Von Tom Hillenbrand
An die dummen Gesichter der Autofahrer hat Frank Heitmeyer sich längst gewöhnt. Mit kerzengradem Rücken und ohne eine Spur von Anstrengung rauscht der Besitzer des Hamburger eBikestore an besser motorisierten Verkehrsteilnehmern vorbei. "Die können es oft gar nicht fassen, dass ich so viel schneller bin als sie."
Heitmeyers Trick: Er fährt ein Elektrobike, das zwar wie ein normales Fahrrad aussieht, aber durch eine Kombination aus Muskelkraft und Akkustrom angetrieben wird. Damit kommt er relativ mühelos auf 25 km/h. Während sich die Autoindustrie noch mit den ersten Prototypen für Hybridfahrzeuge müht, ist die Zweiradbranche schon deutlich weiter: Ihre sogenannten Pedelecs sind inzwischen bereits hunderttausendfach auf Europas Straßen unterwegs - und es werden immer mehr. Der US-Marktforscher EBWR prognostiziert, die Zahl der E-Bikes in Europa werde sich in diesem Jahr auf 400.000 verdoppeln. 2009 könnte der Bestand auf eine Dreiviertelmillion anwachsen. Seit dem Mountainbike hat wohl keine Entwicklung die Fahrradszene derart in Euphorie versetzt. "Das ist der absolute Trend", sagt Herwig Reus, Marketingchef vom deutschen Bike-Primus Derby Cycles (Kalkhoff, Rixe). "Wir kommen mit der Produktion kaum hinterher."
Drahtesel im Krankenkassen-Design
Dabei schien Pedelec lange ein Nischenprodukt. Noch vor einem Jahr sahen viele der in Deutschland erhältlichen Modelle so aus, als bekäme man sie von der Krankenkasse verschrieben: klobige Rahmen, riesige graue Batterieblöcke, Gesundheitssättel. "Viele Leute haben gedacht, das ist nur etwas für Behinderte", sagt Mark Kuper vom holländischen Pedelec-Pionier Sparta. "Das haben wir inzwischen geändert, die Optik ist sehr wichtig."
In der holländischen Fahrradmetropole Groningen kann man die Pedelecs der neuen Generation überall sehen - allerdings muss man genau hinschauen. Akku und Elektroantrieb sind bei vielen Sparta-Modellen inzwischen in Rahmen und Tretlager versteckt. Ein "Fiets" (Rad) mit Stromunterstützung erkennt man nicht mehr am klobigen Design, sondern eher an der flotten Fahrweise seines Besitzers.
Während Modelle wie das Sparta Ion Style auch gut als kalifornisches Beachbike durchgehen könnten, sehen deutsche Modelle wie das Kalkhoff Tasman eher klassisch aus. Während in Holland inzwischen mehr als zehn Prozent der verkauften Räder E-Bikes sind, kommt der hiesige Markt langsamer in Schwung. Frank Heitmeyer glaubt, dass sich viele Deutsche mit der Pedelec-Idee schwertun: "Viele betrachten ein Fahrrad vor allem als Sportgerät. Unterstütztes Fahren ist bei den Deutschen verpönt."
Hersteller wie Kalkhoff wollen diese Vorurteile durch Testfahrten beseitigen. "Wir haben einen eigene Roadshow, mit einem Truck voller Fahrräder", sagt Manager Reus. "Ich kenne kaum jemand, dem das keinen Spaß macht, wenn er erst mal drauf sitzt." Von Berufs wegen darf der Marketing-Mann kaum etwas anderes sagen. Wo er aber Recht hat: Eine Pedelec-Fahrt ist eine interessante Erfahrung. Das gilt besonders für die E-Bikes der sogenannten schnellen Klasse. Sie brauchen zwar ein Mopedkennzeichen, beschleunigen den Radler aber problemlos auf 30 bis 35 km/h.
Produkt für Fahrradmuffel
Der hohe Benzinpreis könnte nach Meinung von Experten durchaus geeignet sein, dem Fahrrad mit eingebautem Schub zum Durchbruch zu verhelfen. Mit einer Akkuladung kommt man etwa 70 Kilometer weit. "Natürlich spielt der Benzinpreis eine Rolle", sagt Reus von Derby. "Aufladen kostet so viel wie einmal Duschen."
E-Bike-Evangelist Heitmeyer glaubt, dass vor allem Fahrradmuffel die Zielgruppe für das Pedelec sind. Die wollten schnell und preiswert zur Arbeit - und dabei "nicht ihren Anzug vollschwitzen". Pedelec-Veteran Kuper sieht das anders. Er glaubt, dass Hybridfahrräder in Zukunft für Sportler interessant werden.
"Wir haben sehr ausgefeilte Software, da ist inzwischen viel Intelligenz im Rad", sagt er. Demnächst, so prophezeit der Niederländer, könne man den Elektromotor mit einen Herzfrequenzmesser koppeln. Die Akku-Unterstützung variiere dann automatisch, um den Puls des Radler konstant zu halten. "Das wäre dann", meint Kuper, "wie auf dem Ergometer im Fitnesscenter."
Auf anderen Social Networks posten:
Die Fußgängerwege sind jetzt beinahe so breit wie die Start- und Landebahnen des hiesigen Flughafens...in Gegenden, in denen auch das Äquivalent zum immer noch handtuchschmalen Radweg locker ausgereicht hätte. Wohlgemerkt: [...] mehr...
...wie das Auto im Stadtverkehr. E-Bikes sind eine gute Sache. Das Design ist zwar in der Tat noch ziemlich unterirdisch, ist aber zum einen nicht so wichtig wie die Funktionalität, und wird zum anderen auch im Lauf der Zeit [...] mehr...
Genau - probieren geht eben über diskutieren. Nachdem mein Flyer seinen 'Sponsor' recht spät erkennen lässt (Motor im Tretkranz und kleine Batterie), kann ich mir ein Schmunzeln nicht ersparen, wenn mich gerade an der [...] mehr...
Es ist schon interessant, wie die Leute auf mich als Pedelecfahrer reagieren. Letzthin fragte mich ein Bekannter, ob ich schon so alt wäre, dass ich so ein "Behindertenfahrrad" bräuchte. Schon mehrmals habe ich die [...] mehr...
Nö. Der Motor hört auf zu unterstützen ab 25 km/h, mit Muskelkraft kann man natürlich auch schneller fahren. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Auto | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH