VW-Futurologe: Das Auto-Orakel

Von Nils Klawitter

2. Teil: Verunsicherung ist die beste Arbeitsgrundlage

Aber bei wem löst der heutige Verkehr überhaupt noch Freude aus? Wäre es wirklich ein Kontrollverlust oder nicht vielmehr ein Segen, wenn man bei Stau auf Autopilot schalten, sich umdrehen und am Computer arbeiten könnte?

Wenn es nicht weiter geht, fragt Burmeister die Manager mitunter gern: "Was könnte Sie am schnellsten ruinieren?" Es dauere dann meist nur Sekunden, bis die bei alternativen Antrieben seien. Verunsicherung ist die beste Arbeitsgrundlage für Zukunftsforscher. Bei vielen Firmen bietet erst die Angst um die Gegenwart der Zukunft eine Chance.

Den ersten Höhepunkt erlebte die Disziplin deshalb mit der ersten Ölkrise in den siebziger Jahren. 1982 sagte John Naisbitt in seinem Buch "Megatrends" die Globalisierung und die Wissensökonomie voraus. Peinliche Fehlprognosen blieben nicht aus – wie die von Peter Schwartz, der in der Internetblase Ende der neunziger Jahre den Beginn eines "langen Booms" sah.

Für Zukunftsforschung ließ die Atemlosigkeit der Weltmärkte danach wenig Zeit. Der US-Konzern General Electric Chart zeigenlöste sogar die zentrale Planungsabteilung auf. Doch in jüngster Zeit macht sich wieder Unsicherheit breit – wegen Terrorangst, der Furcht vor dem Klimawandel, dem Kampf um knappe Ressourcen.

Selbst die Lobbyisten vom ADAC sehen inzwischen Probleme auf die vermeintliche Innovationsbranche der Autobauer zukommen: Viel zu wenig sei für den Klimaschutz getan worden.

Schubkraft für Innovationen wird inzwischen auch anderen Branchen zugetraut, den regenerativen Energien etwa oder der Bio- und Nanotechnologie. Doch je ungewisser der Ausblick für die old economy, desto größer der Stellenwert von Prognostikern wie Müller-Pietralla. Und desto größer der Hang, das Orakel zu befragen.

Das Budget stieg jedes Jahr um 20 Prozent

Das "Future Lab" von Volkswagen liegt im Herzen des Konzerns, neben der Entwicklungsabteilung – und nicht, wie bei anderen Unternehmen üblich, beim Marketing. Er möchte nicht Politur sein, sondern integraler Bestandteil von Volkswagen, sagt Müller-Pietralla, "um den Wandel von außen in Echtzeit ins Unternehmen zu tragen". Er wolle seine Kollegen mit Ideen beflügeln, nicht irritieren, sagt der Pastorensohn. Ihm scheint das bisher gelungen zu sein: Sein Budget stieg jedes Jahr um über 20 Prozent. Inzwischen hat er elf Mitarbeiter.

Sein Zukunftslabor ist eine Art moderner Seminarbibliothek mit orangener Chill-Out-Zone und Kaffeebar in der Ecke. Auf dem Tisch steht ein blauer Sturzhelm. Er soll das Stadtauto der Zukunft sein. Ein Gefährt, von dem allerdings noch nicht ganz klar ist, wie es fährt. Der Helm steht auf einer Kugel. Entworfen hat ihn ein Praktikant von Audi. Der Helm heißt Snook und an diesem Tag hat Müller-Pietralla zwei Herren der TU Braunschweig eingeladen, die sich vorsichtig darüber beugen und sagen sollen, ob das Ding fahren kann.

Erstmal sei festzustellen, dass dies eine "noch nicht dagewesene Anwendung" sei, sagt der eine. Eine "wunderbar minimale Aufstandsfläche", findet der andere. Frei drehbar in alle Richtungen sei er auch – quasi eine intelligente Variante von Audis Testosteron-Boliden RSQ im Science-Fiction-Film "I robot". Bleibt zu klären, ob er fahre. "Das wäre ein inverses Pendel." Weitere Forschung sei nötig, um das zu beantworten.

Trendstudien und CIA-Berichte

An der Wand des Labors hängt der Entwurf eines Studenten der Hochschule Pforzheim. VW war dort Sponsor eines Wettbewerbs für Fahrzeuge in Mega-Metropolen im Jahr 2029. Der "Uwing" des Studenten erinnert an einen Streitwagen von Ben Hur. Nur dieser soll herausklappbare Trittbretter haben, um etwa im indischen Mumbai Menschen aufspringen zu lassen. "Eine geniale Idee", findet Müller-Pietralla, dessen Abteilung man sich auch als riesigen Staubsauger für Ideen vorstellen kann. Hier wird eine Uni, da ein Design-Award und dort ein Jungunternehmer gesponsert. Müller-Pietralla weiß, dass die Zukunft meist anderswo beginnt als in einem Moloch wie VW. Seine Aufgabe ist es, sie nicht entwischen zu lassen.

Konzerne kaufen Zukunft oft ein - so wie Daimler-Benz 1994 den Smart. Eine Truppe um den Unternehmer Nicolas Hayek hatte den Kleinwagen damals ausgetüftelt. Die Erfinder stiegen allerdings aus, als der ehedem zuständige Mercedes-Manager Dieter Zetsche dem Kleinwagen einen Benzinmotor verordnete. Geplant war ein Elektromotor.

Um Trends frühzeitig zu erkennen, werden heute im VW-Labor Trendstudien ebenso ausgewertet wie Berichte des amerikanischen Geheimdienstes CIA. Solange, bis ein gemeinsames Kondensat erkennbar ist, das Müller-Pietralla die "Balsamico-Essenz" nennt. Zurzeit seien das Gesundheit und Wellness. Klar, dass der VW-Forscher das "vor einigen Jahren schon erkannt und in Forschungsprojekte übersetzt" hat. Schwerer falle es, globale Entwicklungen zu antizipieren. Da hake es vor allem am gedanklichen Transfer aus der Zukunft in die Gegenwart.

Fünfmal fliegt man raus, einmal findet man Gehör

Gerade bezogen auf den Klimawandel stößt die Zukunftsfähigkeit von Menschen noch immer an beträchtliche Grenzen. Das Hirn sei darauf spezialisiert, über andere Menschen nachzudenken – nicht über Ereignisse, so Harvard-Psychologe Daniel Gilbert. Würde ein Diktator die Erderwärmung verursachen oder würde sie uns ab und zu ein Auge ausschlagen – wir hätten sie längst im Griff.

Nur, bei all dem Aufwand, den Volkswagen treibt: Wieso wurde eigentlich der Hybrid-Trend verpasst?

Die Antwort überlässt Müller-Pietralla Wolfgang Steiger, dem Leiter der Abteilung Antriebskonzepte. Biomasse und Hybrid seien ja gut und schön, aber "nicht problemlösend", sagt Steiger. Und dann sagt er etwas leiser, man fliege mitunter fünfmal raus, um einmal Gehör zu finden. Steiger soll sich jetzt verstärkt um die Entwicklung von Elektromotoren kümmern. Für einen Ingenieur ist er schon weiter als im bloßen Morgen, quasi im Futur zwei: "Wir müssen die Mobilität vollständig auf eine regenerative Basis umstellen."

Bei ihm arbeiten inzwischen 80 Leute am elektrischen Antrieb der Zukunft – einem Traum, der genau genommen über 100 Jahre alt ist. Denn bereits 1899 fuhr das erste Elektroauto über 100 Stundenkilometer schnell. Doch schon damals hakte es an der Batterie. Ein Problem, das VW bis heute nicht richtig lösen konnte: Erst vor zwei Jahren wurde das Tochterunternehmen Deutsche Automobil Gesellschaft liquidiert.

Es sollte dem Batterieantrieb zum Durchbruch verhelfen. Es war ein Zukunftsprojekt.

