Elektroauto-Boom: Eine Branche unter Strom

Von Tom Hillenbrand

VW, GM, Daimler - in der Autobranche ist ein Wettlauf um das erste Elektroauto ausgebrochen. Lange ignorierten die Konzerne den Ölpreis und hielten an ihren heißgeliebten Verbrennungsmotoren fest. Jetzt will keiner der letzte sein, der einen Stromer ins Rennen schickt.

Martin Winterkorn ist ein Liebhaber starker Motoren. Autos wie das Zwölfzylindermonster Audi R8 TDI sind ganz nach dem Gusto des VW-Chefs. Wenn solch ein ausgewiesener Verfechter des Verbrennungsaggregats sich plötzlich für alternative Antriebe stark macht, muss irgendetwas Großes im Busch sein. Anfang der Woche erteilte der Vorsteher von Europas größtem Autokonzern dem Stromvehikel den Ritterschlag: "Die Zukunft gehört dem Elektroauto - mit Strom aus der Steckdose", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Welch ein Wandel. Noch vor zwei Jahren waren E-Autos die Domäne einiger verrückter kalifornischer Bastler und grüner Weltverbesserer. Inzwischen hat das Stromfieber die ganze Autobranche erfasst. Winterkorn hat ein Elektroauto angekündigt, ebenso wie Carlos Ghosn von Renault-Nissan. Auch Bosch, Continental und andere Zulieferer arbeiten fieberhaft an Alternativen zum Verbrennungsmotor. "Wir erwarten, dass Elektroautos 2020 einen Marktanteil von zehn Prozent erreichen", heißt es in einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Roland Berger.

Als Bob Lutz, Entwicklungschef des US-Konzerns General Motors, Anfang 2007 sein Konzept eines Elektroautos für den Massenmarkt vorstellte und die guten Absatzchancen betonte, schüttelten viele in der Branche den Kopf. Das "Wall Street Journal" verwies auf eine frühere Lutz-Prognose: Als Chrysler-Chef habe der Manager einst vorausgesagt, dass sich ein Markt für schwimmfähige Geländewagen entwickeln werde. "Dieses Marktsegment ist heute noch unter Wasser", höhnte das Blatt.

iPod auf vier Rädern

Inzwischen ist klar, dass der ehemalige Marinepilot Lutz einen besseren Riecher hatte als andere Automanager. Ausgerechnet GM, Hersteller von Spritschluckern wie dem Hummer oder dem Cadillac Escalade, könnte 2010 den ersten Serienstromer auf die Straße bringen. 30.000 Dollar soll er kosten und sich an der Steckdose aufladen lassen - Pendler könnten für Centbeträge zur Arbeit fahren.

Nur auf längeren Fahrten spränge ein kleiner Benzingenerator an, um den Akku aufzuladen. "Modelle wie der Volt werden unser Bild vom Auto grundlegend ändern. Das ist keine Evolution, sondern eine Revolution", sagt der Deutsche Frank Weber, der das Volt-Projekt bei GM leitet.

Das öffentliche Interesse an dem Fahrzeug ist riesig. Dabei steht noch nicht einmal das Design fest. Zwei Jahre, bevor der Stromer überhaupt erhältlich ist, hat sich in den USA bereits eine Fanbewegung gebildet. Die "Volt-Nation" fiebert dem Produktstart in ähnlicher Hingabe entgegen wie Apple-Anhänger einem neuen Mac-Modell. Auf der New York Auto Show im vergangenen Frühjahr wurden Lutz und Weber von aus ganz Amerika angereisten Volt-Fans umjubelt.

Entsprechend hat der wegen zu hoher Produktionskosten und immenser Schulden angeschlagene GM-Konzern plötzlich wieder mächtig Oberwasser. Die Blechmänner aus Detroit neigen neuerdings sogar zu Kalauern: Am Sonntag debütiert in den USA ein neuer GM-Werbespot, der wie ein Trennungsbrief gestaltet ist: "Liebes Öl, wir hatten jahrelang eine tolle Beziehung. Aber jetzt glauben wir, dass es für uns beide besser wäre, wenn wir uns nicht mehr so oft sähen."

Die Letzten werden die Letzen sein

Der Volt-Hype hat 2010 für eine ganze Branche zum magischen Datum werden lassen. Lange hielten sich die anderen großen Autokonzerne mit Ankündigungen zurück - was sich durchaus nachvollziehen lässt: Wenn man seit hundert Jahren mit Verbrennungsmotoren gut gefahren ist und zig Milliarden in Patente und Fabriken investiert hat, möchte man am liebsten, dass alles so bleibt, wie es ist.

