Better-Place-Test in Tokio: Taxiflotte mit Wechselakku

Aus Tokio berichtet Tom Grünweg

Tokio ist eine Taxi-Hochburg - und Japan das Land, in dem Elektroautos immens hoch im Kurs stehen. Da ist es logisch, dass dort die ersten elektrisch betriebenen Taxis auftauchen. Um das Reichweitenproblem zu lösen, fahren die Droschken mit Wechselakkus.

Better-Place in Tokio: Akku auswechseln
Fotos

Yellow Cabs in New York, das klassische London-Taxi, rasselnde VW Käfer in Mexiko City und hellelfenbeinfarbene Mercedes E-Klassen in Berlin - Globetrotter Kiyotaka Fuji kennt die Taxis dieser Welt. "Nirgendwo jedoch sind sie sauberer als in Tokio", sagt der vielreisende Japaner. Fuji ist schon von Berufs wegen dieser Meinung, denn er führt die Geschäfte der Elektromobilitäts-Firma Better Place in Japan. Seit kurzem sind in Tokio die ersten Elektro-Taxis unterwegs.

Drei Monate lang wollen Better Place, Tokios größte Taxi-Gesellschaft Nihon Kotsu und der japanische Staat mit zunächst drei Fahrzeugen das Konzept mit den elektrifizierten Autos ausprobieren. Der Stamm-Standplatz der elektrischen Taxis in dieser Zeit ist direkt vor dem Eingang zum noblen Mori-Tower im Stadtteil Roppongi. Während die konventionellen Droschken im Tiefgeschoss auf Fahrgäste warten müssen, stehen die Stromer mitten auf der Flaniermeile und surren dann nahezu lautlos direkt über die Plaza.

Tokio ist für ein derartiges Elektro-Taxi-Experiment ideal. "Hier fahren mehr Taxis als in London, Paris und New York zusammen", sagt Fuji. Rund 60.000 Fahrzeuge sind in der Hauptstadt im Einsatz, pro Jahr ist jede einzelne der Droschken weit mehr als 100.000 Kilometer unterwegs. Insgesamt ergibt sich so ein CO2-Ausstoß von mehr als einer Million Tonnen und die Spritkosten der riesigen Taxiflotte liegen bei rund 600 Millionen Dollar, wie Better Place ausgerechnet hat.

"Taxis auf Elektroantrieb umzurüsten ist deshalb ein sehr konkreter Ansatz, um den CO2-Ausstoß zu mindern und die Luft in den Städten zu verbessern", sagt Fuji. Für die Strategen von Better Place ist das das Königsargument. In Santiago di Chile, so heißt es beispielsweise, stoße die Flotte von insgesamt 43.000 Taxis mit etwa 788.000 Tonnen CO2 pro Jahr aus und für London gibt Better Place 23.000 Taxis mit einem Ausstoß von 391.000 Tonnen CO2 an.

"Der Versuch, den Taxibetrieb zu elektrifizieren ist freilich nicht neu", räumt Manager Fuji ein. Doch bislang sind alle Probeläufe gescheitert. "Wenn man die Taxis nach einem halben Tag außer Dienst stellen muss, um die Akkus zu laden oder zu kühlen, dann kann man kein Geschäft machen." Deshalb setzt Better Place jetzt gemeinsam mit dem Taxi-Betreiber Nihon Kotsu auf Wechselakkus: Die speziell zu diesem Zweck umgerüsteten Geländewagen von Nissan tragen die Batterie von unten zugänglich im Unterboden, dass sie in einer Wechselstation vollautomatisch und durch einen geladenen Stromspeicher ersetzt werden kann.

Dafür wurde im Stadtteil Roppongi eine Wechselstation errichtet, die ein wenig an eine Waschanlage erinnert. Das Elektroauto fährt hinein und wird exakt über dem Tauschmechanismus platziert. Dann tritt ein Greifarm in Aktion, entnimmt den leeren Akku aus dem Wagen und klinkt anschließend eine voll aufgeladene Batterie in den Unterboden des Fahrzeugs ein. Keine fünf Minuten nach der Einfahrt in die Wechselstation ist das Taxi wieder fit für die nächsten 300 Kilometer. Nur über Nacht werden die Taxis wie ganz konventionelle Elektrofahrzeuge an der Steckdose geladen.

Neue Batteriewechselstation mit verbesserter Technik

Das kleine Gebäude in Rooping ist bereits die zweite Wechselstation von Better Place in Japan. Eine weitere steht seit einem Jahr in der Nachbarstadt Yokohama, wo auch der Kooperationspartner Nissan seine Zentrale hat. Im Vergleich zu der Anlage in Yokohama ist die neue Station in Tokio-Roppongi bereits deutlich verbessert worden: Die Autos können nun direkt nacheinander einfahren, und die Batterien werden nun bei optimaler Temperatur gelagert und geladen. Außerdem gibt es ein Besucherzentrum, um interessierte Passanten über die neue Technik zu informieren.

