Aus München berichtet Tom Grünweg
Erster Auftritt des BMW Concept 5er Gran Turismo - letzter Auftritt Chris Bangles: Der scheidende Chefdesigner von BMW lief bei seiner letzten Premiere für den Autohersteller noch einmal zur Hochform auf. Im allerschönsten Banglisch, jenem unnachahmlichen Kauderwelsch aus Bayerisch und Englisch, erklärte der Mann der Formensprache kurz vor der offiziellen Weltpremiere in Genf ein Auto, für das es wahrlich viele Worte braucht: Den ominösen Progressive Activity Sedan (PAS). Mit diesem Grenzgänger zwischen den Klassen und Stilen sucht BMW den Weg in eine Nische, die irgendwo zwischen Vans und viertürigen Coupés liegen muss.
Weil solche Autos allerdings nicht recht zum sportlichen und luxuriösen Image von BMW passen und der letzte Versuch in diese Richtung, die R-Klasse von Mercedes, als gescheiterter Luxus-Van gelten muss, haben Designchef Bangle und sein Team ein etwas anderes Raumfahrtprogramm gestartet. Sie mischten in die Form aus Limousine, Kombi und Van noch eine Prise Sportwagen.
So enthüllte Mister Bangle keinen kantigen Kasten, sondern einen Viertürer mit fließenden Linien, der freilich trotzdem ein gewaltiger Berg aus Blech und Glas ist. Als hätte man den BMW X6 flach gedrückt und zugleich in die Länge gezogen, misst die neue Studie fast genau fünf Meter in der Länge, ragt 1,55 Meter in die Höhe und streckt sich über einen Radstand, der mit 3,07 Metern exakt so groß ist wie beim neuen BMW 7er. So sperrig wie das Auto ist auch der Name, der für den Heckdeckel schon zu breit ist: "Concept 5 Series Gran Turismo" steht deshalb zweizeilig dort, wo sonst das Kennzeichen angeschraubt wird. Bis zur Markteinführung im Spätherbst wird die lange Bezeichnung auf das handliche Kürzel GT zusammenschrumpfen.
Ein Wollmilchsau-Auto - und so sieht es auch aus
Mit der Idee für dieses Auto gehen die Bayern schon seit vielen Jahren schwanger. "Aus unseren Analysen wissen wir, dass viele Kunden langsam Abstand nehmen wollen vom großen Geländewagen", sagt BMW-Sprecher Dirk Arnold. Zwar hätten die SUV-Käufer Vorzüge wie die hohe Sitzposition und das große Raumangebot zu schätzen gelernt. Doch den Stammplatz am Pranger der Klimaschützer sind sie offenbar leid.
Zudem wachse eine neue Kundenschicht heran, die zwar viel Geld habe und sich gerne etwas leisten möchte, doch eine Limousine wie den 7er ein wenig zu steif und traditionell finde. Diese Leute – und natürlich auch die Kunden der Konkurrenzmodelle von Audi und Mercedes - will BMW nun für ein Konzept erwärmen, das wie eine eierlegende Wollmilchsau ein bisschen was von allem kann. Das Problem: So sieht das Auto auch aus.
Designelemente aus allerlei anderen BMW-Modellen
Je nach Perspektive findet man im Design der Studie Elemente des 7ers (die Frontpartie mit der hohen BMW-Niere und den Lichtringen in LED-Technik), des 6ers (die gestreckte Flanke und die rahmenlosen Seitenfenster) und der X-Modelle (das breite, kräftige Heck, das zwar nicht senkrecht steht, aber dennoch so einschüchternd wirkt wie die Eiger-Nordwand.)
Während Bangle sonst immer von außen nach innen gearbeitet hat, sind die Designer nach seiner Beschreibung diesmal den umgekehrten Weg gegangen. Der Innenraum spielte beim neuen Gran Turismo zunächst mal die Hauptrolle. Das gilt nicht nur für die Materialauswahl der Studie, sondern vor allem für das Format der Kabine mit vier gleichwertigen Sitzplätzen. Zwar wird es beim Serienmodell wahlweise auch eine konventionelle Rückbank geben, doch auf der Messe in Genf und später wohl auch auf den Parkplätzen der Besserverdiener steht der GT mit zwei riesigen Sesseln im Fond, die von einer weich durch den Wagen fließenden Mittelkonsole getrennt sind.
Viel Platz und ein riesiges Panoramadach
"Dort genießt man Beinfreiheit wie im 7er und Kopffreiheit wie im X5", schwärmt Bangle. Ein großes Panoramadach steigert das Raumgefühl zusätzlich. Die erste Sitzprobe gibt Bangle Recht: Nur wer den Rücken ganz gerade macht, streift die beiden Kuhlen, die das Designteam von innen ins Dach gedrückt hat. Doch steif sitzen muss im GT keiner. Während man sich in anderen BMW-Fonds oft auf einer Strafbank wähnt, lassen sich die Rücksitze des GT auf Knopfdruck in Lümmelposition bringen.
Das Innenleben des GT mag für BMW eine Revolution sein. Doch so ungewöhnlich ist es gar nicht: Verschiebbare Rücksitze gibt es - mit Handbedienung und nicht ganz so bequem - sogar im Fiat Panda. Und die als großer Clou gefeierte Teilung der Heckklappe, die entweder nur eine kleine Luke bis zur Unterkante des Fensters öffnet, oder das komplette Heck inklusive Scheibe öffnet, hat leider schon Skoda beim Modell Superb vorweggenommen. Die variable Trennwand zwischen Innen- und Laderaum allerdings ist tatsächlich neu: Ist sie aufgerichtet, schmilzt das Kofferraumvolumen von 570 auf 430 Liter. Doch schützt sie den Innenraum wirkungsvoll vor Lärm und Luftzug, wenn die Heckklappe geöffnet ist.
Ein Ausstattungspaket nach dem Motto "Pizza mit allem"
Technisch ist der Gran Turismo ein Vorbote des nächsten 5ers und ein kleiner Bruder des aktuellen 7ers. "Irgendwo zwischen diesen Modellen werden sich auch die Preise bewegen", sagt Produktmanagerin Birgit Wildburger. Knapp 60.000 Euro wird man also anlegen müssen. Dafür gibt es dann wahlweise den 245 PS starken Sechszylinder-Diesel aus dem 730d oder einen neuen Benziner mit ebenfalls sechs Zylindern und innovativer Turbotechnik, der auf gut 300 PS taxiert wird. Für die Vollgasfraktion übernehmen die Bayern zudem den 407 PS starken V8-Motor aus dem 750i.
Außerdem liebäugeln die Entwickler mit dem Hybridantrieb aus dem BMW 7er. Auch zahlreiche elektronische Helfer sollen aus dem Top-Modell in den GT transferiert werden. "Was es im Flaggschiff gibt, das wird es auch im 5er GT geben, sagt Projektleiter Hans-Jürgen Branz. "Hier können die Kunden Pizza mit allem bestellen."
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