Von Jochen Vorfelder
Hendrik von Kuenheim, Chef von BMW Motorrad, ist vor wenigen Tagen zum Präsidenten der International Motorcycle Manufacturers Association gewählt worden. Als IMMA-Boss sitzt er nun gleich mit mehreren chinesischen Bike-Herstellern am Tisch.
Das ist für Kuenheim nicht unbedingt Neuland, denn BMW ist bereits jetzt chinesischer, als man denkt. Die weißblaue Marke ist zwar die erste Wahl jener Biker, die aus Überzeugung keine asiatischen "Reiskocher" sondern Technik "Made in Germany" fahren. Dabei lässt BMW seit geraumer Zeit still und leise in Taiwan und China produzieren.

Wetten, dass langfristig auch der klassische Boxer in China "teilgefertigt" wird? BMW dazu auf Anfrage: "Entscheidend ist dabei die Qualität des Produkts nicht sein Herkunftsland." Ojojoi, ob der deutsche Biker das genauso sieht?
"Soziale Rahmenbedingungen aktiv mitgestalten"
Andererseits hat der Zug nach Osten auch seine gute Seite. Das Engagement bei Loncin gibt BMW Motorrad die einmalige Chance, die im hauseigenen Sustainable Value Report 2007/2008 formulierten Ziele "außerhalb der klassischen betriebswirtschaftlichen Sichtweisen" in die Tat umzusetzen. BMW will auch vor Ort "die sozialen Rahmenbedingungen aktiv mitgestalten". Also: Wenn von Kuenheim bei Loncin demnächst auf bayrische Arbeitszeitmodelle bei vollem Lohnausgleich pochte - die Arbeiter würde es freuen.
Die Arbeitgeber bei Loncin und ihre stillen Teilhaber im Pekinger Politbüro, die sich vom weltweit wachsenden Motorradmarkt eine weitere Scheibe abschneiden, wird es weniger amüsieren. Sie haben andere Pläne und andere Märkte im Auge. Loncin und weitere Hersteller, die für Europäer lohnfertigen, lassen die westlichen Firmen gerne ins Haus, weil der Knowhow-Transfer à la Transrapid die Voraussetzung für den Langen Marsch gen Westen ist.
Auf der Intermot 2006 in Köln waren die chinesischen Hersteller schon das stärkste Länderkontingent; auf der letztjährigen EICMA in Mailand waren Investoren aus den Billiglohnzonen um Shanghai ebenfalls massiv vertreten. Und sie kaufen ein, etwa bei Benelli. Die italienische Traditionsmarke war 2005 noch ein klassischer Insolvenz-Kandidat und hat nur überlebt, weil Anfang 2006 die Qianjiang Group einstieg.
BMW wird bereits geklont
Die Fachpresse frohlockte: "Die Qianjiang Group (...) leistet finanzielle Entwicklungshilfe." Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Firma Benelli wird so lange leben, wie sie technische Entwicklungshilfe leistet. Qianjing produziert in Wenling, 480 Kilometer von Shanghai, mit 14.000 Mann jährlich über 1,2 Millionen Roller – und zukünftig auch dickere Maschinen nach den neuesten Blaupausen aus Italien. Bei Benq und der Mobilfunk-Sparte von Siemens fing das auch so an.
Andere chinesische Hersteller machen sich erst gar nicht die Mühe, europäische Technik oder einen Hersteller einzukaufen. Sie kopieren vom Markt weg. Ein besonders dreister Fall von Plagiat ist die JH600 des chinesischen Herstellers Jialing. Der wassergekühlte Einzylinder mit 4-Takt-Motor und 40 PS sieht aus wie ein Spiegelbild der guten alten BMW F650 von 1993. Die Maschine wird in den USA und auch in Europa angeboten - auf der Website des Schweizer Importeurs Sidam kann man den BMW-Klon unter dem Namen Rocane ordern.
Ein drastischer Fall von Produktpiraterie - also ein klassisches Thema für die IMMA und ihren neuen Großen Vorsitzenden: Genosse Kuenheim, übernehmen Sie!
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