Eine einzige Station in Tokio kann aber nur Experimentalcharakter haben; um die gesamte Taxiflotte der Stadt elektrisch betreiben zu können, wären mindestens 300 der so genannten Switch-Stations nötig. Bis diese Infrastruktur steht, wird es Jahre dauern - wenn es überhaupt dazu kommt.

Vorerst müssen die Fahrer der drei Elektro-Taxis bei der Routenplanung überaus akkurat sein. Denn wenn die Energie in der Batterie nicht mehr bis zurück zur Wechselstation reicht, müssen sie eine der rund 100 öffentlichen Steckdosen für Elektrofahrzeuge in Tokio anfahren. Das aber bedeutet eine Ladezeit von mehreren Stunden - für einen Taxifahrer praktisch ein Totalausfall. Doch Kiyotaka Fuji ist hoffnungsfroh, dass er eines Tages sogar am Tokioter Flughafen Narita in ein Elektrotaxi steigen und sich in die Stadt fahren lassen wird. Das sind, je nach Zielort, immerhin 100 Kilometer.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 44 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
07.05.2010 von Titmouse: Prozentrechnung

Falsch. 100% der Energie (Treibstoff) werden bei einem Fahrzeug - auch bei einem elektrisch betriebenen - in Wärme umgewandelt. Ausnahme: Das Fahrzeug fährt noch (kinetische Ebergie) oder Standort bei Fahrtende liegt [...] mehr...

07.05.2010 von m-pesch: ...

Und Greenpeace ist das Maß der Dinge? mehr...

07.05.2010 von gonzo75: Schlechtere CO2-Bilanz eines Elektroautos

Auf Tagesschau.de findet sich ein Artikel namens "Wie umweltfreundlich sind Elektroautos?". Dort beziehen sich die Journalisten auf eine Studio von Greenpeace wonach sich, beim Strommix von Vattenfall, ein erhoeter [...] mehr...

07.05.2010 von m-pesch: ...

Ich bin 1,86 m groß und muß in einen X5 hochsteigen. Fimde das eher anstrengend und sie Sitze sind auch nicht das gelbe vom Ei. Hann schon lieber so was wie einen VW Touran mit einem vernünftigen orthopädischen Sitz von Recaro. [...] mehr...

07.05.2010 von dale_gribble: .

Ich auch! Allerdings gibt es Leute wie meinen 75 Jaehrigen Onkel mit Bandscheibenvorfall und kaputten Knochen. Deren Leben wird durch einen Q7 oder X5 schon erleichtert. Diese Leute kommen in ein "normales" Auto [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
alles zum Thema Elektroautos

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


  • Datum: Mittwoch 05.05.2010 | 12:01 Uhr
  • Artikel drucken
  • Artikel versenden
  • Feedback
  • Kommentieren | 44 Kommentare

Förderung umweltfreundlicher
Autos in Europa

Hintergrund und Berechnungsgrundlage

Weltweit subventionieren etliche Länder saubere Autos. In China winken umgerechnet 6500 Euro, in den USA zwischen 1800 und 5300 Euro und in Japan sogar bis zu 11.500 Euro. In Deutschland gibt es bislang keine Förderung. Wie und wo in Europa Autos mit besonders geringem CO2-Ausstoß bezuschusst werden, zeigt die Zusammenstellung von SPIEGEL ONLINE. Als Referenzmodell bei Steuervergleichen diente ein Mercedes B 180 mit einem CO2-Ausstoß von 152 g/km.


Österreich

Norwegen

Italien

Irland

England

Frankreich

Welche Typen von Elektroautos gibt es?

Reiner Elektroantrieb

Diese Fahrzeuge haben keinen klassischen Antriebsstrang mehr, der vom Motor die Bewegungsenergie auf die Räder überträgt. Stattdessen sind in den Radnaben Elektromotoren, die Energie kommt aus einem Akku, der an der Steckdose aufgeladen werden kann. Weil die Speicherkapazität der Batterien noch nicht mit einem klassischen Automobil vergleichbar ist, haben einige Elektromobile einen sogenannten Range Extender an Bord - einen kleinen Generator, der die Elektromotoren mit Energie versorgt, wenn der Akku leer ist.

Beispiele: Tesla Roadster, Chevy Volt/Opel Ampera, Think City

Hybridantrieb

Brennstoffzellenantrieb

Range Extender

TOP



TOP