Von Frank Patalong
Fahrtechnisch ist die Enfield definitiv nichts für Boliden-Reiter: 28 PS bei 5250 Umdrehungen pro Minute sind Werte eines Cruisers, die die Classic mit einer Top-Geschwindigkeit von (laut Hersteller) 135 km/h bestätigt. Bis Tempo 100-110 zieht sie kräftig und zügig hoch, dann verhungert sie merklich: Auf der Landstraße macht das Spaß, auf der Autobahn eher Angst. Einen enthirnten Tiefergelegten mit flackernder Lichthupe, der fest daran glaubt, jedes Zweirad könne binnen 3 Sekunden auf 250 beschleunigen, möchte man da nicht am Schutzblech kleben haben: Enfield fahren ist wie Ente fahren.
Das aber kann auf der Überlandstraße ein Genuss sein. Der Motor der Enfield bollert, man meint, die Kolbenschläge einzeln zählen zu können. Den durchzugsstarken Langhuber kann man fahren wie einen Roller, wenn man will: Zügig bis in den fünften Gang hochschalten - und dann so tun, als hätte man gar keinen anderen. Dann gleitet man einerseits mit treckerhaftem Soundtrack und vielleicht 2500 Umdrehungen (einen Drehzahlmesser hat sie nicht) bei Tempo 70 durch die Felder, andererseits spürt man dabei, wie jeder der kräftigen Kolbenschläge das Zweirad nach vorn treibt. Da kommt Freude auf. Klar vibriert das auch, aber in Maßen.
Erst ab Tempo 110 wird die Vibration zur Belästigung, im Vollgasbereich fühlt sie sich an wie ein Schraubentest, den man nicht gern zu lange durchführt. Bei unserem Test hatten sich nach knapp 300 Kilometern die Schrauben, die den Auspuffkrümmer am Motor halten, gründlich gelöst - mit entsprechender Verstärkung des sowieso schon kräftigen Sounds.
Ein Bummel-Krad für Leute, die es nicht eilig haben
Gleiten und schwingen und schwelgen klappt dagegen ganz außerordentlich gut: Das Gefühl für die Dimensionen stellt sich schnell ein. In den ersten Kurven gibt es Schreckmomente, denn das Fahrwerk ist weich, Lastwechsel und Bremser fühlen sich zunächst wackelig an, man muss sich daran gewöhnen. Hat man das, verwächst man schnell mit der Enfield, die zum Bummeln verführt.
Die Classic ist halt ein Cruiser, kein Raser. Zu Hause ist sie auf der Landstraße, auch im Stadtverkehr zieht sie absolut hinreichend zügig mit. Wer so etwas sucht, findet in der Enfield ein optisch schönes, alltagstaugliches Motorrad mit sparsamer Ausstattung und viel emotionalem Potential: Man wird schnell zum Liebhaber - nur mit aktuellen Motorrädern sollte man sie nicht vergleichen.
Denn billig ist sie nicht. Beim Spritverbrauch (ca. 3,7 l/100 km) spart man noch, beim Händler nicht: Der will 5499 Euro dafür haben. Ein weniger hoher Liebhaberpreis könnte die Zahl der Liebhaber sicher erhöhen.
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