Jaguar XJ: Spagat zwischen Tradition und Moderne

Von Tom Grünweg

Der neue XJ werde anders als erwartet, hatte Jaguar verkündet - jetzt, mit der Enthüllung des neuen Top-Modells, wurde der Beweis erbracht. In London versammelte die britische Traditionsmarke, die zum indischen Tata-Konzern gehört, viel Prominenz bei der Premierenshow des Klassikers.

In der Saatchi Gallery wurde gefeiert und mehr als 500 Gäste waren gekommen, um das Debüt des neuen Jaguar XJ mitzuerleben. Schauspieler David Hasselhoff und US-Late-Night-Talker Jay Leno zum Beispiel, Model Elle Macpherson, Popmusikerin Sophie Ellis Bextor und auch Alex James, Sänger der Achtziger-Kultband Spandau Ballet. Großer Bahnhof also für die inzwischen achte Generation der seit 1968 gebauten Jaguar-XJ-Baureihe.

Der Auftrag zum neuen Modell an Chefdesigner Ian Callum war simpel. "Beautiful fast cars", lautete das Ideal von Firmengründer Sir William Lyons. Ein schönes, schnelles Auto sollte Callum also entwerfen. "Was einfach klingt, ist oft besonders schwierig", stöhnt Callum, doch er wirkt sehr zufrieden dabei. Er hat die Vorgabe erfüllt und das frische Flaggschiff der britischen Marke zu einem Blickfang gemacht. Die Kundschaft muss jedoch noch warten, denn das Auto geht erst zum Jahresende zu Preisen ab 76.900 Euro an den Start.

Um das Zielpublikum behutsam an die neue Optik zu gewöhnen, lüftete Jaguar bereits jetzt den Schleier. War der XJ beim letzten Generationswechsel kaum vom Vorgängermodell zu unterschieden, ist diesmal eher das Gegenteil der Fall: der neue XJ ist ein regelrechter Design-Sprung.

Schon die Frontpartie hat mit dem Vorgänger bis auf das Raubkatzen-Logo kaum noch etwas gemein. Und wenn man das Auto von der Seite betrachtet, wirkt es wie ein Jaguar aus einer anderen Welt: Aus der klassischen Limousine ist ein viertüriges Coupé geworden. Ein bis weit in die letzte Karosseriesäule laufendes Chromband betont die Länge des Wagens, tatsächlich jedoch legte die Karosserie nur um wenige Millimeter zu.

Die Form ist unkonventionell - und durchaus elegant. Wobei das Heck abfällt. Hier laufen die Rückleuchten als senkrechte Sicheln über die Karosserie, und dazwischen sorgt ein massiges Blechstück für - je nach Blickwinkel - optische Ruhe oder Langeweile. Immerhin das Markenlogo lockert die Fläche auf. Merkwürdig wirken auch die beiden Kunststoffblenden auf der C-Säule, die die Heckscheibe breiter erscheinen lassen sollen.

Neue Ideen im Innenraum und ein ungewöhnliches Cockpit

Versöhnlich stimmt der neue Stil beim Blick in den wohnlichen Innenraum, der den Spagat zwischen Tradition und Moderne pflegt. Einerseits gibt es wieder einmal jede Menge Holz und Leder, doch haben die Designer die Traditionsmaterialien neu eingesetzt. Wie in einer Luxusyacht schwingt sich eine hölzerne "Riva-Linie" von den Türen über die Armaturentafel und gibt dem XJ-Fahrer ein Gefühl von Weite.

Im Vergleich zu diesem klassischen Element kommt das Cockpit aus der Zukunft. Es gibt nur noch einen großen Bildschirm, auf dem alle Anzeigen eingeblendet werden. Die analoge Uhr ist das einzige konventionelle Instrument im Cockpit. Einen Schaltknauf gibt es übrigens auch nicht mehr, stattdessen den aus dem Modell XF bekannten Drehregler. Das Platzangebot ist okay, einzig die Kopffreiheit ist bei Jaguar mal wieder etwas geringer - ein Manko, das die Briten durch ein serienmäßig eingebautes Panoramadach zumindest optisch kaschieren.

Technisch fährt der Jaguar XJ mit, nicht voraus

Stilistisch ist der XJ ohne Zweifel ein großer Schritt. Doch während anderen Hersteller mit ihren Top-Modellen technisch in Vorlage gehen, zieht Jaguar allenfalls gleich. Assistenzsysteme wie die automatische Abstandsregelung oder der elektronische Blick in den Toten Winkel sind längst Standard in dieser Klasse; Neuerungen wie etwa eine automatisierte Notbremse oder ein Nachtsichtsystem gibt es gar nicht bei Jaguar.

Leider hält sich auch unter der Motorhaube der Fortschritt in Grenzen. Zwar gehört der im XF bereits tätige Dreiliter-Dieselmotor mit 275 PS zum feinsten, was der Markt der Selbstzünder hergibt, und der ebenfalls noch neue V8-Benzindirekteinspritzer ist auch nicht von schlechten Eltern. Doch dass die Motorenpalette bei den Benzinern erst mit fünf Litern Hubraum und 385 PS beginnt und mittelfristig mit den beiden Kompressor-Varianten mit 470 und 510 PS aufgerüstet wird, passt nicht zur aktuellen Stimmungslage.

Ein wenig Spritspartechnik wäre schon gut gewesen

Wenn Jaguar schon, zumindest zum Start des neuen Modells, auf Sechszylinder-Benziner verzichtete, hätte dem Auto zumindest ein System zur Bremsenergierückgewinnung gut gestanden. Denn Start-Stopp-Technik, Achtstufen-Automatik oder ein Hybridantrieb kommen noch viel später. So setzt Jaguar allein auf den Gewichtsvorteil dank Alukarosserie, doch bei einem Gewicht von 1850 Kilogramm klingt dies eher absurd.

Mit dem neuen XJ werden vermutlich einige konservative Kunden Jaguar den Rücken kehren. Auch der Hersteller verbindet die Premiere des Autos mit einer Neuausrichtung. Statt wie bislang Mercedes S-Klasse, BMW 7er oder Audi A8 als Wettbewerber zu betrachten, soll der neue XJ deutlich extravaganter positioniert werden. Als Konkurrenzmodelle werden etwa Porsche Panamera, Maserati Quattroporte, Aston Martin Rapide oder der kommende Audi A7 genannt. Für Jaguar-Chef Mike O'Driscoll ist das ein logischer Schritt: "Wir spielen mit Jaguar in der Unterhaltungsbranche, nicht im Transportgeschäft."

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  • Datum: Freitag 10.07.2009 | 14:20 Uhr
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