Aus Berlin berichtet Tom Hillenbrand
Politiker müssen dauernd Dinge eröffnen - Kreisverkehre, Museen, Aufzuchtstätten für bedrohte Seeadler. Auf dem Elektroautogipfel weiht die Kanzlerin passenderweise eine Elektrozapfsäule ein, zumindest versucht sie es. "Gibt's da, also kommt da auch ein Stecker?" Sie drückt auf den Knöpfen der Ladestation herum, immer wieder, doch es passiert nichts. "Manche haben jetzt vielleicht Pyrotechnik erwartet", witzelt der als Moderator eingekaufte ZDF-Sprecher Steffen Seibert, "aber das können und wollen wir hier nicht leisten."
Das fasst ganz gut zusammen, was beim ersten Elektromobilitätsgipfel der Bundesregierung herausgekommen ist: Eher Ephemeres, wenig Handfestes. Dabei ist das Defilee der Top-Manager, die für den Gipfel angereist sind, recht beeindruckend. Die Chefs von Daimler, Volkswagen und BMW sind da, dazu Vorstände ohne Zahl, Cheflobbyisten und Bundesminister.
Sie alle sind gekommen, weil es bis vor kurzem so aussah, als nähme die Regierung für die Förderung der Elektromobilität weiteres Geld in die Hand. Die deutschen Autohersteller, denen die Kanzlerin am Montag in Sachen E-Auto "Nachholbedarf" attestierte, versuchten deshalb im Vorfeld mit allerlei PR-Aktionen zu dokumentieren, dass ihre Unternehmen bei der Elektromobilität ganz weit vorne liegen: VW zeigte vor dem Brandenburger Tor erstmals den elektrifizierten Golf, Daimler-Chef Dieter Zetsche brüstete sich, man könne statt hundert jederzeit auch 15.000 Elektro-Mercedes pro Jahr bauen.
Das Geld ist schon in Athen
Nun ist klar, dass es kein weiteres Geld für die Industrie gibt. Schuld daran sind - in gewisser Weise - die Griechen. Die Bundesrepublik stützt Athen mit 22 Milliarden Euro im Kampf gegen die drohende Staatspleite. Zusätzliche Milliardensubventionen für die mit einer deutlich besseren Bonität gesegnete deutsche Autoindustrie wären in der Öffentlichkeit wohl schlecht angekommen.
Auch eine Kaufprämie für Elektroautos, wie sie etwa die Franzosen planen (5000 Euro je Pkw), wird es in Deutschland auf absehbare Zeit nicht geben. Verkehrsminister Peter Ramsauer sagte, er sei überzeugt, das Elektroauto sei "so hip, dass man das haben will", auch ohne Stromer-Prämie.
Winfried Hermann, Verkehrsexperte der Grünen, ist von den Ergebnissen des Gipfels enttäuscht: "So wird das nichts mit dem Leitmarkt Elektromobilität." Es gebe keine zusätzlichen Forschungsmittel, keine Kaufprämie, keine Verpflichtungen. Das ganze sei eine "Inszenierung auf Talkshow-Niveau".
Virtuelle Ökoautos für die Statistik
Völlig leer gingen die Autokonzerne dann aber doch nicht aus. Die Regierung stellte den Unternehmen sogenannte Supercredits in Aussicht. Darunter versteht man die mehrfache Anrechnung von emissionsarmen Fahrzeugen im Flottenverbrauch. Derzeit liegen die deutschen Pkw-Hersteller teilweise deutlich über jenen 140 Gramm CO2 je Kilometer, welche die Europäische Union als durchschnittliches Emissionsziel je Fahrzeug festgeschrieben hat.
Die Bundesregierung will sich nun dafür einsetzen, dass Autos mit weniger als 50 g/km mit einem Multiplikator in die Statistik eingehen. So könnte etwa Daimler sich jeden Elektrosmart drei-, vier- oder fünfmal anrechnen lassen und dadurch auf einen niedrigeren Flottenwert kommen, ohne tatsächlich viele sparsame Autos herzustellen. Das klingt nach Statistik-Schönfärberei - verstärkt aber vielleicht den Anreiz, Stromer auf die Straße zu bringen.
Ob und wann diese Regelung kommt, ist allerdings ungewiss, da sie zunächst in Brüssel abgestimmt werden muss. Stattdessen mündet der Gipfel zunächst in sieben Arbeitsgruppen, die Fragen wie die Normierung von Ladesteckern oder die Schaffung neuer Berufsbilder für Facharbeiter erörtern sollen.
Koordinieren soll das ganze Henning Kagermann, Ex-Chef des einstmaligen Vorzeigekonzerns SAP. Moderator Seibert erklärte den verdutzten Automanagern dann auch gleich, warum Kagermann der richtige Mann für diese Aufgabe sei. Der komme schließlich aus der Software-Branche und wisse, dass man technologisch ganz schnell den Anschluss verlieren könne.
Auf anderen Social Networks posten:
Das Problem ist das noch keiner ein Elektroauto gebaut hat das es sich überhaupt zu vergleichen lohnt. Krawallkisten wie der Tesla oder unsägliches Flickwerk wie der Smart oder Mini kann man nicht dafür nehmen. Das sind [...] mehr...
Ihren Enthusiasmus in Ehren, aber in den USA fahren TOTAL etwa 200 Hydrogen Vehicles rum, etwa 180 davon in CA. Also so massenhaft sind die noch nicht. Kaufen kann man sie auch nicht, nur leasen. Waere bei ueber $250000 pro [...] mehr...
Sind Sie sich da sicher? Hier mal die Berechnungsformel pro gefahrenen Km in Gramm für Benzin und Diesel. Die stimmt zwar nicht zu 100% aber kommt dem realen CO2 Verbrauch ziemlich nahe. Dabei spielt das Fahrzeug und der [...] mehr...
Wann vetreten denn Vertreter noch was, wenn sie täglich 6-8 Std. am Steuer sitzen?...(;>)))> Ich verstehe ja noch, dass LKW-Fahrer Ihr Leben grösstenteils hinterm Steuer verbringen! Aber wer jeden Tag im PKW 500 [...] mehr...
Nein! Es wird bei vernuenftigen Gegenueberstellungen grundsaetzlich "Well to Wheel" gerechnet. Der Unterschied ist uebrigens recht gering. ---Zitat--- Der Wirkungsgrad den man beim Wackelhuber annimmt ist ja nur [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Auto | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Elektroautos | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH