Ja, ich bin Fußballfan. Und: Ja, ich juble ausgelassen, wenn die von mir favorisierte Mannschaft ein Tor schießt oder das Spiel gewinnt. Doch seit gut zwei Wochen frage ich mich, ob man auch zu aufdringlich, zu laut, zu penetrant jubeln kann. Meine vorläufige Antwort darauf lautet: Ja. Seit Fußballspiele – insbesondere die Welt- und Europameisterschaften dieses Sports – mit Sponsoren-Millionen zu Party-Events aufgebläht werden, hat sich der einst spontane Autokorso nach dem Schlusspfiff zur zwingend notwendigen Aftershow entwickelt. Jeder Kick ein Korso, heißt inzwischen die Devise.
Schon am ersten Spieltag der EM, nach einer eher durchschnittlichen Begegnung zwischen der Türkei und Portugal, kurvten gut zwei Stunden lang mit portugiesischen Fahnen geschmückte Autos durchs Hamburger Schanzenviertel, in dem ich an wohne, um mit Dauergehupe den 2:0-Sieg zu feiern. In diesem Moment war klar, dass die EM noch viel nervenaufreibender werden würde als die WM vor zwei Jahren.
Kein Spieltag ist seither vergangen, an dem nicht mindestens ein Mini-Korso durchs Viertel dröhnte. Gewinnt Deutschland oder die Türkei, ist es kaum auszuhalten. Auch Isolierverglasung und geschlossene Zimmertüren gewährleisten keine Nachtruhe. Schon gar nicht fürs Kind (noch keine zwei Jahre alt), das seit EM-Beginn keine Nacht mehr durchschlief.
Jubel-Trubel nach einem Fußballspiel ist okay. Auch Autokorsos und Hupkonzerte - ein Euphemismus - sind okay. Aber ein paar Fragen sollten doch erlaubt sein: Ist es nur der Siegestaumel freudetrunkener Fußballfans, wenn nachts um zwei, also gut drei Stunden nach Spielschluss, noch immer ekstatisch hupende Autofahrer durch eine Straße mit geschlossener Wohnbebauung rollen? Würden sich die Leute in ihrer Nachbarschaft ebenso benehmen?
Ferrari oder Fiat - im Korso sind alle gleich
Abgesehen vom Getöse haben Autokorsos schon einen hohen Unterhaltungswert. Wo sonst juckeln Ferrari F430 und Fiat Ducato, beide geschmückt mit türkischen Fahnen und der Kleinlaster, beladen mit schätzungsweise zwölf entrückten Fans, Seit' an Seit' über die Kreuzung, wenn die Ampel auf grün springt? Wo sonst zwängen sich drei Leute durch das Schiebedach eines VW Golf, um Schals zu schwenken? Die Seitenfenster müssen ja zu bleiben, wegen der vier dort eingeklemmten Fahnen.
In schwarzen BMW 3er Cabriolets lässt sich, insbesondere nach Spielen mit türkischer Beteiligung, eine neue Interpretation des 4-4-2-Systems beobachten: Hinten vier Mädchen auf dem Verdeckkasten, die Füße auf der Rückbank, die abwechselnd durch ein Megafon den Namen ihres Heimatlandes in die Nacht brüllen. Dazu vier flatternde Fahnen. Und vorne zwei Jungs.
Autofahrer, die ihren Pkw mit Deutschland-Fahnen behängen, versuchen sich häufig an komplizierten Hup-Rhythmen, die fast immer in einem Dauertoncrescendo enden. Kroatische Korsoteilnehmer hingen (als es noch was zu feiern gab) gern mit dem kompletten Oberkörper aus den Fondfenstern; und portugiesische Korsopiloten hatten (bevor ihr Team ausschied) oft überdimensionale Portugal-Fahnen in den Heckdeckel ihrer Kompaktwagen geklemmt.
Für alle Fälle die Fahnen beider Nationen am Auto
Korsotechnisch gesehen findet heute Abend bereits das EM-Finale statt. Auch deshalb, weil sich fast jeder als Gewinner fühlen dürfte, wie die zahlreichen binational beflaggten Autos nahelegen. Und weder die spanischen noch die russischen Fans kommen annähernd an die Dezibelzahl, die Fähnchendichte oder die Autoschlangenlänge der deutschen und türkischen Fußballanhänger heran. Das sportliche Endspiel am kommenden Sonntag wird also, was das Korsoaufgebot betrifft, eine eher einseitige Angelegenheit werden.
Vielleicht sollte man - trotz des Lärms bis weit nach Mitternacht - diese Autokorsos noch einmal so richtig genießen. Denn wer weiß, womöglich sind bis zur nächsten Fußball-WM die Spritpreise derart hoch, dass zum Jubeln nicht mehr herumgekurvt, sondern nur noch stationär ein wenig gehupt wird. Denn von einem Fahrradkorso hat man bislang noch nie gehört.
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