Dragster-Legende Don Garlits: Sie nannten ihn Sumpfratte

Von Boris Glatthaar

Der Mann ist pures Kerosin: Don Garlits baute die schnellsten Autos der Welt. Er war der erste Dragracer, der 435 km/h erreichte und auf einer Viertelmeile im Durchschnitt 321 Sachen schaffte. Heute ist er fünffacher Großvater - mit einem eigenen Museum.

Von Donald Glenn Garlits weiß man nicht viel. Zumindest aus seiner Jugend nicht. Als Einzelgänger wird er beschrieben, als einer, der schon Benzin getrunken haben muss statt Muttermilch, der sich für Autos mehr interessierte als für Mädchen und Bier. Das war‘s dann auch schon. Niemand redet heute darüber, ob er Klassenbester war oder auch einer der Schulversager, bei denen die Geschichte letztlich doch nicht umhin kommt, sie zu Genies zu erklären. Wie bei Albert Einstein etwa, der in Universitäten heute ebenso eine Ikone ist wie Donald Glenn Garlits im Motorsport.

Wahrscheinlich spricht deshalb kaum jemand über seine frühen Jahre, weil sie einfach nicht interessieren. Weil sein Leben erst spannend wurde, als es begann, sich nur noch auf einer Viertelmeile abzuspielen. Auf knappen 400 Metern gerader Straße aus griffigem Teer, ganz egal ob in Iowa oder Arizona, in Florida oder Washington, weil er überall abräumte und überall fast immer der Schnellste war.

Es war 1950, da hatte Don schon eine Menge gehört von den Boliden der kurzen Distanz. Von den abgeramschten Karren, mit denen US-Soldaten im besetzten Deutschland über die Landebahnen ausgedienter Militärflugplätze peitschten, weil sie sonst nicht viel zu tun hatten. Deren Motoren Armee-Mechaniker aufgemotzt und deren Karosserie sie entkernt hatten, damit die Wagen schneller wurden. Von den Wagen, die längst auch in den USA gefahren wurden, vor allem auf alten Air-Bases mit den schnurgeraden Rollfeldern im Westen. Vor allem ausgetrocknete Seen im Wüstensand und die Salzebene von Nevada waren beliebt bei den ersten Dragracern der Nachkriegszeit.

Einfach nur schnell reichte ihm nicht

Mit knapp 18 Jahren setzte sich der junge Mann aus Florida zum ersten Mal in ein Auto, das nur dafür gemacht worden war, so schnell wie möglich über die Viertelmeile zu schießen. Die Konstruktion war reduziert auf das Wesentliche, auf ein leichtes Chassis mit vier Reifen, fettem Motor und Fahrersitz. Damals, da war Don Werksfahrer bei Chevrolet, spürte er die unaufhaltsame Kraft dieser unglaublichen Geschwindigkeit auf dem Drag Strip.

Ihn hatte das Fieber gepackt. Er ging als Fahrer von Rennen zu Rennen, die seit Gründung der National Hot Rod Association (NRHA) im Jahr 1951 nun regelmäßig stattfanden. Es startete im Süden des Landes und im Norden, machte sich selbst Gedanken darüber, wie er aus Motoren alles herausholen und sich die Straße Untertan machen konnte. Er galt als einer, der sich nicht damit zufrieden gab, schnell zu sein. Mit seinem Biss, seiner Ausdauer, seinem Willen zum Sieg, machte sich der bislang in der jungen Rennszene nur als "Floridianer" bekannte Don einen Namen: "Swamp Rat" - Sumpfratte. Bei der Konkurrenz war er gefürchtet.

Kaum Gegner für die Ratte

Richtige Gegner aber hatte er gar nicht. Zunächst in fremden Wagen fahrend, baute Don 1957 sein eigenes Auto: Wegen einer langen Nase erhielt auch das den Namen "Swamp Rat", und mit vorn zwei dünnen Reifen auf Speichenrädern glich das Gefährt eher einer Seifenkiste als einem dröhnenden Wagen. Allein der Motorblock und die acht Auspuffrohre ließen die Kraft erahnen, die in ihm steckte: Acht Vergaser auf dem 1,2 Liter-Chrysler-Aggregat brachten Dons erster Ratte in den Jahren 1957 und 1958 den Titel "Schnellster Dragster der Welt" ein – mit knappen 290 Stundenkilometern Spitze.

Don begann, seine Autos nun regelmäßig selbst zu bauen. Auch ein Feuer, bei dem er als Fahrer im Jahr 1960 fast sein Leben ließ, hielt ihn nicht davon ab, seine Wagen weiter hoch zu züchten. Inzwischen arbeitete er zudem im Team und saß nicht mehr bei jedem Start selbst hinterm Steuer. Don hatte nun Blut geleckt, wollte schrauben, um die besten Autos für die Viertelmeile zu bauen. Und so hatte er 1961 die "Swamp Rat II", wenige Monate später die "Swamp Rat III" konstruiert. Tatsächlich schaffte dieser Wagen bereits 319 Stundenkilometer – die noch niemals zuvor erreichte 200-mph-Marke (321 km/h) war also nicht mehr weit.

Sie zu durchbrechen, wollte Garlits keinem anderen überlassen. 1964 war es schließlich so weit: Die "Sumpfratte VI" verbuchte mit 201,34 Meilen pro Stunde den Geschwindigkeitsrekord für sich, doch die Nachfolgemodelle wollten so richtig nicht mithalten. Erst "Swamp Rat X" konnte Ende der 60er wieder auftrumpfen, als Garlits mit 219 Meilen pro Stunde eine erneute Bestgeschwindigkeit hinlegte. Don gewann mit den 1963 Winternationals in Pomona in Kalifornien seinen ersten NRHA-Cup in der rasantesten, in der Top Fuel-Klasse – die vier- bis fünffache Erdbeschleunigung ist in dieser Klasse nicht selten, beim Start bedeutet das die Kraft, mit der ein Kampfjet vom Flugzeugträger katapultiert wird. Genau das Richtige für Don.

Von da an schien der Erfolg nicht mehr aufzuhalten zu sein: 1967 gewann Garlits mit der elften Ratte die US Nationals, Monate später schafft das zwölfte Modell von Garlits Rennwagen die 240 Stundenmeilen, die 386 km/h. Und auch "Swamp Rat XIII" schien mit 238 mph über die Siegerstraße zu schießen. Doch am 8. März 1970 kam es schließlich zu einem verheerenden Unglück: Noch an der Startlinie des Lions Speedway in Florida explodierte Garlits Wagen und ging in Flammen auf. Don wurde schwer verletzt, verlor die Hälfte seines rechten Fußes. Während er im Krankenhaus liegt, fährt sein Freund Don Lafferty die Saison zu Ende. Und Don kam noch in der Klinik zu dem Entschluss, dass Geschwindigkeit nicht alles sein durfte.

Zurück in der Werkstatt tüftelte Don an seinem Plan: Damit bei einer Explosion des Motors der Fahrer möglichst glimpflich davonkommt, baute er den Motor nun hinten ein. Und als er 1971 mit seiner "Swamp Rat XIV" an den Start ging, trug er außerdem einen eigens entwickelten Feuerschutzanzug aus Aluminium-Bestandteilen. Mit diesen Erfindungen setzte er Maßstäbe für die Sicherheit des Rennsports, die bis heute gelten. Doch auch in Sachen Beschleunigung gab Garlits weiter den Ton an.

Mit 520 Sachen in den Ruhestand

Mittlerweile hatte er den Spitznamen "Swamp Rat" vollkommen an seine Autos abgetreten und wurde in Rennsportkreisen als "Big Daddy" verehrt. Er gewann mit seinen blitzschnellen Autos acht Nationaltitel in den USA sowie ganze 17 Weltmeisterschaften. Insgesamt kommt er heute auf 144 bedeutende Titel in den USA. Neunmal wählte ihn das "Car Craft Magazine" zum "Top Fuel Driver of the Year", mehrmals zum "Chassis Builder of the Year" und zum "Man of the Year". 1972 erklärte das Hotrod-Magazin ihn sogar zum "Dragster des Jahrzehnts". Und seine blitzschnellen Wagen brachten ihm feste Plätze in mehreren Motorsport-Halls of Fame in den Staaten ein. Sein schnellstes Auto, die "Swamp Rat 34", war zugleich sein letztes: Mit knapp 520 Stundenkilometer bretterte "Big Daddy" Don Garlits 1998 nach 48 Jahren auf der Strecke in den Ruhestand.

Heute ist er für die Viertelmeile zu alt. Mit 76 will Don nicht mehr hinter dem Steuer sitzen, nicht mehr mit ölverschmierten Händen selbst in der Werkstatt stehen. Inzwischen hat er all seine "Swamp Rats" restauriert und die geschrotteten nachgebaut, hat sie fein säuberlich aufgestellt in einem "Museum of Drag Racing" in Florida. Dort lebt er auch, gleich nebenan, gemeinsam mit seiner Frau Pat, die er schon in der Schule kennen lernte, und die ihm in all den Jahren zur Seite stand. Manchmal, da kommen die Dragracer noch zu ihm und bitten um Rat. Manchmal muss er für Interviews herhalten und für Fotografen an seinen "Sumpfratten" posieren. Oft sitzt er aber einfach nur da. Ganz ruhig, wie es ein Großvater tut, der seinen fünf Enkeln Geschichten vom Leben erzählt.

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  • Datum: Dienstag 10.06.2008 | 07:26 Uhr
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