Aus Shanghai berichtet Tom Grünweg
Es ist so laut, dass man kaum sein eigenes Wort versteht. Die Hallen sind zum Bersten gefüllt. Und auf der Bühne stehen die Manager aufgereiht wie einst die Mitglieder des Nationalen Volkskongress: In Shanghai findet die Auto China statt, und all das, was die zuletzt veranstalteten Automessen prägte, ist vorübergehend außer Kraft gesetzt. Statt Totentanz und Trauerspiel zelebriert die Autoindustrie auf dem derzeit wohl einzigen Wachstumsmarkt der Welt eine rauschende PS-Party, bei der fast nichts ist wie sonst üblich.
Nicht nur die Stimmung ist anders in Shanghai, auch die Akteure sind andere. Zwar trumpfen die deutschen Hersteller in China traditionell groß auf, und die wichtigsten Importeure aus dem restlichen Europa, Japan und den USA machen ebenfalls ihre Aufwartung. Doch die Musik spielt bei den gut zwei Dutzend ausstellenden heimischen Herstellern, die das Publikum in der Lautstärke eines Rockkonzertes beschallen, die neuen Modelle unter Bergen von Konfetti begraben und mehr knapp bekleidete Models an die Drehbühnen stellen als selbst bei halbseidenen Tuning-Messen üblich.
Die chinesische Autoindustrie zeigt ein schillerndes PS-Panoptikum, in dem vor allem für europäische Beobachter ein Auto skurriler wirkt als das andere. Während die neuen Exponate auf den Messen in Detroit oder Tokio aufgrund der globalisierten Industrie meist irgendwie bekannt erscheinen, spaziert man in den elf Hallen durch eine weitgehend fremde Autowelt, in der allenfalls lizenzierte Nachbauten oder dreiste Plagiate Halt und Orientierung geben. Selbst für Kenner des chinesischen Marktes ist es fast unmöglich, den Überblick zu behalten, denn beispielsweise allein die Marke Geely enthüllt gleich 22 Premieren.
Besonders angetan hat es den Chinesen der Kleinwagen: Er ist Traum und mobile Einstiegsdroge des Milliardenvolks, dessen Mobilisierungsgrad heute etwa dem der USA des Jahres 1925 entspricht. Zwar sind Europa-Importe wie der Mini von BMW und nun auch der Smart von Mercedes für viele Chinesen unerreichbar teuer - andererseits aber wünschen sich die meisten der potentiellen Kunden dann doch etwas mehr Auto, als es etwa der indische Tata Nano bietet. Statt rollender Verzichtserklärungen drehen sich daher viele pfiffige Stadtflitzer im Rampenlicht - wie das i-Car von Dongfeng, das Modell ig von Geely, der M1 der Cherry-Tochter Riich oder der Me von Haima. Äußerlich können es die Knirpse durchaus mit etablierten Autos wie dem Smart, dem Toyota iQ oder dem Chevrolet Matiz aufnehmen. Eine Sitzprobe auf den dünnen Polstern und umgeben von tristem Plastik ist jedoch ernüchternd.
Optisch ansprechende Mittelklasse-Studien
Neben den Kleinwagen sind auch Mittelklasse-Limousinen eine zentrale Fahrzeuggattung in China. Wer es zu etwas gebracht hat, gönnt sich und seiner Familie etwas mehr Platz im Auto. Wie erfolgreiche Spitzenbeamte oder Top-Manager einen gestreckten Audi A6 oder BMW 5er fahren, bestellen junge Ingenieure oder Computerspezialisten Stufenheck-Varianten von Modellen wie dem Peugeot 207, dem Mazda 3 oder dem VW Santana. In der Klasse der Autos um 4,50 Meter schließlich tummeln sich überraschend schmucke Limousinen, die optisch ähnlich elegant und modern daher kommen wie etwa ein VW Passat CC oder ein Jaguar XF. So hat zum Beispiel Rover-Erbe Roewe bei den Studien N1 und MG6 jeglichen Brit-Barock abgelegt, der Brilliance FSV wirkt stilsicher, und in der rollenden VIP-Lounge der Marke GAC macht man nicht nur beim Filmfest in Fernost eine gute Figur.
Zu diesen teils schon sehr realistischen Studien, die durchaus das Zeug zum Serienstart haben, gesellen sich auch in Shanghai ein paar ausgesprochen exzentrische Konzeptautos, bei denen nicht nur die Europäer den Kopf schütteln: Offroader wie der Chana von BYD oder der H7 von Hover, Sportwagen wie der Geely GT und der vom chinesischen Bertone-Ableger gezeichnete Mantide machen die Messe zur Freakshow.
Eine Schwemme alternativer Antriebe
Nicht nur beim Design, auch bei der Technik haben die chinesischen Marken was zu bieten: Auf fast jedem Stand steht mindestens ein Hybrid- oder Elektroauto. Denn Emissionen sind in China durchaus ein Thema. Vor allem bei batteriebetriebenen Fahrzeugen wittere die Autoindustrie in China offenbar Morgenluft, hat Daimler-Chef Dieter Zetsche in Shanghai beobachtet. An vollmundigen Ankündigungen und eindrucksvollen Exponaten mangelt es jedenfalls nicht. Viele der Teil- oder Vollzeitstromer bei Cherry, Geely oder BYD werden so selbstverständlich inszeniert, als stünde die Serienfertigung unmittelbar bevor. Doch bei näherer Betrachtung entpuppt sich manches Öko-Auto als ebenso seriös wie die "original, very cheap Rolex " vom Straßenhändler an der Ecke: Die Motorhaube ist verriegelt, die Technik nicht sichtbar, und das einzig Grüne am Wagen ist die Farbe der Aufkleber.
Davon dürfe man sich allerdings nicht täuschen lassen, warnt Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer. "Wir müssen mit hartem Wettbewerb der Chinesen rechnen, die auch bei den Innovationen schnell lernen und aufholen", sagt der Professor der Universität Duisburg-Essen. "Das Zukunftsthema Elektromobilität und Hybrid werden die Chinesen schneller umsetzen, als wir uns das vorstellen."
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Oh, Sie sind oft genug dort - na dann glaube ich Ihnen natürlich alles. Ein unschlagbares Argumet- Vor allem wenn mit so stichhaltigen Begriffen wir "roten Kapitalismus" gemixt. Unschlagbar. mehr...
So ist es. Glücklicherweise ist das zumindest für die nähere Zukunft nicht relevant - denn mittlerweile kommen die deutschen Zulieferer angekrochen und unterbieten bei höchster Qualität den Preis der Chinesen... mehr...
Auszug aus SPON: http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,620223,00.html Ich war gestartet, um allein die Westalpen zu überqueren, doch das Wasser des bayerischen Flüsschen Wertach hat mich niedergestreckt. Jetzt [...] mehr...
Bin häufig genug dort. Umweltträumerein können Sie im Reich des "roten Kapitalismus" getrost vergessen... mehr...
Da läuft in China weit mehr (und nicht nur auf den Automobilsektor begrenzt) als Sie sich scheinbar vorstellen können - der Hype um BYD ist Ihnen wohl verborgen geblieben? mehr...
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