125 Jahre Diamant-Fahrräder: Tradition und Globalisierung als Erfolgsrezept

Von Andrea Reidl

Markenräder aus Deutschland sind häufig Welträder: Der Rahmen kommt aus Taiwan, die Schaltung aus China und die Akkus für die E-Räder aus Kanada. Diese Globalisierung hat die 125 Jahre alte Marke Diamant gerettet - das Geschäft boomt.

Diamant-Fahrräder: 125 Jahre Firmengeschichte
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Diamant

"Kein Werksverkauf", steht auf der gläsernen Eingangstür in Hartmannsdorf gleich über dem geschwungenen Namenszug "Diamant". 150.000 Fahrräder bauen die Mitarbeiter der sächsischen Fahrradmanufaktur hier im Jahr zusammen - Tendenz steigend. Will jedoch einer der Mitarbeiter ein Diamantrad kaufen, muss er es im zehn Kilometer entfernten Chemnitz beim Händler bestellen.

Hartmut Rogotzki, seit 45 Jahren im Betrieb und damit dienstältester Mitarbeiter bei Diamant, schüttelt darüber schmunzelnd den Kopf: "Im Extremfall baut der Kollege sein Rad selbst zusammen, verpackt es in einen Karton und schiebt es auf den Lastwagen." Der fährt es zur Vertriebsgesellschaft in die Niederlande, die es retour zu einem Chemnitzer Händler schicken. Dort kann der Kollege dann sein Rad abholen.

So funktioniert der Weltmarkt. Und auf dem mischt das 125 Jahre alte Traditionsunternehmen erst mit, seit Trek Bicycle es vor acht Jahren gekauft hat. Die Diamant-Fahrradwerke standen damals vor dem Aus, weil die Produktion im Vorjahr massiv eingebrochen war. Der damalige Eigner der Diamant-Werke, der Tabak- und Fahrradhersteller Villiger, hatte einen letzten Rettungsversuch gestartet und seine gesamte Zweiradfertigung aus der Schweiz nach Hartmannsdorf verlagert. Ohne Erfolg. "Hätte Trek uns nicht gekauft, gäbe es in diesem Jahr kein Jubiläum. Diamant würde gar nicht mehr existieren", sagt Rogotzki.

Das US-Unternehmen krempelte das ostdeutsche Werk um. "Mittlerweile sind wir ein reiner Produktionsstandort", erklärt Geschäftsführer Michael Mittag. Was er in Hartmannsdorf unter den Namen Trek, Villiger und Diamant baut, entwerfen drei Produktdesigner in den Niederlanden. Das spart Ressourcen, ist aber ungewöhnlich. Die Entwicklung und das Design sind eigentlich die heiligen Kühe für die meisten Fahrradhersteller. Dort sind Entwicklung und Produktion an einem Standort eng miteinander verwoben. Für Diamant fällt jedoch Trek weit entfernt die Entscheidung, was und wie viel gebaut wird. Die Amerikaner testen die Prototypen, das Marketing ist in Schweizer Hand, und Mittags Team lackiert die Räder und schraubt sie zusammen.

Maßanfertigungen auf Kundenwunsch

Zurzeit bauen sie in Hartmannsdorf City-, Trekking- und Tourenräder unter der Marke Diamant und Villiger; Rennräder, Mountainbikes und Tourenräder unter dem Namen Trek. Hinzu kommen Maßanfertigungen auf Kundenwunsch. Sogenanntes Custom-made ist seit Jahren Trend in Deutschland und das Geschäft der kleinen Manufakturen. In diese Nische will Mittag rein, in die Luxusklasse: Er bietet maßgefertigte Trek-Rennräder für 3000 bis 15.000 Euro.

Trotz Integration im Mutterkonzern steht Mittag im ständigen Wettbewerb zu anderen Fahrradherstellern. Sein ärgster Konkurrent: Giant. Der weltweit größte Zweiradhersteller, produziert ebenfalls Fahrradteile für die Trek-Vertriebsgesellschaft. "Wir luchsen uns gegenseitig immer mal wieder einen Auftrag ab", sagt der Geschäftsführer. Doch Sorgen macht er sich nicht. Vor sechs Jahren hat Diamant 35.000 Räder im Jahr gebaut, heute sind es 150.000. Im vergangen Jahr habe das Unternehmen innerhalb von Europa erstmals mehr Gewinn erwirtschaftet als in den USA.

Wachstum, Wettbewerb und Weiterentwicklung haben Priorität. Daran erinnert Trek seine Mitarbeiter - ständig. In der fußballplatzgroßen Produktionshalle hängen cremeweiße Schilder in luftiger Höhe mit den sperrigen Kalendersprüchen der Amerikaner: "Akzeptiere nur hervorragende Leistung" steht neben dem schattierten Diamant-Markenzeichen und in etwas kleinerer Schrift am Boden des Schildes "tolerate nothing less than excellence". Rogotzki grinst: "Zu DDR-Zeiten gab es das auch, damals hieß das Losung", erklärt er. Er sieht das pragmatisch: "Losung oder nicht, unsere Vorgaben müssen wir erfüllen, damals wie heute."

200.000 Räder haben seine Kollegen in guten DDR-Jahren zusammengebaut. Ab 1964 war Rogotzki dabei. Als Schlosserlehrling und später als Leiter der Instandhaltung sorgte er dafür, dass die Bänder liefen und die Maschinen funktionierten. Er sah, wie die Kollegen die Rahmen löteten und Speichen in die Nabe der Laufräder einfädelten.

In einer Stunde werden 30 Fahrräder zusammengebaut

Heute erledigen zwei Frauen diese Arbeit mit der Hilfe einer Maschine. Ein Laufrad pro Minute schaffen sie. Die Arbeiterinnen sitzen in der Produktionshalle wenige Schritte entfernt von den beiden Laufbändern. 16 Monteure stehen sich dort gegenüber. Fast unmerklich bewegt sich das Band. Mit wenigen Handgriffen ziehen die Männer Lager fest, fädeln Lichtdrähte ein, ziehen Ketten auf und montieren Schutzbleche. In einer Stunde bauen sie rund 30 Fahrräder zusammen. Genaue Stückzahlen nennt niemand. Die seien modellabhängig, lautet die vage Antwort.

Modelle bauen die Hartmannsdorfer heute bedeutend mehr als zu DDR-Zeiten. Was sie nicht mehr bauen: Diamant-Rennräder. Auf Rennräder hat Trek jetzt innerhalb des Konzerns das Monopol. Dabei waren die Rennräder von Diamant legendär. Täve Schur, ehemaliger ostdeutscher Radrennfahrer, Olympiasieger und populärster Sportler in der Geschichte der DDR fuhr nur "Diamant". Er war das Vorbild von vielen Diamant-Rennrad-Clubs.

Allerdings baut Trek nicht nur Räder. Das Unternehmen will seine Mitarbeiter auch fürs Radfahren begeistern. Wer am Trek-Standort in Waterloo mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, bekommt Frühstück und Mittagessen kostenlos. Bei Bedarf kann jeder Mitarbeiter auf der hauseigenen Mountainbikestrecke mit Testrädern stundenlang durchs Gelände heizen.

Davon sind die Fahrradschrauber in Sachsen noch weit entfernt. In dem Hartmannsdorfer Industriegebiet mitten auf der grünen Wiese können sie mit dem neuesten Elektrorad einmal ums Betriebsgelände fahren. Ein interner Test, um sicherzugehen, dass das Rad wirklich 40 Kilometer pro Stunde schafft, wie versprochen, bevor sie es an Testfahrer der Fahrradmagazine liefern.

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  • Datum: Freitag 23.04.2010 | 08:49 Uhr
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Die Diamant-Fahrradwerke in Sachsen gehören weltweit mit zu ältesten Fahrradherstellern. Die Brüder Nevoigt gründeten 1885 in Chemnitz eine Fabrik und stellten Platinen, Schreibfedern und Fahrräder her. 1898 brachte das Werk die "Doppel-Rollenkette" heraus, den Vorläufer der heutigen Fahrradkette und ließ 1934 einen Gesundheitslenker patentieren. Nach der Wende kaufte der Schweizer Tabak- und Fahrradhersteller Villiger die Diamant-Fahrradwerke. 2002 übernahm Trek Bicycle Corporation sowohl Diamant als auch Villiger. Zu Trek gehört außerdem: Gary Fisher, Klein und Bontrager.
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