Aus Tokio berichtet Tom Grünweg
In Tokios Nobelviertel Roppongi wirkt fast alles wohlbekannt. Hier gibt es die global üblichen Ladenketten, vor denen parken die erwartbaren Autos: Lexus, Mercedes, BMW oder Audi lassen die Unterschiede zu deutschen Metropolen verschwimmen. Doch der Eindruck täuscht. Denn in den meisten anderen Quartieren sind komplett andere Fahrzeuge unterwegs. "Der japanische Automarkt tickt vollkommen anders als der deutsche", sagt Toshio Wagoya vom Branchenbeobachter Jato Dynamics.
Verzerrt wird das Bild vor allem von den sogenannten Kei-Cars, jenen Mini-Mobilen mit einer Länge unter 3,40 Meter und einem Motor mit weniger als 660 Kubikzentimeter Hubraum, die von der Steuer begünstigt und von der Nachweispflicht eines teuren Parkplatzes teilweise befreit sind. Deshalb stehen sie besonders hoch im Kurs. "Der Marktanteil der Kei-Cars liegt bei rund 40 Prozent", sagt Wagoya.
Wie alle großen Automobilmärkte fuhr auch der japanische zuletzt im Rückwärtsgang - 13 Monate in Folge mussten die Hersteller Absatzeinbußen hinnehmen. "Der Markt ist abgestürzt", sagt Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Wurden im Jahr 2004 noch 4,8 Millionen Neuwagen verkauft, dürften es 2009 allenfalls noch 3,6 Millionen werden. Allerdings: In Japan ist eine neue Regierung angetreten, die Autobahngebühr steht auf dem Prüfstand und es zeichnet sich eine Trendwende ab. Im September wurde ein Zulassungsplus von 9,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat registriert.
Die heimische Industrie setzt entsprechend hohe Erwartungen in die Tokio-Motor-Show, die am 24. Oktober eröffnet wird und praktisch ein Heimspiel fast ohne Gäste ist. Denn bis auf den BMW-Veredler Alpina haben fast alle ausländischen Hersteller abgesagt. Die japanischen Händler der Importeursmarken - es gibt rund 250 VW-, 200 Mercedes-, 100 Audi- und 70 BMW - dürften von der Abstinenz wenig begeistert sein.
Für deutsche Marken ist Japan ein nahezu verschlossener Markt
Zumal Japan ohnehin ein schwieriges Pflaster ist. "Für Importeure ist der Rechtslenker-Markt aufgrund der Vorliebe für die Kei-Cars weitgehend verschlossen, hier geben die japanischen Marken den Ton", sagt Dudenhöffer. Die Statistik untermauert diese These. Toyota als Marktführer liegt deutlich vor Nissan und Honda, dahinter folgen die Kleinwagenspezialisten Suzuki und Daihatsu; sämtliche Importeure zusammen erreichen lediglich einen Marktanteil von fünf Prozent.
Andererseits genießen gerade Autos aus Deutschland hohes Prestige. Insgesamt 60.000 Fahrzeuge aus deutschen Marken, darunter 19.000 VW, jeweils 13.000 BMW und Mercedes, sowie 7000 Audi und 5000 Mini wurden in Japan im ersten Halbjahr 2009 verkauft. Zum Vergleich, Im ersten Halbjahr 2008 waren es noch 82.000 Fahrzeuge, im Gesamtjahr 2008 dann cirka 150.000; daran ist diesmal jedoch nicht zu denken.
Wer ein Oberklasse-Modell kauft, wählt oft die Top-Ausstattung
Erfreulich für die deutschen Hersteller ist, dass japanische Kunden selten knausern. "Generell kann man sagen, dass die gewählte Ausstattung sehr hochwertig ist", sagt Daimler-Sprecherin Silke Mockert und berichtet, dass Navigationssysteme oder Lederpolster praktisch immer geordert werden. "Auch Xenon-Licht ist in der Oberklasse ein Muss", heißt es bei Audi. Ebenfalls sehr beliebt sind die Linkslenker-Varianten: Wer auf der falschen Seite sitzt, zeigt auf den ersten Blick, dass er sich ein teures Importfahrzeug leisten kann.
Auch beim Antrieb haben die Autofahrer in Fernost andere Präferenzen als jene hierzulande. Während Dieselmotoren in Deutschland auf einen Marktanteil von gut 50 Prozent kommen, sind sie in Japan aufgrund strengster Schadstoffauflagen eine absolute Rarität. "Nur einer von 1000 Neuwagen fährt mit Diesel", sagt Jato-Experte Wagoya. Da bleibt wenig Hoffnung für die deutschen Hersteller. Der Mercedes E 350 CDI wird dennoch angeboten, und Audi will 2010 einen Selbstzünder einführen. BMW beobachtet den Markt. "Wir haben die nötigen Technologien, um eine eventuelle Nachfrage bedienen zu können", sagt Sprecher Kai-Thomas Klicker.
Japan hat den höchsten Hybridanteil weltweit
Japan ist Hybrid-Herzland. "Im ersten Halbjahr lag der Hybridmarktanteil bei 5,5 Prozent", sagt Wagoya. Und mit Honda Insight und Toyota Prius standen erstmals überhaupt Hybridfahrzeuge an der Spitze der monatlichen Zulassungstabelle. Auch die elektrische Revolution ist in Japan schon ein gutes Stück weiter als in Europa. Bei Mitsubishi wird das Modell MiEV bereits in Serie produziert, und bei Nissan sollen ab 2010 mindestens 50.000 Exemplare des Elektroautos Leaf vom Band laufen.
Was die Autoelektronik betrifft, sind die Japaner ebenfalls weit voraus. Beim Blick in ganz normale Serienmodelle bis hinunter zum Kleinstwagen verschlägt es einem angesichts der Ausstattung fast den Atem: 3-D-Navigation mit Großbildschirm und Vogelperspektive, TV-Empfang, DVD-Spieler, Internetzugang - all das ist keine Seltenheit. Wer oft stundenlang im Stau steht, will wenigstens gut unterhalten werden.
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