Aus Genf berichtet Thomas Hillenbrand
Der Zündschlüssel dreht sich, aber nichts passiert. Müsste es nicht vibrieren oder brummen? "Sie haben den Wagen nicht abgewürgt, der Motor ist jetzt an", sagt der Think-Mitarbeiter und zeigt auf die Konsole. "Das grüne Lämpchen leuchtet." Tatsächlich genügt ein Druck auf das Gaspedal, und schon schießt das kleine Elektroauto über den Platz hinter dem Genfer Messegelände. Einige chinesische Journalisten können gerade noch ausweichen - sie haben das herannahende Auto nicht kommen gehört.
Bisher sind Elektroautos auf Deutschlands Straßen äußerst selten. Kein einziger großer Hersteller hat ein entsprechendes Serienfahrzeug im Programm. Die kleine norwegische Firma Think Global dürfte deshalb in diesem Jahr zum größten Elektroauto-Hersteller Europas aufsteigen, vielleicht sogar zum größten der Welt. "Unser Werk hat eine Kapazität von 10.000 Pkw", sagt Vorstandschef Jan-Olaf Willums, ein freundlicher älterer Herr mit Vollbart und marineblauem Goldknopf-Jackett.
Der Norweger war einst Chef von Volvo Petroleum, später gründete er die Solarfirma REC, die inzwischen an der Osloer Börse notiert ist. Willums und seine Leute genießen auf dem Genfer Autosalon ihre Außenseiterrolle. Als einziger Aussteller hat Think seinen Stand außerhalb der Messehalle aufgebaut. Vom norwegischen Architektenbüro Snøhetta hat sich Willums einen Stand in Form einer riesigen weißen Plastikkugel entwerfen lassen. Anders als die Automanager im Palais des Expositions tragen die Think-Leute keine Anzüge, sondern schwarze Kapuzenpullis und Baseballcaps.
Das Auftreten passt zum Selbstverständnis: "Wir wollen tun, was moderne Firmen wie Google und Apple tun - und was Ford und General Motors nicht tun", erklärte Willums kürzlich der "Financial Times". Tatsächlich haben die Think-Leute allen Grund, optimistisch zu sein. Die meisten Beobachter glauben, dass E-Motoren mittelfristig der probateste Ersatz für Verbrennungsaggregate sind.
Rechts an der Konkurrenz vorbeigezogen
GM bastelt an einem Serien-Elektrofahrzeug, Renault-Nissan und andere ebenfalls. Doch während etwa Daimler-Chef Jürgen Zetsche in Genf verkündet, sein Unternehmen habe als erstes den Durchbruch bei den unverzichtbaren Lithium-Ionen-Akkus geschafft, rollen hundert Meter vom Mercedes-Stand entfernt bereits Willums' an einen Smart erinnernde Wägelchen über das Messegelände. Mit eben diesen Batterien. Der echte Smart hingegen fährt, von einigen Testautos abgesehen, immer noch mit Benzin.
"Das Auto ist vor allem für Firmen oder Gemeinden interessant, die Mobilität in einer Großstadt organisieren müssen", sagt Nick Margetts vom Marktforscher Jato Dynamics. Wann der Think in Deutschland angeboten wird, will Willums nicht genau sagen. "Bald", verspricht er. Für die Autobahn ist der Wagen wohl eher nichts: 180 Kilometer weit kommt der Elektroflitzer - wenn man die Heizung ausschaltet und nicht rast. Das wird allerdings ohnehin schwierig, bei 100 km/h Höchstgeschwindigkeit.
Hilfe von Google und Porsche
Obwohl Willums die großen Autofirmen mit Argwohn betrachtet, hat er sich bei der Fertigung Hilfe von den Profis geholt und Porsche Consulting engagiert. Auch ansonsten hat der Norweger hochkarätige Berater: Die bekennenden Elektroauto-Narren und Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page organisierten 2007 in ihrer kalifornischen Firmenzentrale eine Konferenz mit dem Titel "Rethinking Think", um den Norwegern bei der Strategiefindung zu helfen.
Herausgekommen ist ein Geschäftsmodell, das ein bisschen nach Internet und Computerbranche klingt. Wie beim PC-Bauer Dell sollen Think-Kunden ihr Fahrzeug über das Web bestellen, erst dann, so Willums, werde das Fahrzeug gebaut. Die Wägelchen sollen zudem mit einem Funksender ausgestattet sein, damit der Nutzer per SMS abfragen kann, wie der Ladestand seiner Batterie ist.
Wenn der Think ein Erfolg werden sollte, wird sich vor allem einer ärgern: der US-Autokonzern Ford. Er hatte die Elektroautofirma 1999 übernommen. 2006 verkauften die Amerikaner das Unternehmen an Willums - nachdem sie bereits 150 Millionen in Technik und Patente investiert hatten. Der Norweger musste den Wagen nur noch fertig bauen. Immerhin erinnert der Spitzname des Think an seinen früheren Besitzer - in der Branche heißt der Wagen "Fjord".
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