Aus Chattanooga berichtet Tom Grünweg
Chattanooga - das kannten in Wolfsburg viele bis vor kurzem nur vom "Choo Choo", den Glenn Miller mit einem Swingsong unsterblich machte. Doch mittlerweile ist die 168.000 Einwohner zählende Stadt im US-Staat Tennessee fast schon so etwas wie ein guter Nachbar der Niedersachsen. Denn nach einem mehrjährigen Auswahlverfahren unter fast 400 möglichen Standorten fiel die Wahl auf Chattanooga. Hier baut der VW-Konzern jetzt sein 62. Werk.
Der neuen Fabrik kommt eine Schlüsselrolle für den US-Mark zu, denn VW will dort vom Nischen- zum Massenhersteller aufsteigen und den Jahresabsatz von zuletzt etwa 220.000 Fahrzeugen bis zum Jahr 2018 auf 800.000 Autos steigern. In der US-Fabrik soll zu diesem Zweck ein auf die USA zugeschnittenes Modell gebaut werden: Größer als der Jetta, aber billiger als der Phaeton soll der "New-Midsize Sedan" in einigen Jahren gegen Stufenheck-Platzhirsche wie Toyota Camry oder Honda Accord antreten. Dann hätte VW - wie vor 40 Jahren schon einmal mit dem Käfer - wieder ein "People's Car" im Programm.
Über eine Milliarde Dollar kostet das neue Werk, das einmal 2000 Jobs bieten soll und für den designierten Werksleiter Frank Fischer ein "wesentlicher Baustein der Wachstumsstrategie" ist: Volkswagen bleibe nicht länger Importeur, sondern werde lokaler Hersteller. Damit wandle sich das Image, die Bekanntheit steigt - und parallel dazu Absatz, hofft der Manager. Dass die aktuelle Wirtschaftlage nicht nach einer weiteren Autofabrik schreit, weist Fischer von der Hand. "Könnte die Zeit für unser Investment eigentlich besser sein als jetzt? Wir finden derzeit erstklassige Fachkräfte aus der Autoindustrie, profitieren von günstigen Rohstoffpreisen und gesunkenen Baukosten", sagt Fischer. Ob diese Strategie im nordamerikanischen Markt aufgeht, wird sich jedoch zeigen.
Neue Autofabrik trotz weltweiter Überkapazitäten
Dass VW starklar ist, wenn der US-Markt wieder anzieht, dafür ist Thilo Brockhaus verantwortlich. Der Ingenieur ist so etwas wie der oberste Baumeister von VW; er hat schon Fabriken in China, Russland und Indien hochgezogen - jetzt ist das Werk in Chattanooga dran. In nicht einmal 18 Monaten soll die Produktion von bis zu 150.000 Autos pro Jahr beginnen. Wenn man mit Brockhaus über die 6,4 Quadratkilometer große Schotterfläche des Bauplatzes kurvt, kann man sich das kaum vorstellen. Bislang sieht man nur das Gerippe der künftigen Lackiererei und das Fundament des Trainingscenters.
Doch Brockhaus ist zuversichtlich, was den Zeitplan betrifft. Bis Jahresende sollen alle Gebäude stehen, ab 2010 wird dann der Anlagenbau beginnen, werden Maschinen und Roboter installiert. Im Herbst sollen die ersten Autos gefertigt werden - erst einmal zum Test, wenn alles läuft dann auch für den Verkauf. "Neue Mitarbeiter, neue Fabrik, das muss sich erst einspielen", erläutert Brockhaus.
Fanclub "Volks Folks" freut sich auf die ersten US-VW
Wenn die Produktion anläuft, wird Fabrikleiter Frank Fischer das Zepter im Werk übernehmen - und zu den ersten Kunden wird wahrscheinlich Fred Jordan zählen. Jordan ist Präsident des örtlichen VW-Clubs "Volks Folks", der vor mehr als zehn Jahren gegründet wurde. Zu Treffen kommen inzwischen mehr als 700 VW-Modelle. Und viele Besitzer der alten Käfer- und Bulli-Typen planen bereits, ein neues Auto aus ihrem Heimatort zu kaufen. "Das ist doch Ehrensache", sagt Gründer Zen Hendricks, der meist mit einem Transporter von 1973 unterwegs ist. "Den habe ich für 75 Dollar von einem Farmer gekauft, der ihm beim Pokern gewonnen hat."
Größer als bei den Volks Folks war die Freude wohl nur bei Chattanoogas Bürgermeister Ron Littlefield, der nicht nur die Arbeitsplätze bei VW sieht, sondern auch die um ein Vielfaches mehr Stellen bei Zuliefererbetrieben. "Das gibt unser Stadt einen gewaltigen Schub", sagt er. Die Vorarbeiten auf dem ehemaligen Munitionsdepot haben sich rentiert: Noch bevor es eine Zusage gab, wurden das Hügelland mit Sprengstoff und Baumaschinen planiert, um den Deutschen idealen Baugrund zu bieten. Nachdem Chattanooga zuvor von Mercedes und Toyota zwei Mal einen Korb bekommen hatte, sollte es in diesem Fall endlich klappen.
Deutsch an der Kasse und viele VW auf dem Parkplatz
Vermutlich wird sich auch das tägliche Leben in der schmucken Stadt am Ufer des Tennessee-River künftig ändern. "Bald werden wir wohl mehr Deutsch an der Supermarkasse hören", glaubt Littlefield und ärgert sich, dass von seinen Deutsch-Kenntnissen aus der Highschool-Zeit nicht mehr viel geblieben ist.
Natürlich würde Bürgermeister Littlefield auch ein Loblied auf Nissan oder Fiat singen, wenn die ein Werk in seiner Stadt bauen würden. Doch dass es ausgerechnet VW ist, freut den Politiker besonders. Schließlich hat auch er eine persönliche VW-Geschichte. "Als ich 1965 meine Frau kennen lernte, fuhr sie einen grünen Käfer. Und unser erstes gemeinsames Auto nach der Hochzeit war wieder ein Käfer, diesmal in gelb."
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