Von Tom Hillenbrand
Embargos, Ausfuhrgenehmigungen, Chemiewaffen-Kontrollverordnungen - mit solch kniffliger Materie kennt sich Arnold Wallraff bestens aus. Als Präsident des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle ( Bafa) steht der Karrierebeamte einer Behörde vor, die der Öffentlichkeit bis zu diesem Frühjahr weitgehend unbekannt war. Das hat sich geändert: Das Bafa kennt inzwischen jeder, denn Wallraff ist der oberste Abwracker der Republik. Seine Behörde verteilt von Eschborn aus jene Milliarden, mit denen die Bundesregierung Neuwagenkäufe fördert.
Eine verschlafene, bürgerferne Behörde als Dienstleister, der Kundenanträge bearbeitet und Fragen beantwortet? Das klingt nach einem programmierten Desaster. Doch zurück zum Anfang.
Es ist Ende 2008. Die Wirtschaft schwächelt, der Pkw-Absatz bricht ein, und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will der Autoindustrie unter die Arme greifen. Deshalb erfinden ihre Beamten die Umweltprämie. Jeder, der sein altes Auto in die Schrottpresse schiebt und einen Neuwagen kauft, soll 2500 Euro vom Staat erhalten. Dafür werden im Konjunkturpaket II insgesamt 1,5 Milliarden Euro bereitgestellt. Niemand rechnet damit, dass die Prämie ein Hit wird. Die Beratungsfirma PriceWaterhouseCoopers prognostiziert, höchstens die Hälfte der Mittel werde abgerufen.
Wie ein Laptop-Verkauf bei Aldi
Die Abwrackprämie gilt ab dem 27. Januar 2009, das Geld reicht für 600.000 Autos. Vergeben werden soll sie nach dem Windhund-Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Diese Verknappung erinnert an eine Computer-Verkaufsaktion beim Discounter, auch das Resultat ist ähnlich: Die Konsumenten stürmen die Autohäuser.
Jeder will plötzlich ein Auto und zwar schnell, bevor die Staatsknete aus ist. Kleinwagen wie der Fiat Panda sind plötzlich für 5000 Euro zu haben - vorausgesetzt, man bekommt einen. "Ich habe fünf Händler kontaktiert, vier haben nicht einmal zurückgerufen", sagt Interessent Jakob Paulsen*.
Zehn Tage nach dem Start der Abwrackprämie liegen dem Bafa 17.500 schriftliche Anträge vor. Schnell sind es 50.000, dann 100.000. Immer mehr Leuten wird klar, dass die Party bald zu Ende sein wird. Den Politikern in Berlin wird allmählich mulmig. Sollte man Geld nachschießen? Und wenn ja: wie viel?
Es gibt ein weiteres Problem, das zunächst niemand bedacht hat. Um an die Prämie zu kommen, muss man die Neuzulassung eines Fahrzeugs nachweisen. Weil die Lieferfrist für Neuwagen jedoch Wochen oder Monate betragen kann, fürchten viele Autokäufer, leer auszugehen.
Die Regierung steuert deshalb gegen und ändert das Verfahren. Ab Ende März sollen Autokäufer ihre Anträge online stellen. Sie erhalten dann eine Reservierungsbestätigung für die Prämie - auch, wenn ihr Wagen noch nicht zugelassen ist. Das Berliner Wendemanöver hat Arnold Wallraff zu diesem Zeitpunkt gerade noch gefehlt. Der Bafa-Chef und sein durch den "Tsunami" (Wallraff) der Papieranträge völlig überforderter Mitarbeiterstab hat nun ein weiteres Problem: Die Behörde braucht schnell eine IT-Lösung für die Online-Reservierung.
Datenchaos und wütende Kunden
Wenn es etwas gibt, von dem das Bafa noch weniger versteht als von Kundenservice, dann ist es möglicherweise das Internet. Wallraff beauftragt deshalb die IT-Firma Arago aus Frankfurt, rasch eine Lösung zu entwickeln. Allen Beteiligten muss zu diesem Zeitpunkt klar sein, dass es einen massiven Ansturm auf die Online-Reservierung geben wird - und dass Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden müssen, damit die Server nicht in die Knie gehen. Auch Aragos Technikvorstand Chris Boos müsste das wissen. Der mit seiner lockigen Hardrocker-Mähne etwas exzentrisch anmutende Spezialist für IT-Sicherheit beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit Computerarchitektur.
Am 30. März geht die Online-Reservierung unter der Adresse ump.bafa.de ans Netz - und bricht sofort zusammen. Web-Spezialisten werden später konstatieren, die von Arago programmierte Reservierungsseite weise gravierende Programmierfehler auf. Die bei heiklen Datentransfers übliche Verschlüsselung fehlt völlig. Boos' Firma setzt zudem offenbar keinen sogenannten Load Balancer ein, der die Flut gleichzeitig eintreffender Anfragen über mehrere Server hätte verteilen können - ein Anfängerfehler.
Hinzu kommen gravierende Datenschutzpannen: Etliche Antragsteller erhalten eine Bestätigung mit den kompletten Daten anderer Personen. Zahlreiche Anträge verschwinden völlig, die Betroffenen erhalten keine Bestätigung. SPIEGEL-ONLINE-Recherchen zufolge ist eine hohe vierstellige Zahl von Personen betroffen. Genauere Informationen sind schwierig zu erhalten. Das Bafa reagiert nicht auf entsprechende Anfragen, die IT-Firma Arago auch nicht. Der ansonsten äußerst eloquente Technikvorstand Boos will sich ebenfalls nicht äußern. Er bloggt und twittert zwar eifrig ("World of Warcraft kommt aufs iPhone"), zur Abwrackprämie sagt er aber lieber nichts.
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