"Die deutschen Hersteller ignorieren das Problem der Ressourcenverknappung und laufen in der Tat in die Falle", sagt der Grünen-Politiker Hans-Jörg Fell. Tatsächlich überwiegt bei vielen Autokonzernen offenbar inzwischen die Angst, ins Hintertreffen zu geraten. Was nützen technisch hervorragende Verbrennungsmotoren, wenn man in einigen Jahren auf ihnen sitzenbleibt?

Genau haben die Top-Manager registriert, dass spritsparende Autos sowohl in den USA als auch in Europa neuerdings reißenden Absatz finden. In Nordamerika zogen sogar die Verkäufe des Zweirad-Rollers Segway an. Der ist zwar kein Ersatz für ein ordentliches Auto - aber er ist eines der wenigen zugelassenen Elektrofahrzeuge.

Langsam gestartet, blitzschnell korrigiert

Das beste Beispiel für ein beeindruckendes Wendemanöver bietet Daimler. Noch auf der Autoshow IAA im vergangenen November war das Ökoportfolio der Stuttgarter äußerst bescheiden. "In manchen Bereichen waren wir vielleicht ein bisschen spät dran", konzedierte Finanzvorstand Bodo Uebber unlängst.Inzwischen hat der Konzern, der über eines der größten Forschungs- und Entwicklungsbudgets Europas verfügt, jedoch massiv korrigiert. Die Luxuslimousine S400 wird der wohl das erste seriengefertigte Hybridfahrzeug mit Lithium-Ionen-Akkus. Der lange belächelte Kleinwagen Smart soll demnächst einen E-Antrieb erhalten.

Kleine Elektroautovorreiter wie Norwegens Think oder Kaliforniens Tesla Motors hatten lange gehofft, den Markt ein paar Jahre für sich alleine zu haben. Daraus wird wohl nichts: Wenn alles glattgeht, werden auf der IAA im Herbst 2009 weitgehend serienfertige Stromer von Chevy, Opel, Daimler, Nissan und weiteren großen Herstellern stehen.

Damit stirbt auch der wohl etwas zu optimistische Traum, einige smarte Kalifornier könnten die Giganten aus Detroit, Stuttgart und Tokio locker links überholen. "Silicon Valley ist bei allem, was es tut, Weltspitze", protzte Teslas Chairman, der Dotcom-Milliardär Elon Musk, noch vor einem Jahr in der "Business Week".

Musk und anderen Elektroautopionieren aus dem Valley bleibt zumindest ein Trost. In gewisser Weise wäre die Autorevolution, die sich jetzt abzeichnet, ohne ihre Laptops, Palm Pilots und iPods nicht möglich gewesen. Denn jene Lithium-Ionen-Akkus, die moderne Unterhaltungselektronik mit Energie versorgen und in den vergangenen 20 Jahren von der IT-Branche perfektioniert worden sind, werden jetzt für die Autoindustrie zum Benzinersatz.

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insgesamt 649 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.06.2011 von joe-joe:

Tja, 15-20kWh für 100km sind schon enorm. Vor allem wenn in der Regel nachts (Stromüberschuss) getankt wird und tagsüber gefahren /allenfals nachgeladen wird. Wenn Sie dann noch tagsüber PV-Strom einspeisen [...] mehr...

31.05.2011 von sorentoraser: pro Atomstrom

.. kommt drauf an, ob wir weiterhin Atomstrom erzeugen , denn wie will man eine solche enorme Menge an Energie für die Autos und vor allen Dingen auch LKW`s produzieren ? 1/3 der Lagefläche wir dann für Batteriekapazitäten [...] mehr...

29.05.2011 von tobilechat: Lobbyinteressen behindern die Entwicklung von Alternativen

Etwa 1975 erfand man den Nebenstromölfilter. 80.000 km mit einer Ladung Öl. Wer hatte wohl was dagegen und hat die Marktreife der Erfindung verhindert? Ich bin überzeugt davon, dass wir das Dreiliterauto schon längst haben [...] mehr...

07.05.2011 von n+1: Konstante Geschwindigkeit?

Erstens war das ein Dreier und kein Fünfer. Zweitens gibt es in Deutschland m.W. nach keine Strecke auf der Sie konstant 132 km/h fahren können. Sie fahren 60 in der Baustelle und auch man 230 auf freier Strecke. mehr...

07.05.2011 von n+1: Antwort

Hatte mit dem BMW nix zu tun. Der Merc nimmt so gut 10 L Diesel wenn er scharf gefahren wird. Der Kleinwagen so 7,6 L Benzin. mehr...

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  • Datum: Donnerstag 19.06.2008 | 15:26 Uhr
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