Von Tom Grünweg
"Autos raten" mag für Kinder im Stau ein beliebter Zeitvertreib sein. Doch bei einem Unfall wird aus dem Spiel für Feuerwehrmänner oft bitterer Ernst. "Häufig kann man bei einem Wrack nur noch mit Mühe den Hersteller erkennen. Welches Modell da vor einem liegt, ist jedoch oft gar nicht zu ermitteln", sagt Hartmut Ziebs, Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes. Das ist für Helfer schon heute ein Problem, weil sie oft nicht wissen, wo sie die Rettungsschere idealerweise ansetzen sollten, um einen Verletzten schnellstmöglich aus dem Wrack zu holen.
Doch mit der wachsenden Zahl alternativer Antriebe kommen die Retter noch stärker in die Bredouille. "Schon bei einem Fahrzeug mit Gasantrieb muss man aufpassen, dass keine Leitung gekappt wird. Sonst hilft auch der sicherste Tank nicht mehr. Und bei Fahrzeugen mit Hybrid- oder Elektroantrieben fließen so hohe Ströme, dass bei einem falschen Schnitt nicht nur die Fahrzeuginsassen, sondern auch die Retter buchstäblich der Schlag treffen könnte", sagt Ziebs.
Aus diesem Grund müssen die Ersthelfer exakt wissen, mit welchem Auto sie es zu tun haben. Um dies zu gewährleisten, haben die meisten Fahrzeughersteller so genannte Rettungsleitfäden entwickelt, die in der Regel über das Internet abgerufen werden können und detaillierte Hinweise auf Gefahrenstellen, besonders verstärkte Karosserieelemente und die Risiken für Retter geben. "Im Einsatz ist das jedoch nicht sonderlich praktisch", klagt Ziebs. "Es fehlt dann einfach die Zeit, erst den Fahrzeugtyp zu ermitteln und dann im passenden Leitfaden nachzulesen."
Deshalb suchen Helfer, Hersteller und Verbände nach neuen Möglichkeiten. Eine davon ist die so genannte Rettungskarte, die der ADAC im Sommer ins Spiel gebracht hat. Diese einfache Übersicht soll hinter der Fahrer-Sonnenblende im Auto deponiert werden und alle wichtigen Informationen für Feuerwehren und andere Hilfskräfte enthalten. "Mit der Karte wissen sie, wo sie aufschneiden müssen und wo Airbags und Batterien liegen. Über Detailkenntnisse zur Fahrzeugkonstruktion müssen die Feuerwehren dann nicht mehr verfügen", heißt es beim ADAC. Damit könne der Rettungsprozess wesentlich verkürzt werden, argumentiert der Automobil-Club und ruft die Hersteller auf, die Din-A4-große Karte künftig bei allen Neufahrzeugen im Bereich der Fahrer-Sonnenblende einzulegen.
In Zukunft soll ein automatischer Notruf alle relevanten Daten liefern
Nach Ziebs Meinung allerdings kann die Rettungskarte nur ein erster Schritt hin zu einer elektronischen Lösung sein, bei der etwa mit dem automatisierten Notruf E-Call neben der Fahrzeugposition auch gleich die entsprechenden Daten übermittelt werden. "Weil es E-Call nur für neu entwickelte Fahrzeuge gibt, hilft uns diese Lösung bei älteren Fahrzeugen nicht weiter." Deshalb sei die Rettungskarte ein wichtiger Zwischenschritt, sagt Ziebs.
Unternehmen wir Mercedes geht das Faltblatt allerdings nicht weit genug. "Nach unserer Meinung hat eine im Fahrzeug mitgeführte Rettungskarte nur geringes Potenzial, um die Sicherheit zu erhöhen", sagt Mercedes-Sprecher Gerd Esser. Schließlich könnten die Helfer vor Ort nicht davon ausgehen, in einem verunfallten Fahrzeug das passende Datenblatt tatsächlich vorzufinden. Deshalb setzen die Schwaben neben den seit Jahren verfügbaren Datenblättern für Mercedes-Modelle auf Informationen aus erster Hand. Regelmäßig laden sie unter dem Motto "Hilfe für Helfer" Feuerwehren ins Werk ein, um an neuen Modellen den Ernstfall zu trainieren.
Training für Feuerwehrleute für den Ernstfall am Unfallort
"Hier stellen wir den Rettern nach einer technischen Einführung in die verschiedensten Sicherheitseinrichtungen aktuelle Fahrzeuge aus unserem Modellprogramm zur Verfügung, um die sachgerechte Bergung unter der Anleitung speziell geschulter Daimler-Mitarbeiter zu üben", erläutert Mercedes-Sicherheitsentwickler Richard Krüger. "Denn im Ernstfall muss jeder Handgriff sitzen." Ein Zögern oder ein falsch angesetztes Rettungsgerät könnten erhebliche Folgen für die Insassen des verunfallten Fahrzeuges wie für die Rettungskräfte selbst haben.
Bei den Trainings werden vor allem Detailfragen geklärt. Die Helfer lernen, wo sie Spreiz- oder Trenngeräte ansetzen können, und wo die ultrahochfesten Stähle eingebaut sind. Die erhöhen zwar die Sicherheit, aber erschweren das Zerschneiden der Karosserie oder ist mit veralteten Werkzeugen gar nicht möglich. Außerdem lernen die Helfer, wo die Gasgeneratoren der Airbags sitzen, die man besser nicht zerstören sollte. Bei den Rettern kommen diese Übungen gut an. "Das ist ein einmaliges Praxistraining", lobt Andreas Wilhelm von der Feuerwehr Baden-Baden, der gerade an einem vollkommen verformten Mercedes GLK die Rettungsschere angesetzt hat. "Normalerweise müssen wir solche Übungen mit Schrottautos durchführen."
Mit den ersten Elektroautos, die allmählich auf die Straßen kommen, dürfte sich der Bedarf nach speziellen Trainings für Ersthelfer sprunghaft erhöhen. Doch einen gut 100.000 Euro teuren Tesla Roadster für Übungszwecke fachgerecht zu zerteilen - das hat bislang noch kein Feuerwehrmann erlebt.
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