Von Jürgen Pander
Die Zahl ist schockierend. "Straßenverkehrslärm gefährdet die Gesundheit. Er wird europaweit für 50.000 Todesfälle jährlich verantwortlich gemacht", sagt Werner Korn, Mitglied des Bundesvorstands des Verkehrsclub Deutschland (VCD). Derzeit dürfen Autos in Europa eine Lautstärke bis zu 74 dBA erreichen, für Sportwagen sind gar bis zu 75 dBA erlaubt (zum Vergleich: ein Presslufthammer liegt bei circa 80 dBA). Doch mit jedem Elektroauto, dem laut allgemeiner Einschätzung fast aller Industrieverantwortlichen die Zukunft gehört, wird es leiser auf den Straßen.
Denn Elektromotoren brummen, dröhnen oder röhren nicht, sie surren oder sirren allenfalls. In Fahrberichten über Elektroautos notieren die Autoren stets erstaunt, wie flüsterleise sich die mit Strom betriebenen Wagen bewegen, und das beim Beschleunigen höchstens ein "turbinenartiges Sirren" zu hören sei. Mit weniger als 50 km/h sind Elektroautos sogar nahezu lautlos unterwegs, die Abrollgeräusche der Reifen oder das Zischen des Fahrtwinds sind bei diesem Tempo kaum wahrnehmbar.
Das könnte eine gute Nachricht sein für lärmgeplagte Anwohner in Durchgangsstraßen. Doch die Vision des lautlosen Innerorts-Autoverkehrs hat nicht nur Befürworter. "Schon aus Sicherheitsgründen wird es in Zukunft keine Fahrzeuge geben, die unhörbar bleiben", sagt Ralf-Gerhard Willner, Leiter Entwicklung Konzepte bei VW. "Unser Ziel ist es, Geräusche beim Fahren nicht generell zu vermeiden, sondern einen wertigen Sound mit Informationen zum Fahrzustand zu geben."
VW wird voraussichtlich im Jahr 2013 das Elektroauto E-Up auf den Markt bringen. Bei der Präsentation des Kleinwagens auf der IAA fuhr VW-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg mit dem quietschgelb lackierten Auto auf die Bühne - und ließ den Motor brüllen. Das war eine Showeinlage, doch es wird ernsthaft darüber nachgedacht, Elektroautos mit künstlich erzeugten Motorensounds sowohl emotional aufzupeppen als auch für Außenstehende akustisch wahrnehmbar zu machen. VW-Entwickler Willner: "Wir denken über künstliche Sounds nach und testen unterschiedliche Varianten mit Probandengruppen."
Als das Auto bimmelte, griffen die Testpersonen zum Mobiltelefon
Auch der japanische Hersteller Nissan plant, das Elektroauto Leaf, das ab 2011 in Deutschland erhältlich sein soll, mit synthetischen Klängen auszustatten. Noch ist nichts endgültig entschieden, aber ein Sounddesigner arbeite bereits an unterschiedlichen Geräuschen, die der Wagen beim Anlassen, beim Fahren und beim Verbinden mit einer Steckdose zum Laden der Batterie machen soll. Bei Renault - wo gleich vier Elektroautotypen demnächst in Serie gehen werden - wird derzeit noch untersucht, ob spezielle Kunstgeräusche in die Modelle implantiert werden sollen. Unter anderem ist beispielsweise ein Warnton beim Abbiegen im Gespräch.
Von Lexus hört man, dass es beim Experimentieren mit Geräuschen zum Ankündigen von lautlosen Autos durchaus Aha-Effekte gab. Bei einem Warnton, der dem Klingeln eines Mobiltelefons nachempfunden war, blickte keiner der Probanden in die Richtung, aus der sich der Ton näherte - sondern alle kramten in den Taschen auf der Suche nach dem Handy.
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