Daimler-Pilotversuch Car2Go: Autos mieten im Minutentakt

Von Tom Grünweg

Ein Leihwagen an jeder Ecke: Sieht so die Zukunft der urbanen Mobilität aus? Der Daimler-Konzern startet in Ulm demnächst das Projekt Car2Go, bei dem Verkehrsteilnehmer Zugriff auf 50 Smarts haben. Die Idee ist gut - nur neu ist sie nicht.

Frühmorgens am Flughafen, mittags am Bahnhof oder abends in der City - überall steht ein Auto bereit. Jedermann kann einsteigen, losfahren und das Fahrzeug dort abstellen, wo es ihm passt. Das ist die Vision von Daimler-Manager Robert Henrich, die der Autokonzern demnächst in einem Pilotversuch umsetzen will.

"Das eigene Auto ist für viele Städter bereits zur Last geworden", sagt Henrich, "und als Statussymbol hat es vor allem bei jungen Menschen relativ wenig Bedeutung." Trotzdem wolle niemand auf die individuelle Mobilität verzichten. Deshalb hätten Car-Sharing-Netzwerke seit Jahren gewaltigen Zulauf. "Doch dieses System ist vielen zu unflexibel." Daimlers Projekt Car2Go will es besser machen.

Kern der Idee ist eine Flotte von Smart-Modellen, die großflächig über die gesamte Stadt verteilt werden. In jedem Parkhaus, am Straßenrand, vor Einkaufszentren – überall sollen die Car2Go-Autos bereit stehen. Wer einen Wagen braucht, hält lediglich einen codierten Führerschein ans Lesegerät, schon öffnet sich die Tür. Der Zündschlüssel liegt im Handschuhfach, dann tippt man noch eine Pin-Nummer ein, und schon kann's losgehen. "So weit Sie wollen, so lange Sie wollen und wohin Sie wollen", sagt Henrich, "unkomplizierter geht es nicht."

Eine Minute Autofahren für 19 Cent

Anders als beim Car-Sharing gibt es weder eine Grundgebühr, noch ist eine Mitgliedschaft nötig. "Abgerechnet wird einfach pro Minute. Kilometer, Sprit und Versicherung inklusive." Damit werde "Autofahren so einfach wie mobil telefonieren". Für den ersten Probelauf kalkulieren die Schwaben mit 19 Cent pro Minute, eine Stunde soll maximal 9,90 Euro kosten, und für einen ganzen Tag sollen 49,90 Euro berechnet werden. Ob sich die Preise halten lassen, kann Henrich nicht versprechen. "Dazu fehlt uns jede Erfahrung. Deshalb müssen wir sehen, was beim Pilotprojekt herauskommt."

Die größten Stolperfallen sind bereits ausgeräumt: Falls man kein Auto findet, hilft ein Blick ins Internet oder ein Anruf im Callcenter, wo die Standorte der nächsten Wagen abgefragt werden können. Weil Daimler zwischen Führerscheinchip und Zündschlüssel unterscheidet, kann man den Smart beim Mittagessen oder Einkaufen gefahrlos parken, ohne dass ein anderer Kunde ihn entführt.

Wer falsch parkt, muss das Knöllchen zahlen

Auch die Frage nach Strafzetteln ist geregelt. "Wie bei einem Mitwagen trägt die Verantwortung immer der aktuelle Nutzer, auch wenn er den Wagen am Ende im Parkverbot abstellt", sagt Henrich. Oft passieren sollte das allerdings nicht. "An neuralgischen Punkten werden wir spezielle Parkflächen ausweisen, die nur für diese Smart-Typen reserviert sind." So einfach wie das Parken soll auch das Tanken sein. "In der Regel übernimmt man unsere Smarts mit genügend Sprit. Sobald die Reichweite zu klein wird, blockieren wir das Auto, bis unser Serviceteam den Wagen aufgetankt hat", sagt der Projektleiter. Geht der Kraftstoff unterwegs aus, füllt der Fahrer mit einer von Car2Go vorausbezahlten Tankkarte nach.