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insgesamt 7 Beiträge
drefa 14.05.2008
Ich entwerfe mal eine andere Zukunftsprognose: Das Fortbewegungsmittel der Zukunft wird von diesem ganzen Schnullifax gar nichts mehr an Bord haben. Weil zwischenzeitlich mal irgendwer mit einem Funken Hirn darauf gekommen [...]
Ich entwerfe mal eine andere Zukunftsprognose: Das Fortbewegungsmittel der Zukunft wird von diesem ganzen Schnullifax gar nichts mehr an Bord haben. Weil zwischenzeitlich mal irgendwer mit einem Funken Hirn darauf gekommen ist, dass es wertvolle Energie kostet, seinen halben Hausrat samt Heimkino, Gefriertruhe und Eierwaermer mitzuschleppen. Das Auto der Zukunft wird fahren, bremsen und im Dustern die Strasse ausleuchten. Und das moeglichst effizient. Dafuer kostet es nicht viel, verbraucht wenig Energie und geht nicht dauernd kaputt. Denn 2 Dinge werden beim Menschen der Zukunft knapp sein: Energie und Geld. Gebaut wird das Auto der Zukunft irgendwo in China oder Indien - wo auch die meisten Kaeufer sitzen werden. Und zwar in grossen Mengen. Das Auto und die Kaeufer. Und die fahrenden Vollautomatik Wohnzimmer bleiben entweder ein skuriler Zukunftstraum oder das Vorrecht einiger weniger Superreicher. Ein _Volks_wagen sieht jedenfalls anders aus. PS: Mit etwas Glueck gibts in der Zukunft auch wieder Handies, mit denen ich einfach nur telefonieren kann.
nachtwut 14.05.2008
Das Zeichen der Zukunft ist 2 - und diese Zukunft hat schon begonnen: 2-Klassen-Medizin, 2-Klassen-Bildung, 2-Klassen-Auto mit 2-Klassen-Sicherheit. Alles wird so schön polarisiert sein wie die ganze 2-Klassen-Gesellschaft. In der [...]
Das Zeichen der Zukunft ist 2 - und diese Zukunft hat schon begonnen: 2-Klassen-Medizin, 2-Klassen-Bildung, 2-Klassen-Auto mit 2-Klassen-Sicherheit. Alles wird so schön polarisiert sein wie die ganze 2-Klassen-Gesellschaft. In der es dann auch endlich die vollständige Trennung der 2-Klassenmediengesellschaft geben wird: in Unterschichtenfernsehen und Bildungsbürgertumbonushefte.... Ja und das Auto? Der irgendwann fertig performte Moloch EU wird die wirtschaftlichen Grenzen mit hohen Einfuhrgebühren abdichten, asiatische Ganz-klein-Wagen müssen draussen bleiben und Bürger X landet auf dem Fahrrad mit Hilfsmotor. Das macht ja nichts, denn schließlich sorgt die Erderwärmung ohnehin dafür, dass wir weniger frieren. und es hat Vorteile: man kann das, was da verbraucht wird, selber brennen... Konkurrenzprodukte zu besagten Ganz-Klein-Wagen stellt dann höchstens Öger-Tours her - in Anatolien selbstverständlich, wo die Volkswirtschaft derart boomt, dass die Leute inzwischen in ruhigere Gegenden in den Urlaub fahren... ins beschauliche servicefreundliche Deutschland z.B., wo an jeder Strassenecke drei Rikschakulis daruaf warten, gebraucht zu werden ......
twellb 14.05.2008
Rational gesehen ist angesichts der 1,3er Besetzung der PKWs in der Stadt der 4-Takt-Scooter der ideale Ersatz. Wenn der Scooter nicht nur beim Parken, sondern auch bei den Fahrerlaubnissen wie Fahrräder behandelt werden, werden [...]
