Gefangen im Konzerngeflecht: Opel droht Schreckensscheidung von GM

Von Jürgen Pander

Letzte Hoffnung Unabhängigkeit: Nur die Loslösung von der todkranken Mutter kann Opel retten - das predigen Betriebsräte und viele Politiker. Tatsächlich ist der deutsche Autobauer bei Technik und Entwicklung so eng mit GM verwoben, dass nur eine riskante, schmerzhafte Operation beide trennen kann.

Renaissance heißt der Masterplan, der dem einst größten Autobauer der Welt die letzte Überlebenschance sichern soll. Auf mehr als 900 Seiten hat das Management von General Motors (GM) dargelegt, wie sich der Konzern aus der Krise herausmanövrieren könnte. Fabrikschließungen gehören zu den Maßnahmen, die Extrem-Geländewagen-Marke Hummer und der schwedische Autohersteller Saab könnten abgewickelt oder verkauft werden. Saturn und Pontiac werden geschrumpft - und mittelfristig wohl ebenfalls dicht gemacht.

Davon ist Opel direkt betroffen. Denn sobald im GM-Marken-Mobile ein Gewicht verlagert wird, gerät das ganze System ins Wackeln. Umgekehrt gilt: Wenn Opel taumelt, bekommt auch GM Probleme. Zwei wesentliche Bausteine des weltweiten GM-Gefüges sind nämlich das Entwicklungs- und Designzentrum in Rüsselsheim sowie das Fuel-Cell-Activity-Center in Mainz. Insgesamt arbeiten an diesen Standorten rund 7000 Forscher und Ingenieure. Die meisten haben Opel-Arbeitsverträge, ihre Leistung wird jedoch von allen GM-Marken weltweit genutzt.

In Rüsselsheim ist die globale Verantwortung für die sogenannte Delta- und Epsilon-Architektur gebündelt, was nichts anderes bedeutet, als dass hier sämtliche Kompakt- und Mittelklasse-Autos aller Konzernmarken entwickelt werden. So teilten sich zum Beispiel Opel Vectra, Saab 9-3, Saturn Aura oder die Cadillac-Modelle BLS und Malibu die technischen Grundmodule aus Rüsselsheim. Der neue Opel Insignia wiederum verfügt über eine Technologie, die auch dem künftigen Saab 9-5 zuteil werden soll.

Alle GM-Kompaktmodelle werden in Rüsselsheim entwickelt

Ähnlich eng mit dem Konzern verwoben ist die in Rüsselsheim entwickelte Architektur für Kompaktklasse-Modelle. Opel Astra und Saturn Astra beispielsweise sind weitgehend identische Autos. Und der für den Herbst erwartete neue Astra erhält die gleichen technischen Komponenten wie der Chevrolet Cruze. Gleiches gilt für die Opel-Zwillinge bei der Schwestermarke Vauxhall (Großbritannien) und teilweise auch Holden (Australien).

"In Rüsselsheim liegt die Entwicklungskompetenz für rund die Hälfte aller Autos aller General-Motors-Marken weltweit", sagte ein Opel-Sprecher SPIEGEL ONLINE. Zudem würden hier sämtliche Modelle der Marken Opel, Vauxhall, Chevrolet und Saab designt. Das bei einer Herauslösung von Opel aus dem GM-Konzern auseinander zu dröseln, dürfte selbst Organisationsgenies überfordern.

Zukunftstechnologie aus Mainz-Kastel

Zudem sind wichtige Teile der Zukunftstechnik des GM-Konzerns bei Opel angesiedelt - im FAC (Fuel Cell Activity Center) in Mainz-Kastel. Dort findet nicht nur die Brennstoffzellen-Entwicklung statt, sondern hier entstehen auch maßgebliche Systeme für die stets als GM-Hoffnungsträger apostrophierten Elektroautos Chevrolet Volt und Opel Ampera. Unter anderem etwa wird dort für die künftige Voltec-Antriebseinheit der beiden Stromer die Batterie entwickelt und gebaut - ein wesentliches Teil für den Erfolg des ganzen Fahrzeugkonzepts.

Überhaupt liegt die Kompetenz für zukunftsweisende, umweltfreundlichere Antriebe des GM-Konzerns vor allem bei Opel. Der eben erst vorgestellte Erdgas-Turbomotor, der zunächst im Kompaktvan Zafira zum Einsatz kommt, wurde in Rüsselsheim entwickelt. Und die Dieselmotorenentwicklung wird maßgeblich im Opel-Powertrain-Verbund vorangetrieben, dessen Hauptsitz sich in Turin befindet. "Alle Spritspar-Techniken, die jetzt auch in den USA im Vordergrund stehen, laufen hier", sagt ein deutscher Opel-Manager. "Gerade bei Opel entsteht ein wichtiger Teil der Konzerntechnologie."

Könnte Opel ohne GM überleben?

GM ohne Opel geriete wohl endgültig in eine technische Sackgasse, ohne Ausfahrt in die Zukunft. Und Opel verlöre ohne General Motors nicht nur den wesentlichen Auftraggeber für Entwicklungen, sondern auch den Zugang zum technischen Fundament für die Kleinwagen des Konzerns; die nämlich werden für GM zentral bei Chevrolet/Daewoo in Südkorea entwickelt.

Zudem gingen auch sogenannte Skaleneffekte verloren, wenn ausgerechnet der kostspieligste Part des Geschäfts, nämlich die Entwicklung neuer Automodelle, nicht mehr auf die Schultern mehrerer Marken verteilt werden könnte.

Einfach so weitergehen kann es jedoch offenkundig auch nicht - denn als erfolgreich lässt sich die bisherige Kooperation nicht einstufen.

Ob Opel alleine überhaupt eine Chance hätte? Vielleicht. Dann aber bräuchte die Marke viel mehr Modelle wie den neuen Insignia. Für den, so ist aus Rüsselsheim zu hören, lägen derzeit "weit über 60.000 Bestellungen" vor. Und im Zuge er Abwrackprämie habe die Marke den Ansatz an Privatkunden um 50 Prozent steigern können. Das klingt nach frischem Cash. Und der dürfte GM derzeit mehr interessieren als alles andere.

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  • Datum: Donnerstag 19.02.2009 | 11:22 Uhr
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