Von Tom Grünweg
Über all die Banker, Rechtsanwälte und Zahnarztfrauen in blank polierten Sport Utility Vehicles (SUV) können sie hier auf dem Parkplatz vor dem Baumarkt in Bad Kissingen nur lachen. Auf dem Areal, wo sonst Familienkutschen und Heimwerker-Kombis mit Wandfarbe, Holzpaneelen oder Blumenerde beladen werden, versammelt sich gerade eine verschworene Gemeinde von Abenteurern. Ihre Gemeinsamkeit: Ein Geländewagen, der noch bestimmungsgemäß genutzt wird. Durchaus auch in der Sahara, in Sibirien oder in Surinam.
Diesmal allerdings haben die Allrad-Fans das Biwak im vergleichsweise zivilisierten Unterfranken aufgeschlagen. Denn in der Kurstadt fand vom 11. bis 14. Juni die "Abenteuer Allrad" statt, Europas größte Messe für Offroad-Fahrzeuge und Extremurlaube auf Rädern. Wie es sich bei dieser Thematik gehört, trifft man sich nicht in gläsernen Ausstellungspavillons, sondern in einem schlammigen Zeltlager auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz.
Mit einer normalen Automesse hat das Treiben im Gehölz oberhalb des Kurstädtchens nur wenig zu tun. Nicht die Autohersteller präsentieren sich hier, sondern die Aus- und Umbauer. Diese Firmen rüsten die über die Jahre viel zu weich gewordene Geländewagen quasi zurück: Zu Haudegen auf Rädern, die sich auch im Sand Afrikas oder in der Pampa Uruguays verlässlich vorwärts arbeiten. Statt über Alufelgen und Breitreifen diskutiert man hier über Stollenprofile und Riffelbleche. Wer den Wagen liebt, der legt ihn nicht tiefer, sondern bockt ihn auf. Show-Accessoires wie Chrombügel oder Alublenden machen Platz für Sahara-Bleche, Ersatzreifen oder Seilwinden. Und im Schacht des CD-Spielers sitzen nun das Satelliten-Telefon sowie ein Offroad-Navigationssystem.
Während Mercedes, Mitsubishi, Toyota oder Suzuki lediglich über ein paar Händler vertreten sind, lässt sich Land Rover die Chance auf den direkten Kundenkontakt nicht nehmen. Schließlich haben die Briten mit dem Modell Defender die Mutter aller Wüstenschiffe im Programm - und auf dem Parkplatz stehen wohl mehr Landies als Mercedes-Typen in der Tiefgarage der Deutschen Bank. In diesem Jahr stand der Land Rover Discovery im Mittelpunkt des riesigen Abenteuer-Areals, weil er 2009 den 20. Geburtstag feiert.
Expeditionsmobile sind die Stars der Offroad-Messe
Als komfortable Alternative zum Hardcore-Allradler Defender und als preiswerte Alternative zum luxuriösen Range Rover hat sich das Auto auf den Buckelpisten der Welt den Ruf des ehrlichen Arbeiters gesichert und beweist auf dem Matschparcours von Bad Kissingen, dass er tatsächlich einen Weg durch übelstes Geläuf findet.
Doch so eindrucksvoll die Defender mit manchmal drei Achsen und Zebra-Look auch sein mögen, so deplaziert die auf Hochglanz polierten Hummer auf der Wiese stehen und so aufgetakelt die Unimogs und G-Klasse-Modelle schon auf den nächsten Abenteuerurlaub warten - sie alle verblassen gegenüber den großen Expeditionsmobilen auf Basis schwerer Geländelaster, wie sie sonst fast nur vom Militär eingesetzt werden.
Erhaben und friedlich wie Elefanten in der Savanne wirken sie. Und doch offenbaren sie bei genauerem Hinsehen Details, als stünde in Kürze eine Marsexpedition an: klimatisierte Schlafkabinen, bequeme Nasszellen und eine ausfahrbare Dachterrasse - so reist man mit fünf Sternen in die Sahara.
Echte Allrad-Fans fahren knorrige Geländewagen
Wie die Messegäste ticken, sieht man nicht zuletzt auf dem Parkplatz vor dem Baumarkt. Von den Puristen geschmähte Edel-SUVs wie BMW X5, Mercedes M-Klasse oder VW Touareg entdeckt man nur selten. Auch der halbwegs akzeptierte Range Rover ist eine Rarität. Stattdessen kommen die Allrad-Fans mit Autos wie Mitsubishi Pajero, Nissan Pathfinder, Jeep Cherokee und immer wieder Mercedes G-Klasse sowie Land Rover Defender.
Und anders als vom durchschnittlichen Geländewagen-Käufer wird der Traum von Freiheit und Abenteuer von den Besuchern in Bad Kissingen auch gelebt. Hier auf dem Parkplatz zwischen Laderampe und Gartencenter wirken Dachzelte, Trinkwassergewinnungsanlagen, eingebaute Toilettenkabinen und Barbecue-Installationen an der Stoßstange vielleicht ein bisschen albern. Doch zeugen neben den Gebrauchsspuren auch die Aufkleber am schmutzigen Blech vom Fernweh der Besitzer. Die Sahara, Ulan Bator, der Jemen oder Feuerland. Der Weg ist das Ziel. Oder, wie es auf einem Aufkleber heißt: "Du hast nur ein Leben, also nutze es!"
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