Von Tom Grünweg
Auf AMG-Chef Volker Mornhinweg kommen schwere Zeiten zu. Und das hat nichts mit dem aktuellen Spritpreis oder einer neuen Verzichtsethik seiner Kundschaft zu tun - im Gegenteil. Mornhinweg wird im November, wenn der Sportwagen Mercedes SL in der AMG-Sonderauflage "Black Series" zum Preis von schätzungsweise mehr als 300.000 Euro an den Start geht, vielen Interessenten einen Korb geben müssen. Denn wann immer AMG eine rare Serie auflegt, wedeln mehr Superreiche vornehmlich in Los Angeles, New York, Moskau oder Peking mit dem Scheckheft, als die Manufaktur beliefern kann.
"Dann heißt es mit Fingerspitzengefühl auszuwählen, welche Kunden wann ein Auto bekommen", sagt Mornhinweg, der Stammkunden natürlich nicht vergrätzen und neue AMG-Kaufwillige nicht vor den Kopf stoßen möchte. Vorbesitz eines Modells aus Affalterbach kann sicher nicht schaden, ein gut gefülltes Bankkonto ist selbstverständlich, und zaudern darf man auch nicht. Denn wie so oft im Leben gilt die nur leicht abgewandelte Regel: Wer zu erst kommt, rast zuerst, denn angeblich soll es von dem Renner nicht mehr als 1000 Exemplare geben.
Demnächst also bringt AMG den SL 65 "Black Edition" in die Pole Position. Der im Serientrimm oft als fett und bieder kritisierte Mercedes-Roadster wird in dieser Aufmachung zum waschechten Rennwagen, dessen neuer Karbondress kaum mehr über die Muskeln passt: Die Front ist geweitet, die Kotflügel sind um satte 14 Zentimeter breiter und laufen in riesigen Kiemen aus, am Heck prangt über dem kniehohen Diffusor jetzt ein Spoiler, der die Pommes-Theke mancher Imbissbude übertrifft, und statt des Faltdachs spannt sich über die beiden belederten Schalensitze nun eine feste Haube. Die neue Karosserie sieht nicht nur schärfer aus als bei jedem anderen Mercedes, sie ist auch deutlich leichter. Das Gewicht des Autos verringert sich um rund 250 Kilo.
Gleichzeitig hat AMG Hand an den Motor gelegt. Zwei neue Turbolader blasen dem sechs Liter großen Zwölfzylinder nun zehn Prozent mehr Leistung ein und machen ihn mit 670 PS zum stärksten Mercedes-Motor weit und breit. Entsprechend beeindruckend sind schon auf dem Papier die Fahrleistungen: Obwohl das maximale Drehmoment mit Rücksicht auf die Fünfgang-Automatik von 1200 auf 1000 Nm gesenkt wurde, schafft der düstere Tiefflieger den Standardsprint von 0 auf 100 km/h in 3,9 Sekunden. Nach elf Sekunden hat man Tempo 200 erreicht, und erst bei 320 km/h dreht die Elektronik dem SL den Hahn zu. Denn auch mit Gewindefahrwerk, Rennbremsen und Spezialreifen wird es da schon ziemlich eng auf der Straße.
In Hockenheim steht ein Modell neben der Boxengasse
Um den Puls der potenziellen Kunden jetzt schon in die Höhe zu treiben, wirbt AMG bereits für den schwarzen Lord. Im Frühjahr, auf der Automesse in New York, gab es hinter verschlossenen Türen bereits eine Vorab-Premiere für ausgewählte Gäste. Und wenn am nächsten Wochenende in Hockenheim der Formel-1-Zirkus Station macht, steht der Überflieger zur Besichtigung am Rande der Boxengasse. Lange bevor das erste Serienauto fertig ist, werden sich wohl auf Mornhinwegs Schreibtisch die Bestellungen stapeln. Und die Wartefrist wird immer länger.
Mit diesem Luxusproblem ist Mornhinweg allerdings nicht alleine. Auch andere Hersteller kennen dieses Phänomen: Je kleiner die Stückzahl und je rarer das Auto, desto größer wird die Begehrlichkeit der Besserverdiener. Der auf 20 Exemplare limitierte Lamborghini Reventón, der nur für handverlesene Kunden produzierte Ferrari FXX, der Bentley Brooklands, der Maserati MC12 – sie alle waren schneller verkauft als produziert. Selbst weniger erfolgreiche Modelle wie der Mercedes SLR oder der Bugatti Veyron werden durch künstlichen Verknappung über Nacht zum Bestseller.
Verknappung schürt das Verlangen
Das Sondermodell SLR 722 zum Beispiel, von dem nur 150 Exemplare im Gedenken an den legendären Sieg von Stirling Moss bei der Mille Miglia 1955 gebaut wurden, war binnen zweieinhalb Monaten ausverkauft. Und als Bugatti im vergangenen Jahr auf der Automobilausstellung in Frankfurt die auf fünf Autos limitierte Serie "Pour Sang" (reines Blut) ankündigte, die für den Verzicht auf die Farbe und den Mut zu blankem Blech mal eben 300.000 Euro teurer wurde, konnten die Verkäufer gar nicht schnell genug ans Telefon kommen: Noch während der Präsentation, so machte es hinterher die Runde, war das noble Quintett ausverkauft.
Dass die Exoten in Eile so gefragt sind, kann man nicht nur der Lust an der Leistung zuschreiben, glaubt Fridolin Koltes. "Auch sehr vermögende Menschen möchten ihr Kapital gerne erhalten oder besser noch vermehren", sagt der Gründer des auf exklusive Supersportwagen, Luxuslimousinen und Oldtimer spezialisierten Auto-Salons in Singen. "Wenn damit dann auch noch ein Spielzeug einhergeht, dessen Erlebniswert heute besonders hoch eingeschätzt wird, kann man doch nichts Gescheiteres tun, als in diesem Marktsegment zu investieren", rät der Händler. "Das ist allemal besser, als dieses Kapital auf die Achterbahn der Börse zu schicken."
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