Auf der Suche nach den idealen Städten für solche Dienste kommen einem zuerst Metropolen wie Berlin, London oder Paris in den Sinn. Doch beim Testlauf sind die Schwaben vorsichtiger: In Ulm, mit gerade einmal 200.000 Einwohnern, soll die urbane Revolution beginnen. Und auch dort darf anfangs nicht jeder mitmachen: Zunächst bleibt die Ad-hoc-Mobilität ausschließlich den 500 Mitarbeitern der Konzernforschung samt ihren Angehörigen vorbehalten. Für sie werden 50 Smart-Modelle bereitgestellt. Erst wenn alles rund läuft, dürfen alle Ulmer mitfahren.

Nicolas Hayek: "Bravo, Herr Zetsche!"

Neu ist die Idee vom urbanen Mobilitätskonzept nicht. Im Gegenteil: Genau diese Lösung schwebte damals den Smart-Erfindern vor, sagt Uhrenikone, Swatch-Gründer und Smart-Vater Nikolas Hayek. "Der Abschied vom Statusdenken war eine Zutat im Erfolgsrezept von Swatch, und diese Idee hatten wir damals auch schon für den Smart, leider ein paar Jahre zu früh."

Ganz zufrieden ist er mit der aktuellen Lösung aber nicht. "Schließlich haben wir vom ersten Tag an auf Elektroautos gesetzt, und jetzt läuft das Projekt – hoffentlich nur vorläufig – wieder mit konventionellen Verbrennern", klagt der Schweizer.

"Was nicht ist, kann ja noch werden", erklärt Henrich dazu. "Aber für das Pilotprojekt haben wir den Smart CDI gewählt. Er hat von allen aktuellen Fahrzeugen den niedrigsten Verbrauch."

Wenn das Mobilitätskonzept im zweiten Anlauf klappen sollte, ist das Smart-Erfinder Hayek nur recht. Den lang ersehnten Erfolg des Autos empfindet er als späte Genugtuung. "Dann ist der Smart endlich dort, wo wir ihn schon von Anfang an gesehen haben: an jeder Straßenecke. Bravo, Herr Zetsche - besser spät als nie!"

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 13 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.10.2008 von Mr_Tee: ...

Achja, ich vergaß. Die Wagen sind eher dazu gedacht von einem Punkt zum anderen zu fahren. Sprit, Steuern, Versicherungen etc. muss man alles nicht zahlen. mehr...

24.10.2008 von Mr_Tee: ...

Ich bin selber ganz gespannt wie das wird =) Bin lange nicht mehrn Diesel gefahren. mehr...

22.10.2008 von Stefan C: Mag sich schon rechnen

Sehe ich ähnlich: bin selbst Berufspendler per Bahn und benutze mein Auto meist nur am Wochenende. Das tut mir manchmal in der Seele weh, zu sehen, welcher Kapitalwert dort auf der Strasse steht nur für die Möglichkeit das Auto [...] mehr...

21.10.2008 von Motorpsycho: Können Sie ruhig verdoppeln

Schon klar, irgendwo ist die Grenze, ab der sich das eigene Auto rentiert. Für andere wird sich das Modell allerdings sehr wohl rechnen, etwa für Bahnfahrer, die am Zielort etwas mobiler sein möchten, als Taxiersatz etc. [...] mehr...

21.10.2008 von kaba06: Das gibt nichts

Dafür sind es schlicht nicht genug Fahrzeuge. Auch wird es schwer eine entsprechende Zahl von Fahrzeugen sinnvoll an zentralen Orten abzustellen. Und wo soll man die Autos überhaupt parken? In der Innenstadt sicherlich nicht, denn [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


  • Datum: Dienstag 21.10.2008 | 12:55 Uhr
  • Artikel drucken
  • Artikel versenden
  • Feedback
  • Kommentieren | 13 Kommentare
TOP



TOP