesen Sie dazu in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL (43/2007, Seite 142) wie Umweltschützer versuchen, ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen durchzusetzen - und dabei auf erbitterten Widerstand stoßen.
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