Rational gesehen ist angesichts der 1,3er Besetzung der PKWs in der Stadt der 4-Takt-Scooter der ideale Ersatz. Wenn der Scooter nicht nur beim Parken, sondern auch bei den Fahrerlaubnissen wie Fahrräder behandelt werden, werden schon in 50.000 Einwohner-Städten die Innenstadtbesucher und die Bewohner auf Vespa, Aprilia etc umsteigen. Lastentransport mit Taxi oder Fuhrkutscher oder speziellen Lastenscootern mit Ladeplattformen. Wer nicht fahren will, nehme bitte das Fahhrrad oder den Bus - aber bitte sperrt die Innenstädte für PKWs ausser - restriktiv - für den Verkehr der Innenstadtbewohner. Dann ist auch ein Mini-Katalysator für die 125er Maschinen drin (die vermutlich mit höherem Hubraum und begrenzten Drehzahlen noch verbrauchsoptimierter werden). Ich warte auf den PKW, der wahlweise meinen Scooter oder mein Fahrrad leicht aufnimmt unbd abgibt. Zur Zeit benutze ich für so etwas einen Bully, was für eine Verschwendung. Dann würde auch der Segway seine Kathegorie finden: er gälte als Scooter. Solange der Segway derart bürokratisch an realistischer Verkehrsteilnahme gehindert wird wie aktuell seit Jahren, ist allemal eine effiziente Suche nach funktionierenden Alternativen nicht zu vermuten.
Skarrin 14.05.2008
Solange die deutsche Autoindustrie unter lautem Gejammer Trends hinterherläuft anstatt sie selbst zu setzen, wird das nix mit der "Zukunftsfähigkeit". Bestes Beispiel: Hybrid-Antrieb von Toyota/Honda. Nach langem [...]
Solange die deutsche Autoindustrie unter lautem Gejammer Trends hinterherläuft anstatt sie selbst zu setzen, wird das nix mit der "Zukunftsfähigkeit". Bestes Beispiel: Hybrid-Antrieb von Toyota/Honda. Nach langem Verweigern wird nun hektisch versucht, das Parallelhybrid-Prinzip zu kopieren, was nur schief gehen kann, da die Japaner hier 15 Jahre Entwicklungsvorsprung haben. Stattdessen sollten die deutschen Autobauer gleich auf den Serienhybrid setzen, wie es General Motors mit dem Volt gerade macht. Start der Serienproduktion: 2010! Bis dahin schaffen es VW&Co. wieder nur, irgendwelche serienferne Prototypen auf Messen zu karren. Aber unsere Zukunfts-Laboranten sinnieren über gekühlte Sushi-Schubladen - zum Heulen, wenn es nicht so lächerlich wäre. Die passenden Akkus für Elektroautos mit 350+km Autobahnreichweite gibts übrigens schon seit 10 Jahren, aber das wird von der gesamten Automobilindustrie weltweit ignoriert. Gruß Skarrin
Gosch 14.05.2008
Ach Kinners, ich bin enttäuscht! Da gibt es den Müller-Pietralla, der doch wohl den Job hat, als Querdenker alte Strukturen in Frage zu stellen und aufzubrechen, mögliche Zukunftsszenarien mit Inhalt zu befüllen und gegen das [...]
Zitat von sysopSpoiler sterben aus, SUVs verschwinden von den Straßen - dafür findet der Pkw freie Parkplätze per Autopilot. Für den Blick in die Zukunft beschäftigt VW einen eigenen Futurologen, den viele anfangs für den Spinner vom Dienst hielten. Heute hat er einflussreiche Fans. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,553097,00.html
Ach Kinners, ich bin enttäuscht! Da gibt es den Müller-Pietralla, der doch wohl den Job hat, als Querdenker alte Strukturen in Frage zu stellen und aufzubrechen, mögliche Zukunftsszenarien mit Inhalt zu befüllen und gegen das lineare Denken anzugehen. Soweit so gut. Leider liest es sich auf SPON leider dann mal wieder so, als würde er Zukunft VORHERSAGEN, als würde er lecker ein paar Trendstudien und etwas vom CIA lesen und anschließend WISSEN, dass Spoiler und SUVs demnächst out sind. Der Glaube an Vogelflug und Kristallkugel ist beim guten Herrn Klawitter wohl noch nicht so wirklich überwunden! Dabei hat es Popper so schön simpel und trivial auf den Punkt gebracht: Die Zukunft ist offen!
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  • Datum: Mittwoch 14.05.2008 | 15:56 Uhr
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