Neue Warnsysteme: Lichtorgel statt Piepshow

Von Tom Grünweg

Sie sollen doch nur helfen! Doch je mehr Assistenzsysteme den Autofahrer unterstützen, desto schwerer wird die Informationsaufnahme. Weil die Warntonleiter nicht unendlich ist, experimentiert VW mit einer Lichtorgel. Ob die demnächst das Unterbewusstsein alarmiert?

Kaum steckt der Zündschlüssel, schlägt irgendwo in den Tiefen des Armaturenbretts ein heller Gong. Vergisst man auch nur ein paar Sekunden den Sicherheitsgurt, orgelt sofort eine elektronische Kakophonie auf den Fahrer hernieder; wagt man sich beim Ausparken zu nahe an den Oleander, fiept es aufgeregt, und auf freier Strecke summen oder surren die Spurhaltehilfen, während der Abstandswarner tönt, sobald ihm die Stoßstange des Vorausfahrenden zu nahe erscheint.

Neues Warnsystem: Eine Lichtleiste warnt den Autofahrer.
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Neues Warnsystem: Eine Lichtleiste warnt den Autofahrer.

So hilfreich elektronische Warn- und intelligente Assistenzsysteme sind, kaum treten sie in Aktion, wird das Auto zur Piepshow auf Rädern und nicht selten klingt und blinkt es hinter dem Steuer wie in einer Daddelbude, wenn der Flipperautomat ein Freispiel spendiert. Ob akustisch oder optisch – die Warnhinweise sind für Entwickler Fluch und Segen zugleich. Natürlich werden Assistenzsysteme ja genau deshalb eingebaut, weil sie den Fahrer auf drohende Gefahren aufmerksam machen sollen. "Doch je mehr Assistenzsysteme an Bord sind, desto schwerer wird es, den Überblick zu behalten", sagt Jürgen Leohold, Leiter der VW-Konzern-Forschung in Wolfsburg.

Die Entwickler kennen also das Dilemma, in das der Autofahrer geraten kann, wenn immer mehr elektronische Helferlein zu Diensten sind. Darum suchen sie nach Lösungen, die nicht nur akustischer Natur sind. "Für den Dialog zwischen Fahrer und Fahrzeug nutzen wir alle Kanäle. Wir bauen auf akustische und optische Warnungen ebenso wie auf haptische Signale, zum Beispiel den leichten Gegendruck im Lenkrad bei der aktiven Spurführung", sagt Leohold.

Der Spielraum der Ingenieure

Es wird ein hoher Aufwand getrieben, um möglichst sinnvolle Warnhinweise zu generieren. Zwar schreibt der Gesetzgeber zum Beispiel Form und Farbe einiger Kontrollleuchten im Cockpit explizit vor. Doch wo sie frei in der Entscheidung sind, nutzen Ingenieure den Spielraum und komponieren zum Beispiel Dutzende von Warntönen, die bei jedem System und jeder Funktion anders klingen. "Kein Ton geht ohne Freigabe in Serie. Alles was da pfeift, fiept, summt oder surrt hat der Vorstand abgenickt", sagt VW-Sprecher Harthmuth Hoffmann und unterstreicht damit die Bedeutung dieses Themas.

Geht es nach VW-Forscher Andreas Galla, wird die Piepshow im Auto künftig wieder etwas dezenter. Denn Galla experimentiert mit einem neuen Anzeige- und Warnkonzept, das den Fahrer eher im Unterbewusstsein anspricht. Dafür wurde um die Frontscheibe eines Golf von innen eine Leiste mit 160 Leuchtdioden gelegt, die flackern und blitzen wie in einer Discothek. Das allerdings sieht der Fahrer nur, wenn er sich explizit auf diese Leuchtleiste konzentriert. Bleibt der Blick auf der Straße, nimmt man die Lichtreflexe buchstäblich nur am Rande wahr.

Die Wahrnehmung im peripheren Sichtbereich

"Wir nutzen dabei den sogenannten peripheren Sichtbereich des Menschen, der bislang im Auto brach lag", erläutert Galla. Zwar könne man in diesem Bereich nicht richtig scharf sehen, doch würden optische Hinweise trotzdem wahrgenommen, sagt der Entwickler. Es handle sich um eine Art intuitive Wahrnehmung. Eine Testfahrt soll Aufschluss darüber geben, ob das funktioniert.

Wenn man den Blick stur auf die Straße heftet, kann man die Lichtsignale um die Frontscheibe eher spüren als sehen. Trotzdem schwenken erst die Augen und danach intuitiv auch das Fahrzeug in Richtung des Lauflichtes, wenn zum Beispiel der Spurführungsassistent den Fahrer mit einem wandernden weißen Leuchtpunkt wieder auf Kurs zu bringen versucht.

Rotes Flackerlicht lässt den Fahrer bremsen

Und kaum löst der Abstandswarner ein rotes Flackern aus, lässt man sich unwillkürlich so lange zurückfallen, bis die Leuchtleiste am Rand des Sichtbereiches wieder erlischt. Auch für Überholassistenten und den Blick in den Toten Winkel könne man das System nutzen, sagt Galla, drückt zwei Tasten auf dem Computer und lässt eine Simulation ablaufen, bei der die Lichtbänder hinauf zur A-Säule wandern und dort wahlweise warnen oder tatsächlich grünes Licht zur Vorbeifahrt geben.

Wie wichtig eine sinnvolle Auswahl von Warnhinweisen sein kann, zeigen die vielen Fehler, die immer wieder auftreten. Der neue Honda Accord zum Beispiel hat zwar mehr Assistenzsysteme, als die meisten anderen Fahrzeuge seiner Klasse, piept allerdings schon auf einer entspannten Autobahnpassage so oft, dass der Fahrer die Ohren alsbald auf Durchzug und die Musik lauter stellt. Und wenn die Spurführungshilfe von Citroen bei jedem Kontakt mit der Fahrbahnmarkierung per Vibrationsalarm im Sitzkissen den Hintern massiert, wird man das zwar bemerken, doch nicht immer auch konsequent reagieren. Im Gegenteil: Vielen Fahrern ist der Alarm angeblich so lästig, dass sie ihn einfach abschalten. Ein stummes Lichtsignal könnte da tatsächlich ein Wink aus der richtigen Richtung sein.

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  • Datum: Dienstag 01.07.2008 | 17:23 Uhr
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