Aus Detroit berichtet Tom Grünweg
Die Zeit der großen Shows, Galaabende und Partynächte im Umfeld der Automessen scheint angesichts der Absatzflaute vorerst vorbei. Vor allem in Detroit, dem Epizentrum der weltweiten Autokrise, verbieten sich derzeit prunkvolle Inszenierungen. Doch gelangweilt mussten die Messegäste am Vorabend der Motorshow dann doch nicht ins Bett. Denn auch in schwierigen Zeiten lud Mercedes-Chef Dieter Zetsche zum Neujahrsempfang und schürte mit einer geschickten Gratwanderung zwischen Spaß und Sparsamkeit bei rund 600 Gästen die Hoffnung, dass auch diese Krise vorübergehen wird.
Schließlich sei die Autoindustrie nicht Auslöser der Misere, sondern eines der Opfer, argumentierte Zetsche und knüpfte an die hoffnungsfrohe Obama-Euphorie in den USA an. "Krise ist auch ein anderes Wort für Wandel", sagt der Vorstandschef und zog Parallelen zu den Präsidentschaftswahlen. Gerade den Amerikanern müsse man nicht mehr erklären, was eine "Vision für Wandel" alles bewirken könne.
Der Ort für die Party, die ohne Protz, aber durchaus nobel vonstattenging, war clever gewählt. Gefeiert wurde im vornehmen Westin-Hotel in der ansonsten gespenstisch leeren und düsteren Downtown von Detroit. Zwar wird das Zentrum der US-Autoindustrie derzeit unablässig als sterbende Stadt porträtiert, doch das gut 80 Jahre alte, einstmals höchste Hotel Nordamerikas wurde in den vergangenen Monaten für mehrere Hundert Millionen Dollar komplett saniert und strahlt nun wie ein Stern der Hoffnung in Tristesse.
Und wieder mal ein neues "Herz der Marke"
Auch im Hotel gab es viele gute Gründe für Optimismus. Denn Star der Show war nicht nur die Schauspielerin, Sängerin und fünffache Tony-Gewinnerin Audra McDonald; es gab auch diverse Autos in dieser Rolle: Der schon nahezu ausverkaufte Supersportwagen SLR Stirling Moss, die elektrisch angetriebene Vision der nächsten B-Klasse – und natürlich die neue E-Klasse, die wie ein Leuchtturm im Mittelpunkt stand.
Bislang wurden mehr als zehn Millionen Modelle der Baureihe verkauft, die Zetsche "das Herz der Marke" nennt. Ab Ende März wird nun die aktuelle Generation zu Preisen ab etwa 41.500 Euro in den Handel kommen. Das Design der ist zwar anders als beim Vorgänger und zeigt neuen Mut zur Kante, doch nach den versehentlich ins Internet gerutschten Fotos aus der Vorweihnachtszeit kann der neue Look niemanden mehr überraschen.
Endlich zeitgemäße, sparsamere Motoren
Die Augen reiben wird man sich eher beim Blick unter die Haube. Denn bei Mercedes hält dort nun die Vernunft und endlich eine zeitgemäße Motorengeneration Einzug. Wo bislang starke und meist trinkfeste Sechszylinder den Ton angaben, kommen nun vor allem Vierzylinder zum Einsatz, die geringeren Hubraum durch Direkteinspritzung und Turboaufladung kompensieren.
Zusammen mit einem geringen Luftwiderstand, variablen Lüfterklappen, Leichtlaufreifen und einer Start-Stopp-Automatik für einige Typen wird der Verbrauch um bis zu 23 Prozent gedrückt, während das Drehmoment steigt. Für Dieselfahrer steht ein neuer 2,2-Liter-Motor mit 136, 170 oder 204 PS zur Wahl, der in der stärksten Version lediglich 5,3 Liter verbrauchen soll. Und bei den Benzinern gibt künftig ein 1,8-Liter-Aggregat mit 184 oder 204 PS (Verbrauchswerte: 6,8 oder 7,4 Liter) den Takt an.
E-Klasse soll Schlüsselthema Sicherheit besetzen
Natürlich betont Mercedes das neue Design, den eleganten Innenraum und die sparsameren Motoren. "Doch im Kern unserer Marke steht die Sicherheit", sagt Ulrich Mellinghoff, der in Stuttgart die Sicherheitsentwicklung leitet. Die neue E-Klasse soll neue Maßstäbe in dieser Kategorie setzen, insgesamt wurden während der Entwicklungsphase 17.500 virtuelle und 150 reale Crashtests gefahren, um den Wagen zum "sichersten Auto in dieser Klasse" zu machen.
Damit es gar nicht erst zum Unfall kommt, gibt es für die neue E-Klasse elektronische Schutzengel, die den Fahrer umschwirren werden wie die Motten das Licht. Radarsensoren überwachen den toten Winkel, und eine neue Kamera erkennt Tempolimits und hilft obendrein bei der Einhaltung der Fahrspur. Außerdem kann das aus der S-Klasse bekannte Nachtsichtsystem jetzt Menschen im Blickfeld erkennen und auf dem Monitor markieren.
Serienmäßig: Ein Aufpasser wider den Sekundenschlaf
Nicht nur das Auto sieht besser. Auch der Fahrer erhält ein erweitertes Blickfeld – zumindest wenn er die aufpreispflichtigen Bi-Xenon-Scheinwerfer bestellt, die ihren Lichtkegel stets der jeweiligen Fahrsituation anpassen und automatisch zwischen Fern- und Abblendlicht wechseln. Derart gut geschützt und umsorgt, könnte der Lenker nachlässig werden. Auch das haben die Schwaben einkalkuliert: Wer am Steuer dahindämmert, wird von einem serienmäßigen sogenannten Attention Assist zur Ordnung gerufen und zur Pause aufgefordert, noch bevor ihm beim Sekundenschlaf die Lider zufallen.
Zwar zählt die E-Klasse zu den wichtigsten Neuheiten des Frühjahres, doch gab der Wagen in Motown nur ein kurzes Gastspiel. Während die anderen Autos vom Hotel zur Messe geschafft wurden, ging es für die drei E-Klasse-Modelle im Container zum Flughafen. Die Publikumspremiere feiert das Auto nämlich erst auf dem Genfer Salon Anfang März.
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