Von Tim Maxeiner
Nathan muss zurück nach Deutschland. Endlich darf ich in "Victoria" alleine schlafen. Er fliegt von Oklahoma zurück, wo wir noch einen Freund besuchen. Macht 2000 Meilen Geradeausfahren. Doch "Victoria" ist immer für eine Abwechslung und Gespräche mit lokalen Mechanikern gut. Sie verlangt unter anderem nach einer neuen Lichtmaschine. Von Oklahoma fahre ich über Kansas, Colorado, Utah und Nevada zurück nach Kalifornien. Auf der Reise erklimmt "Victoria" den berühmten Pikes Peak und durchquert Death Valley.
In San Diego wache ich morgens durch ein merkwürdiges Geräusch auf. Durch die Windschutzscheibe erkenne ich im Halbschlaf ein aufgeregtes Blinklicht. Es stammt von einem Abschleppwagen, der gerade im Begriff ist, "Victoria" abzuschleppen. Ich muss wohl im Dunkeln das Halteverbot übersehen haben. Und der Fahrer des Abschleppwagens hat mich übersehen. Als ich ihm mit Schwung rückwärts vom Haken sause, guckt er wie ein Toyota: Nichts ist unmöglich.
Kaum dem Haken entkommen, will ich dann gemütlich auf meinem Skateboard ein bisschen durch die Gegend cruisen. Doch da taucht schon wieder ein Blinklicht auf. Ehe ich mich versehe, stehe ich mit gespreizten Beinen hinter einem Polizeiauto und lege die Hände auf dem Kofferraum. Ich versuche einfach mal, mich mit der Touristentour rauszureden. Ihr wisst schon, ich bin in Summerholiday, ich spreche nur ein little bit Englisch, und ich bin überhaupt so sorry. Leider findet der Cop mit Hilfe meiner Papiere schnell raus, dass ich nicht in Summerholidays sein kann, dass ich mich seit Monaten in Kanada, USA und Mexiko rumtreibe, daher mein Englisch auch ein little bit besser sein muss, als ich ihm vorspiele, und ich überhaupt nicht sorry bin, für was auch immer ich verbrochen habe. Meine Tat: Skateboarden ohne Helm. Das bringt mich dann aber doch zum Lachen. Bis mir der Strafzettel überreicht wird: 50 Dollar! Der Cop hat wahrscheinlich solche Aggressionen gegenüber Skatern, weil er als kleines Kind mit einem Board verprügelt worden ist.
Willow Creek oder: Fucking Sharks
In den nächsten Wochen knattere ich wieder nach Norden. Je weiter ich nach Norden komme, desto toleranter ist das Gesetz. Dafür lauern andere Überraschungen, zum Beispiel große weiße Haie. In Willow Creek treffe ich Gjert aus Norwegen. Jeder von uns beiden freute sich, noch jemanden in diesen gruseligen Gewässern an seiner Seite zu haben. Wir surften schon eine ganze Weile, als ich Gebrüll hörte. "I saw something, Tim!! I saw something!!" Ja, ja, dachte ich bei mir. Ich sehe auch "something". Ich sehe schöne, lange Wellen, die Sonne, den langen Strand. Und außerdem einen verdammt großen Schatten etwa 25 Meter von mir entfernt im Wasser. Scheiße! "Im going in, I saw something!!", höre ich nochmals. Jetzt weiß auch ich, was mit "something" gemeint ist. Wir waren beide froh, wieder am Strand zu sein, sage ich euch. Am selben Abend bin ich dann noch mal mit einem Local rausgepaddelt. Die Wellen wurden immer größer, unsere Laune immer besser, und das Bier zum Sonnenuntergang war ein wunderbares Ende eines guten Surftages.
Weiter nördlich in Carmel finde ich nach ein bisschen Rumsuchen eine wunderbare Left. Die einzigen Surfer sind zwei ältere Locals. Als sie hören, dass ich aus Deutschland komme, fragen sie mich ein bisschen abwertend, ob ich wirklich rauspaddeln will. Na klar, ihr Vollidioten, ist doch nicht so groß, denke ich bei mir. Na ja, ich ändere meine Meinung über das Riesending, als ich einen von diesen älteren Herren runterknallen sehe. Mit jedem Monstrum, das ich durchrollen sehe, bekomme ich ein flaueres Gefühl im Magen. Anpaddeln muss man die Welle direkt neben oder auch über einem Felsen, der plötzlich durch die Wasseroberfläche stößt, dann muss man nur noch einen verdammt steilen Dropin überleben, und dann ist es ganz einfach ... Irgendwann hat einer der Jungs Mitleid mit mir. Er zeigt mir ganz genau, wo ich sitzen muss (genau da, wo ich eigentlich nicht sitzen wollte), um das Ding zu erwischen. Dann kommt sie. Die Welle hebt mich an, ich schaue zum brechenden Teil der Welle (was man nicht tun sollte) und beschließe, dass es kein Zurück mehr gibt. Meine zwei älteren Herren teilen mir später mit, dass sie nicht geglaubt hätten, dass ich die Welle wirklich anpaddeln, geschweige denn surfen würde. Habe so getan, als ob ich das in Deutschland jeden Tag mache.
San Francisco oder: She is gone
Heute ging "Victoria" von mir. Ich weiß nicht, ob es sich um einen technischen Defekt oder Selbstmord in Folge meines sich ankündigenden Abschieds handelte. Jedenfalls ließ sich nur noch ein Gang einlegen. Unsere Beziehung dauerte sieben Monate und gefühlte 2000 Lucky Lager. Sie hat zwar öfter gezickt, mich aber nie wirklich im Stich gelassen. Sie war stets anspruchslos und wurde nur einmal aus Versehen gewaschen. Wenn sie mal liegenblieb, dann stets an einem Ort mit schöner Aussicht. Eigentlich wollte ich ihr eine Seebestattung spendieren. Da ich aber keine wirklich würdige Klippe finden konnte, musste der Parkplatz vom San Francisco Aquarium herhalten. Rest in Peace, Baby.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Auto | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH