Von Tom Grünweg
Der Ferienkalender ist für Martin Kammerer so etwas wie die Heilige Schrift – und zwar nicht, weil der Mittvierziger so gerne in den Urlaub fährt. Kammerer ist Chef der Raststätte Baden-Baden an der Autobahn A5 Richtung Süden, und wenn sich irgendwo im Norden Deutschlands, in Belgien oder in Skandinavien eine Reisewelle aufbaut, schwappt die Flut der Autourlauber kurz darauf auch an seine Rastanlage.
Ein Restaurant mit 300 Plätzen, eine Kaffeebar, ein Shop von der Größe eines mittleren Supermarktes, die Tankstelle, ein Burger-Schnellimbiss, ein Hotel und die große Terrasse warten dann am Wochenende auf die durstigen, hungrigen und oft auch schon leicht genervten Ferienwilligen. Kammerer und seinem Team steht dann wieder ein Großkampftag bevor – wie vielen anderen Raststättenbetreibern auch. Im Schnitt alle 60 Autobahnkilometer unterhält die Tank & Rast AG in Deutschland einen Servicebetrieb: Rund 340 Tankstellen sowie 370 Raststätten samt 50 Hotels zählen etwa 500 Millionen Gäste im Jahr.
"Besonders heiß wird es für uns, wenn Nordrhein-Westfalen Ferien macht", sagt Kammerer. Erfahrungsgemäß ist nach 300 bis 400 Kilometern der Tank leer und die Blase voll. Urlauber aus Dortmund, Köln, Paderborn oder Düsseldorf – sie alle stehen dann bei ihm auf der Matte. Der Run auf die Raststätte beginnt an den Reisewochenende bereits am Freitag mittag.
"Bis spät in die Nacht ist dann die Hölle los", sagt Kammerer. Und kaum geht am Samstag die Sonne auf, setzt sich das Spektakel fort. Erst am späten Nachmittag ebbt die Flut der Ferienfahrer ab. Während an normalen Tagen rund 2000 Gäste hier rasten, sind es an den Wochenenden der Hauptreisezeit bis zu 6000 Reisende, die bedient werden wollen.
Der Autoreisende ist ein Gewohnheitstier
Auf diese Tage bereitet sich das Team in Baden-Baden sorgsam vor. Während sonst in Restaurant und Shop 15 Mitarbeiter kochen, servieren und die Regale füllen, sind an diesen Tagen 20 bis 25 Leute im Einsatz. Ein halbes Dutzend Aushilfen steht zusätzlich auf Abruf bereit. Ab Mittwoch werden die Lager gefüllt: "800 Kilo Pommes, 4000 Würstchen, 3000 Schnitzel, 20 Kisten Gemüse, Salat und Obst – die Vorratskammer ist dann voll", sagt Kammerer und zeigt in die riesigen Kühlräume, die bis Montag völlig leer gefuttert sind.
Trotz des vergleichsweise vielfältigen Angebots ist der Autoreisende offenbar ein Gewohnheitsmensch. "Die Klassiker auf Reisen bleiben Bratwurst, Schnitzel und Pommes", sagt Kammerer. Daran habe auch die Frische-Offensive der letzten Jahre nichts geändert. Kammerer gibt aber nicht auf. Baden-Baden ist eine der wenigen Raststätten mit eigener Konditorei. Die liefert täglich frische Kuchen und Torten.
Auch bei den Getränken gibt es die Klassiker. Wasser und Saft gehen immer, Energy-Drinks liegen derzeit im Trend. Doch eigentlich ist das typische Raststättengetränk Kaffee. "Den braucht der Fahrer offenbar so dringend wie das Auto Benzin", sagt Kammerer. Allerdings wird die bittere braune Plörre, die noch vor ein paar Jahren die Magenschleimhäute von Raststättenbesuchern malträtierte, heute kaum noch serviert. Es muss schon die italienische Caffè-Bar sein – mit dem Vollautomat, der auch Sahnehäubchen oder Milchschaumkronen kann.
Fleischberge schon zum Frühstück
Die klassische Speisenfolge gilt übrigens auf einer Raststätte nicht. "Insbesondere unsere Nachbarn aus dem Norden und dem Westen verdrücken schon zum Frühstück wahre Fleischberge", hat der Chef in Baden-Baden gelernt. Oft klingelt das Telefon, weil Busfahrer aus England oder Holland einen Tross Urlaubsgäste zum Frühstück anmelden. Dann schlägt der Koch 300 Eier in die Pfanne und brät einen Berg Schnitzel vor, damit die Wartezeit erträglich bleibt. "Zeit ist hier der wichtigste Faktor. Wer bei uns an der Theke steht, will nicht warten", erklärt Kammerer die schnelle Schlacht am warmen Buffet.
Dass die Preise in der Autobahnraststätte etwas höher sind als in normalen Restaurants, scheint die Kunden kaum zu stören. Selbst in Zeiten explodierender Benzinpreise registriert Kammerer im Restaurant keinen Umsatzrückgang. Er vertraut auf die Psychologie: "Wer hier rastet, ist auf dem Weg in den Urlaub. Da ist die Stimmung gut, die Reisekasse noch voll und der Appetit groß", sagt der Chef.
Pro Tag bis zu 40.000 Liter Treibstoff
Auch auf der Tankstelle herrscht während der Reisezeit Hochbetrieb. Bis zu 40.000 Liter Sprit fließen dann pro Tag durch die Zapfpistolen. "Wir haben fünf Zapfpunkte. Wenn man pro Tankvorgang plus Bezahlen etwa acht Minuten veranschlagt, ergibt sich daraus eine Dauerbelegung von 21 Stunden", rechnet Kammerer vor. "Viel mehr geht nicht.“
Kammerer ist keiner, der pausenlos Anekdoten von schrillen Begebenheiten erzählen mag. Die Geschichte von der vergessenen Ehefrau erzählt er jedoch gerne und in Dutzenden Varianten. "Auch wenn es abgedroschen klingt, passiert das hier mindestens drei- oder viermal im Jahr" berichtet er. Dann ist mal wieder ein schusseliger Gatte ohne die Gemahlin davongebraust. Und es gibt mitunter auch Tränen, bis die Herren dann mühsam zur Familienzusammenführung zurückgekehrt sind.
Ein bisschen ruhiger ist es auf der Autobahnraststätte Baden-Baden eigentlich nur in den Monaten Februar und November. Dann sind hauptsächlich Dauergäste da – Fernfahrer, Handlungsreisende, Kurierfahrer. Doch ganz ebbt der Trubel eigentlich nie ab. Kammerer: "Irgendwo sind immer Ferien."
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