Raser-Hype in "Motorrad": Schneller, schlimmer, selbstmörderisch

Von Jochen Vorfelder

Immer Vollgas, immer volles Risiko - Motorradfahrer haben ein schlechtes Image. Daran ist das Zweirad-Zentralorgan "Motorrad" nicht ganz unschuldig: Dessen Reporter huldigen der ungebremsten Raserei und halsbrecherischer Stunts. Inzwischen beschweren sich die Abonnenten.

Fachlich ist an Stefan Kaschel nichts auszusetzen. Der Mann ist ein erfahrener Redakteur und arbeitet für "Motorrad", jenes Fachblatt, das die Szene alle zwei Wochen mit Nachrichten zu ihrem Suchtstoff versorgt. Er gilt als ausgewiesener Spezialist für technische Tests. Doch gelegentlich lässt er alle nüchterne Objektivität fahren und schreibt emotionale Erfahrungsberichte.

Webseite des Fachmagazins "Motorrad": "Mit Wucht in die dreispurige Umlaufbahn"
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Webseite des Fachmagazins "Motorrad": "Mit Wucht in die dreispurige Umlaufbahn"

Vor einigen Wochen verfasste Kaschel eine Reportage für die Heftrubrik "Hausstrecke". Ihr Titel: "Eile bewahren: Stuttgart-Herford". Die Strecke von rund 500 Autobahnkilometern absolvierte Kaschel nach eigenem Bekunden auf dem Supersportler Suzuki GSX-R 1000 in exakt 3:07 Stunden.

Stolz schrieb er sein Erlebnis nieder: "Wer so eine Spitzenzeit schafft, steigt erschöpft, aber zufrieden vom Motorrad. (...) Wenn einem dann noch die beste Tochter von allen in die Arme fliegt, kommt noch etwas hinzu. Die Gewissheit nämlich, dass sich jede gewonnene Sekunde gelohnt hat."

An einem Werktag bei regem Lkw-Verkehr fast 500 Autobahnkilometer trotz mehrfacher Tankstopps in drei Stunden abzuspulen, gleicht auf dem Motorrad einem Suizidversuch. Der steht prinzipiell jedem frei. Aber nicht auf einer viel befahrenen Bundesautobahn mit Baustellen und Beschränkungen auf 120 oder gar 100 km/h.

"Farbige Wischer im irrealen Parallelkosmos"

In der Leserschaft regt sich Widerstand. Zwar sind einige Extremisten begeistert: "Als Pilot eines asphaltgebundenen Marschflugkörpers vom Typ CBR 1100 XX kann ich jeden Satz projizieren und freue mich, dass es mehr Menschen gibt, die sich offen zur Geschwindigkeit bekennen", schreibt einer in den Kommentaren.

Zum Autor

Jochen Vorfelder ist passionierter Motorradfahrer. Er berichtet seit Jahren über die Bike-Szene und betreibt das Blog Moto1203. In der Rubrik Schräglage berichtet er für SPIEGEL ONLINE regelmäßig über die neuesten Zweirad-Entwicklungen. Alle bisher erschienen Schräglage-Folgen
Den meisten Stammlesern geht die Vollgas-Prosa von "Motorrad" allerdings entschieden zu weit: "Seit ungefähr einem Jahr verkommt euer Blatt immer mehr zu einem Raserprospekt. (...) Ihr habt den Sinn des Ganzen verloren. Aus diesem Grund werde ich mein Abo kündigen", klagt ein Motorradfahrer.

Ein anderer Leserbriefschreiber merkt im "Motorrad"-Forum an: "Immer wieder erstaunlich: Auf Seite zehn berichtet Ihr, dass Fahrer von Supersportlern besonders oft in Unfälle verwickelt werden, auf Seite 84ff. wird dann die Raserei im öffentlichen Straßenverkehr gefeiert. (...) Über soviel Unvernunft und Größenwahn kann man nur den Kopf schütteln. Ihr bleibt mein Lieblings-Fachorgan, aber nehmt bitte Eure Verantwortung ernster."

Kaschel reagierte nicht auf Bitten von SPIEGEL ONLINE um Stellungnahme. "Motorrad"-Chefredakteur Michael Pfeiffer lehnte einen Kommentar zu dem Artikel ab. Auch Fragen zur grundsätzlichen Praxisnähe und zur Philosophie der Berichterstattung wollte "Motorrad" nicht beantworten.

Leistungsmantra und Wheelie-Fotos

Kaschel schreibt darüber, wie er sich "aus der Warteschleife hinter einem gemütlich dahinrollenden Bürgerkäfig katapultiert und sich mit Wucht in die dreispurige Umlaufbahn schießt" – dann erreiche er jenen mentalen Zustand, "wenn die Pulsfrequenz synchron mit der Drehzahl steigt, die Bahn vor einem schmaler und schmaler wird, und die Autos rundum nur noch farbige Wischer sind im irrealen Parallelkosmos".

Die indirekte Herausforderung an die Leser, die Streckenzeit zu unterbieten, ist übrigens kein Einzelfall. Derartiges ist in der Szene durchaus üblich. Viele Tests und Modellvorstellungen in "Motorrad" kommen nicht ohne das Mantra "mehr Hubraum, weniger Gewicht, mehr Leistung" aus.

Muss das sein? Lebt da eine ganze Redaktion im Beschleunigungs-Nirvana? Die Fotografen von "Motorrad" und dem ebenfalls von Chefredakteur Pfeiffer verantworteten Schwesterblatt "PS - Das Sportmotorrad-Magazin" aus dem Stuttgarter Motorpresse-Verlag tun das ihrige, um den Wahn nach Speed zu unterstützen.

Im August-Heft von "PS" wird der Vergleichstest einer Aprilia mit einer Ducati durch zwei behelmte Piloten illustriert, die ihre Maschinen auf dem Hinterrad durch die Kurve manövrieren. Wenige Seiten später wird die "Soziustauglichkeit" einer Benelli getestet: ebenfalls per Wheelie. Der Fahrer vor dem Sozius sitzt auf dem Tank und hat die Beine dabei locker über den Lenker gelegt. Und das sind ganz offensichtlich keine Fotomontagen.

Zweifelhaftes Vorbild für junge Fahrer

Wer dazu Bildunterschriften wie "Freihändig, stehend, fliegend: Die Aprilia Shiver ist für jeden Spaß zu haben" druckt, fördert nicht gerade die Verkehrssicherheit.

Und vielleicht muss es einen da auch nicht wundern, dass viele Menschen die Finger vom Motorrad lassen: Während der Rollerabsatz 2007 um satte 34,8 Prozent zulegte, sank der Verkauf der Maschinen über 125 ccm im gleichen Zeitraum um 1,3 Prozentpunkte.

Und auch der Auflage scheint die Raserprosa nicht zu helfen: In den vergangenen fünf Jahren verlor "Motorrad" laut IVW-Statistik fast 11.000 Abonnenten - etwa 13 Prozent des Bestands.

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  • Datum: Freitag 12.09.2008 | 07:36 Uhr
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