Abgewürgt: Labertaschen auf vier Rädern

Fiep! Dingeling! Bitte wenden! Moderne Fahrzeuge machen dank unzähliger elektronischer Helferchen inzwischen mehr Lärm als eine Bimmelbahn. Thomas Hillenbrand weint den Zeiten nach, als Pkw noch ihre Klappe hielten - und das Autoinnere eine Oase der Ruhe war.

Neulich benötigte ich für eine längere Fahrt einen Mietwagen - eigentlich immer eine gute Gelegenheit, mal wieder eine ordentliche Limousine auszuprobieren. Stattdessen bewog mich eine während des Buchungsvorgangs plötzliche einsetzende Geizattacke, ein Fahrzeug der Kategorie "Hasenschachtel" zu reservieren. Schon auf dem Weg zur Abholstation verfluchte ich meine Dummheit. 600 Kilometer in einem Fiesta abzureißen, ist schließlich kein Spaß.

Bimmmeldidingding: Dem Dauerklingeln elektronischer Assistenzsysteme kann man kaum entrinnen
TMN

Bimmmeldidingding: Dem Dauerklingeln elektronischer Assistenzsysteme kann man kaum entrinnen

Umbuchen kam auch nicht in Frage. "Wir haben leider gar nix mehr da", beschied mir die kaugummikauende Servicekraft, und zupfte an ihrer napalmfarbenen Krawatte. "Auch Ihr Wunschfahrzeug ist schon weg." Wieso Wunschfahrzeug? Wer wünscht sich schon einen Fiesta?

Ich seufzte resigniert und betrachtete die in Paparadscha-Orange pulsierenden Wände. "Ich habe leider nur noch einen BMW 525i", sagte die Servicekraft, "der ist ihnen bestimmt viel zu groß". Meine Laune besserte sich schlagartig. "Schon okay, ich komm irgendwie klar", sagte ich und grapschte nach den Schlüsseln. Eine erfreuliche Fahrt lag vor mir: Der flotte Sechszylinder, die Autobahn und ich. Es hätte alles so schön werden können.

Wenn der verdammte Fünfer seine Klappe gehalten hätte.

Schon beim Ausparken fing er an, mich zu belehren. "Booß bloß auf, dassd ohne Dulln ausm Parkblodz aussi kimmst", mahnte der BMW. "Halt die Klappe", erwiderte ich, "ich muss lediglich gerade zurücksetzen. Ich bin ja nicht bewölkt." An der Parkschranke ging es weiter. "Obachd. Jeds werds kritisch", nörgelte der Münchner, "bloß no 24 Zantimäter auf da rechdn Seitn, 18 auf da linkn ..."

"Ich muss halt an den Ticket-Schlitz ranfahren, Blechnase", blaffte ich zurück, "jetzt sei nicht so eine Surge. Du stellst Dich an wie ein Einser." Der hatte gesessen. Ohne weiteren Widerspruch verließ ich das Flughafen-Parkhaus und steuerte die Autobahn an. Fast lautlos schoss der 525i über die leere Straße. Ich spürte, wie sich eine zenartige Zufriedenheit einstellte. "Koid is'", kreischte da der Fünfer plötzlich, "s' werd glei friern. Fahr fei ned so schnell." Das Zen der Zylinder - dahin.

Willkommen in der Bimmelbahn

Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass einem ausgerechnet ein BMW einmal sagen würde, man solle nicht so zackig fahren? Oder ein Audi? Neuerdings stopfen die Autohersteller ihre Fahrzeuge mit allerlei Assistenzsystemen und elektronischen Helfern voll, die während der Fahrt bimmeln, fiepen, klingeln.

Objektiv betrachtet ist das zu begrüßen. Denn es hilft mittelmäßig talentierten Fahrern wie mir, nicht in die Böschung zu schlittern. Subjektiv gesehen ist es die Hölle. Silentium, verdammt! Früher produzierten Autos nur zwei Geräusche: "Vroaamm" (Motor) und "Klickklack" (Blinker). Heute glaube ich mitunter, in der Bimmelbahn zu sitzen.

Der Großteil meines Tages besteht aus Newsroom-Remmidemmi, Babygeplärre und dem Krach dreier unweit meiner Wohnung gelegener Großbaustellen. Der zunehmende Geräuschpegel im Pkw ist deshalb eine mittlere Katastrophe für mich. Das Auto war der letzte Ort in meinem Leben, an dem noch Ruhe herrschte.

Der Fußballer Sebastian Deisler hat einst angemerkt, er habe sich während seiner Depression nur noch im Auto mit geschlossenen Fenstern wohlgefühlt. Man muss nicht malad sein, um so zu empfinden. Das Auto war für viele von uns das sanctum sanctorium, die letzte Zuflucht. Ummantelt von zwei Tonnen Stahl, als motorisierter Eremit, konnte man den Lärm der Welt vergessen.

Wie macht man das bloß aus?

Ich lenkte den grantelnden BMW auf einen Rastplatz und versuchte, in der Betriebsanleitung den Ausknopf für die Assistenzsysteme zu finden - vergeblich. Irgendwo wurde es bestimmt erklärt. Aber mir fehlte die Geduld, 150 Seiten durchzublättern, während der Gurtwarner ununterbrochen fiepte und das Navi mich fortwährend zum Wenden aufforderte.

Ich wollte schließlich irgendwann ankommen, deshalb fuhr ich weiter, in stumpfsinnigem Stupor, das Gezeter meines mitteilungsbedürftigen Untersatzes ignorierend. "Do gibt's oft an Stau", dozierte der Münchner Oberlehrer ungefragt. "In derer Gegnd batschns dauernd aufeinand." Resigniert drosselte ich meine Geschwindigkeit.

Das nächste Mal bestehe ich auf dem untermotorisierten Fiesta. Noch besser wäre ein Daihatsu Cuore. Der fällt zwar bei Tempo 160 fast auseinander. Aber wenigstens hält er während der gesamten Fahrt die Klappe.

Übersetzungen ins Münchnerische: Cornelia Geißler.

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  • Datum: Dienstag 17.06.2008 | 11:28 Uhr
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